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Hochschule der Medien

Wohlfühljournalismus

Magazine als Lifestyle

Mattes, griffiges Papier, aufwendige Illustrationen und reduziertes Layout: Entschleunigungs-Magazine sind der neue Trend an den Kiosken der Republik. Sie widmen sich dem einfachen, gebremsten Leben und loben die Handarbeit. Zurück zur Natur oder doch nur ein weiterer Zeitvertreib für die gestressten Großstädter?

Entschleungigung kommt an: Viele Magazine loben das einfache Leben, Quelle: Collage verschiedener Cover

Entschleungigung kommt an: Viele Magazine loben das einfache Leben, Quelle: Collage verschiedener Cover

Man könnte meinen, es sei eine Flucht vor der Realität. Dabei sind Magazine wie "Flow", "Landlust", "Emotion Slow" oder "Landidee" wohl dichter an den Lesern, als man auf den ersten Blick meinen mag. "Unsere Welt wird immer komplexer und die Magazine versuchen, genau das zu kompensieren", erklärt Dr. Lars Rinsdorf, Professor im Studiengang Crossmedia-Redaktion/Public Relations an der Hochschule der Medien. Demnach schaffen die Macher für ihre Leser kleine Wohlfühl-Inseln in einer globalisierten Welt, ordnet Rinsdorf den Trend weiter ein.

Der Rückzug ins Häusliche ist besonders für die bürgerliche Mitte ein Thema: "Es entsteht der Eindruck, dass gerade hier die Wertefragen neu ausgelotet werden. Und dabei finden immer mehr Menschen Zuflucht in der Rückbesinnung auf Traditionen", sagt Rinsdorf. Handarbeit, Einkochen und Ausflüge in die Natur sind nur einige Themen, die wieder in den Fokus rücken – das einfache Leben der Großmutter auf dem Land wird zum Sehnsuchtsort für den von Hektik geplagten Großstädter. Besonders beliebt sind Do-It- Yourself-Anleitungen (kurz: DIY) und Retro-Gegenstände. So feiert beispielsweise die analoge Fotografie derzeit ein kleines Comeback.

Zielgruppe: Frauen in der Mitte des Lebens

Vorreiter dieser Wohlfühl-Bewegung ist das Magazin "Landlust", das eigentlich eher zufällig erfolgreich wurde. "Die ursprüngliche Zielgruppe war die Frau auf dem Land. Doch gerade die Städter sprangen auf das Format an", analysiert Rinsdorf. Im Fokus der Berichterstattung stehen die in Vergessenheit geratenen Traditionen, die dem Leser in einfacher und emotionaler Sprache wieder näher gebracht werden. Das Konzept gibt den Machern Recht: Von der Markteinführung 2006 bis zum Jahr 2013 konnte das Magazin seine Auflage von 130.000 auf beinahe 1,1 Millionen Exemplare steigern.

Für Prof. Dr. Lars Rinsdorf spiegeln Zeitschriften wie "Landlust" und "Flow" das momentane Befinden der Gesellschaft wieder - die Ausdifferenzierung der Bevölkerung nimmt zu. Für die Magazine werde es immer schwieriger, mehrere Gruppen gleichzeitig anzusprechen, so der Professor für Medien- und Verlagsmanagement. Die Folge: Ausdifferenzierung auch auf dem Magazin-Markt. Mal geht es um den Garten, mal ums schöne Wohnen. Wieder andere Titel beschäftigen sich mit dem Stricken, Backen oder Meditieren. Gemeinsam ist allen aber der Wunsch nach Entschleunigung und dem Schaffen eines Wohlfühlmoments für ihre Leser. "Das Alter spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Wichtiger sind die sozialen Milieus, die angesprochen werden", ergänzt Rinsdorf.

Zeit zum Lesen

Es scheint jedoch, als rücke aufgrund des Erfolgs der Wohlfühl-Magazine das Interesse an den Themen Politik und Wirtschaft zunehmend in den Hintergrund. Inspiration vor Information? Gerade am Wochenende sind die Leser bereit, mehr Zeit für die Lektüre überregionaler Qualitätszeitungen zu investieren. Ob "taz", "Süddeutsche Zeitung" oder jüngst der "Focus" und "Spiegel": Wochenendausgaben und der Samstag als Erscheinungstag sollen die Auflagen der Zeitungen und Wochenmagazine wieder stabilisieren. Themen werden ausführlich behandelt, Hintergrundberichte und lange Reportagen. Insofern ist neben der Inspiration die Information noch immer gefragt und trägt zur Meinungsbildung bei.

Stephanie Frank

VERÖFFENTLICHT AM

30. Januar 2015

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