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Hochschule der Medien

Leben ohne Smartphone

Der "surrealen" Welt ausweichen

Ein Leben ohne Smartphone ist für viele junge Menschen undenkbar. Immer erreichbar sein, immer am Ball bleiben. Anna-Licia Brancato lebt seit fünf Jahren ohne Smartphone. Sie prangert vor allem die Abhängigkeit vom Smartphone und falsche Realitätsdarstellung dessen an.

Anna-Licia Brancato kommt seit fünf Jahren ohne ein Handy oder Smartphone klar. (Foto: Victoria Kunzmann)

Anna-Licia Brancato kommt seit fünf Jahren ohne ein Handy oder Smartphone klar. (Foto: Victoria Kunzmann)

Die 22-Jährige war selbst süchtig nach ihrem Smartphone, vor allem, als sie ein Jahr in den USA verbrachte. "Ich hing bis spät abends noch am Smartphone und morgens gleich wieder", sagt Anna-Licia Brancato. Als sie zurück nach Deutschland kam, war der Kulturschock so groß, dass sie ihr Handy gar nicht mehr verwenden wollte. "Ich hatte auch gar nicht mehr das Bedürfnis, mir ein neues Smartphone zu holen." Seitdem lebt sie ohne Handy, kann so keine Mails mehr checken oder SMS mehr schreiben.

Völlig abgeschottet von der Welt ist sie deshalb trotzdem nicht. Seit Beginn ihres Studiums vor anderthalb Jahren, besitzt die HdM-Studentin ein iPad, durch das sie mit Freunden oder Kommilitonen in Kontakt treten kann. Allerdings kann sie es nur benutzen, wenn sie sich in ein WLAN-Netz einwählt. Das Problem der Abhängigkeit merkt sie nämlich auch bei ihrem Tablet. "Wenn ich mein iPad dabei habe, bin ich auch die ganze Zeit damit beschäftigt."

Einsam ohne Nachricht

Das kritisiert sie auch am Handynutzungsverhalten ihrer Freunde und Bekannten, die bei gemeinsamen Treffen fast nur mit dem mobilen Alleskönner beschäftigt sind. Brancato hat den Realitätsverlust für sich als großes Problem identifiziert: "Wenn man zwei Tage am Stück keine Nachricht bekommen hat, fühlt man sich gleich einsam." Ihrer Meinung nach ist es aber wichtig, auch mal mit den Gedanken allein und unabhängig sein zu können - besonders im Hinblick auf das Leben nach dem Studium.

Soziale Netzwerke wie Facebook verstärken für sie das realitätsferne Bild von der Welt. "Auf Facebook sehen wir nur tolle Posts von glücklichen Menschen an spannenden Orten. Das ergibt ein surreales Bild auf die Welt und übt auf mich Druck aus." Deshalb ist der psychische Druck einer der Gründe, warum Brancato lieber auf das Smartphone verzichtet. Auch von der ihr fremden Fernsehwelt wendet sie sich ab: Ohne Fernseher aufgewachsen, bieten Spielfilme mit langen Werbepausen oder Realityshows ihr auch heute keinen Anreiz, fernzusehen.

Werbewirkung und Manipulation

Die 22-Jährige hat eine kritische Sicht auf die Medien, die zum Beispiel eine entfremdende und manipulative Wirkung auf den Menschen ausüben können. Doch sie studiert Werbung und Marktkommunikation an der HdM. Darüber schmunzelt sie selbst ein bisschen. Die Kreativität war ausschlaggebend für ihre Entscheidung. Die Wirkung von Medien zu kennen, empfindet sie als äußert nützlich, um etwa dem Kunden später selbst ein anderes Bild zu zeigen.

Im Studium fühlt sie sich nicht beeinträchtigt ohne Smartphone. Mails checken und Termine vereinbaren kann sie auch mit ihrem iPad. Über den iMessenger kann sie sich mit Freunden, die ein iPhone oder iPad besitzen, austauschen. Wenn Anna-Licia Brancato unterwegs ist, gilt das alte Prinzip: Sie muss vorher mit der Person einen genauen Treffpunkt mit Uhrzeit ausmachen. Erreichbar ist sie unterwegs nicht.

Victoria Kunzmann

VERÖFFENTLICHT AM

22. Juli 2015

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Medienwelt
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Michael

am 05.08.2015 um 11:16 Uhr

Ich habe bis vor drei Jahren auch ohne Smartphone überlebt, allerdings wird immer mehr einfach erwartet, dass man ein Smartphone besitzt. Während meines Auslandssemesters waren für manche Prüfungen zum Beispiel Smartphones als Wörterbuch erlaubt, normale Wörterbücher aus irgendeinem Grund jedoch nicht. Hätte ich das Auslandssemester nicht gemacht, hätte ich mir wohl auch kein Smartphone gekauft. Mit am schlimmsten ist diese "unterwürfige Haltung" die die meisten Menschen beim Benutzen von Smartphones einnehmen. Wenn ihr schon den ganzen Tag darauf rumtippen müsst, dann haltet wenigstens die Hand ein bisschen höher Leute, denkt an euren Rücken.

Udo

am 23.07.2015 um 21:39 Uhr

Ist bei mir ähnlich. Ich besitze weder Smartphone noch Tablet. Und ca. 90 - 95 % meines Lebens finden gänzlich ohne Handy statt. Ich besitze zwar seit sicher 15 Jahren eines, aber bis vor 7 oder 8 Jahren habe ich dessen Existenz sogar im Freundeskreis verheimlicht. Klar gibt es viele Situationen in denen das Handy hilfreich ist. Wenn ich vorher weiß, dass ich es unterwegs brauchen würde, dann muss ich bewusst dran denken, es auch mitzunehmen (und selbst da habe ich es dann schon öfter doch noch vergessen). Ich empfinde es schon immer als Luxus eben nicht in der Erwartungshaltung zu sein immer und überall möglichst zeitnah erreichbar zu sein. Wenn ich nicht daheim bin, dann bin ich eben nicht daheim ...

Pascal

am 23.07.2015 um 13:02 Uhr

Ich hatte nie ein Smartphone und habe auch nicht das Bedürfnis eines zu kaufen. Mir genügt ein Tastenhandy ohne Tochscreen, da ich es ohnehin nur zum Telefonieren und SMS schreiben nutze. Ein Tablet besitze ich zwar ebenfalls, jedoch wird es kaum verwendet. Für mich ist die ständige Erreichbarkeit oder der „ImmerOnlineStatus“ eine Fessel. Unterwegs in sozialen Netzwerken immer auf dem Laufenden zu sein, ist überhaupt nicht notwendig und lenkt eher von den wirklich wichtigen Dingen ab. Wichtige Dinge sind z. B. das Wetter zu genießen, sich mit anderen Menschen (von Angesicht zu Angesicht) auszutauschen oder einfach mal sich zurücklehnen und die Seele baumeln zu lassen. Währenddessen kommen einem auch neue Eindrücke und Ideen in den Sinn. Wenn ich unterwegs bin, bin ich unterwegs. Dann findet mein Leben in meiner Umgebung statt, nicht auf einem Display.

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