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Mittendrin statt nur dabei

Sonntagabend, 20:15 Uhr: Das allwöchentliche Fernsehritual beginnt. Auf dem Bildschirm vor mir flimmert der Tatort in der ARD. In der Hand halte ich – anders als sonst – einen zweiten Bildschirm, mein Handy. Das Experiment "Second Screen" beginnt.

Zwei Displays eine Leidenschaft: Tatort. Foto: Kristina Simic

Zwei Displays eine Leidenschaft: Tatort. Foto: Kristina Simic

Schon bevor die Tatortmelodie ertönt geht es los: Die digitale Tatort-Fangemeinde versammelt sich vor dem Smartphone. Der Facebook Post zum Kölner Tatort "Ohnmacht" erhält die ersten Likes – ich mache mit. Gespannt und nicht wissend, was gleich passiert, blicke ich abwechselnd auf meine zwei Bildschirme.

"Los geht's" tippe ich punkt 20:15 Uhr in das Kommentarfeld. Einem Bekannten gefällt das Sekunden später. Schon jetzt hat der Tatort Feed über 100 Likes und 18 Kommentare. Parallel versuche ich jetzt, den Handlungssträngen im Fernsehen und auf Facebook zu folgen. Der eine erzählt von Jugendgewalt im bürgerlichen Milieu und davon, wie die Ermittler Ballauf und Schenk den Jugendlichen ihre Schuld nachweisen können. Der andere verfällt schnell in eine Diskussion über Recht und Unrecht, über Moral und Verantwortung des Staates.

Zukunft Second Screen!?

Mehr und mehr Fernsehsender versuchen, die Aufmerksamkeit der Zuschauer durch einen Digitalmix für den Zweitbildschirm zurückzugewinnen. Statt sich auf Online-Shoppingportalen oder Freundes-Seiten von Facebook und Twitter zu bewegen, sollen sich die Zuschauer lieber direkt auf die Angebote der Sender konzentrieren. So lässt beispielsweise RTL seine Zuschauer in Chatrooms über laufende Sendungen diskutieren. Auf den Seiten des Senders VOX finden sich Rezepte zu den Kochschows und Diäthinweise. Bei "Connect", dem Digitalangebot mit Livestream und Chatfunktion von ProSieben, nutzten 60 Prozent der Besucher während der Ausstrahlung von "Germany’s Next Topmodel" die Plattform als Ersatzbildschirm. Die anderen diskutierten und chatteten - wie bei einer "virtuellen Couch-Party".

Die ARD bietet zu der Kommentarfunktion auf Facebook und Twitter zusätzlich zu jeder Tatortfolge auch ein Online-Spiel an. Bei "Tatort: Dein Auftrag" können registrierte Nutzer selbst zu Ermittlern werden. Die Macher gehen davon aus, dass jede Facebook-Empfehlung und jeder Tweet die Aufmerksam des Publikums auf sich zieht und so die Bekanntheit des jeweiligen Formats steigert.

Alles eine Frage der Aufmerksamkeit

Auf meinem Second Screen versuche ich weiter, den zahlreichen Kommentaren zu folgen, sie zu liken und mitzudiskutieren. Nicht so einfach, wenn quasi sekündlich neue Meldungen eingehen. Die Handlung auf dem Fernseher rauscht währenddessen an mir vorbei: Wie hieß das Mädchen, das ihren Vater plötzlich des sexuellen Missbrauchs beschuldigte? Und woher kam das Video, das die Täter während des Angriffs auf das Opfer zeigte? Passenderweise postet ein Nutzer einen sehr treffenden Kommentar: "Leg dein Handy weg und pass auf." Natürlich gefällt mir das – ich drücke auf Like.

Auch auf der Facebook-Seite des ZEITmagazins geht es endlich los. "Free Speech am Arsch", ein Zitat aus dem seit gut zwanzig Minuten laufenden Tatort, erscheint in meinem News Feed. Allwöchentlich postet das ZEITmagazin ein Zitat des Tatorts auf Facebook, woraufhin die Fans fleißig kommentieren, liken und diskutieren. Spätestens jetzt weiß ich nicht mehr, welchem Screen und welcher Handlung ich zuerst folgen soll. Die Geschichte über Jugendkriminalität des Tatorts verschwimmt, Details rauschen an mir vorbei, um in den Kommentarleisten wieder aufzutauchen. Ich habe den Anschluss verpasst.

21:45 Uhr

Nach 1.006 Likes und 463 Kommentaren auf der Tatort Facebook-Seite und weiteren 363 Likes und 181 Kommentaren auf der Seite des ZEITmagazins lösen sich meine Augen erschöpft von den zwei Bildschirmen vor mir. Ich war mittendrin in der eingeschworenen Facebook-Kommentier-Gemeinde. Der Film und die Kommentare verschmelzen in meiner Vorstellung. So richtig dabei war ich nicht.

Stephanie Frank

VERÖFFENTLICHT AM

13. Mai 2014

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