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Hochschule der Medien

Sommerserie zu Talkshows, Teil 6

Von Lügendetektoren und Vaterschaftstests

Im letzten Teil der Sommerserie stellen wir ein Talk-Format vor, das in den 1990er Jahren die deutsche Fernsehlandschaft eroberte: Die Daily-Talkshow. Wo heute Scripted-Reality-Formate dominieren, bestimmten damals "Hans Meiser", "Arabella" und Co. den Fernsehnachmittag. Private Erlebnisse und Probleme wurden öffentlich gemacht, Geheimnisse gelüftet, Menschen stritten und versöhnten sich – und das vor laufender Kamera und einem Millionenpublikum.

"Ich weiß nicht, wer der Vater meines Kindes ist" oder "Heute gestehe ich dir meine Liebe" - Themen dieser Art prägten das Dauerreden am Nachmittag. Ging es anfangs noch verhältnismäßig brav und gesittet in den Sendungen zu, berührten sie angesichts der Themen und der Auftritte einiger Gäste im Laufe der Jahre immer mehr die Scham- und Peinlichkeitsgrenze. Die Themen flachten immer weiter ab, Talkgäste wurden ordinärer und lauter. Zu Höchstzeiten liefen auf den drei Privatsendern RTL, Sat.1 und ProSieben 13 Talkshows täglich. Zwischen 1991 und 1998 war die tägliche Sendezeit von 38  auf 398 Minuten angestiegen.

Von den USA nach Deutschland

Die "Oprah Winfrey Show" war Amerikas erfolgreichste Talkshow und war Vorbild für die deutschen Talkshows der 1990er Jahre. (Foto: Screenshot via youtube.com)
Ihren Ursprung hat die Talkshow in den USA: Erste Talk-Formate gab es dort bereits in den 1950er Jahren. Im Gegensatz zu Deutschland, wurde das US-amerikanische Fernsehen von Beginn an durch Werbemaßnahmen finanziert, weshalb schon damals der Druck zu kostengünstigen Produktionen herrschte. In den 1980er Jahren entstanden zwei neue Talkshow-Gattungen, die dem deutschen Daily-Talk als Vorbilder dienten: Zum einen die "Confessional-Talkshow", in denen Gäste über gesellschaftliche Tabuthemen sprechen. Deren bekannteste und erfolgreichste Vertreterin war Oprah Winfrey mit "The Oprah Winfrey Show". Zum anderen der "Confro-Talk", bei dem über ein strittiges Thema in einer künstlich angeheizten Atmosphäre diskutiert wurde. So schrie der Talkmaster beispielsweise in der "Morton Downey Jr. Show" seine Studiogäste an und wurde dabei vom Publikum angefeuert, nicht selten kam es unter den Gästen zu Handgreiflichkeiten. Mit der Einführung des dualen Rundfunksystems in Deutschland in den 1980er Jahren, also der Zulassung des privaten Fernsehens neben dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, veränderte sich auch die Zielorientierung der Sender: Fernsehen wurde zunehmend als Ware und Dienstleistung verstanden und weniger als informativer, bildender und kultureller Auftrag: Der Kampf um möglichst viele Einschaltquoten war eröffnet, was insbesondere durch Sensation statt Information realisiert wurde.

Billig und beliebt

Talkshows stellten eine billige Methode dar, um in der zuschauerschwachen Fernsehzeit möglichst viel Quote zu machen. Während in heutigen Fernsehprogrammen nichts mehr dem Zufall überlassen wird, kamen sie gänzlich - so wurde es zumindest immer behauptet - ohne Drehbuch aus. Alle Sendungen ähnelten sich vom Aufbau: Sie liefen täglich montags bis freitags von 11.00 bis 17.00 Uhr und trugen meist den Namen des Moderators. Die Talk-Gäste bestanden aus überwiegend "normalen" Menschen und weniger aus Prominenten. Das Publikum im Saal hatte durch Meinungs- und Unmutsäußerungen eine aktive Rolle. Jede Sendung stand unter einem anderen Motto, über das gesprochen wurde. Durch die zunehmende Konkurrenz änderte sich die Formate stetig, persönliche und intime Themen wurden immer mehr eingesetzt, gesellschaftspolitische Themen waren eher nebensächlich. Ein gewissen Niveau konnte nicht mehr gehalten werden und die Shows hatten immer mehr Showcharakter. Sie erfreuten sich so großer Beliebtheit, da die Themen sich zum Großteil mit Partnerschaft, Familie und Sexualität beschäftigten. Zudem befriedigten sie den Voyeurismus der Menschen. Die meisten schauten zu, nicht weil sie sich mit den Gästen identifizieren konnten, sondern um sich über sie lustig zu machen.

Hans Meiser: Der Talk-Pionier

"Hans Meiser" war die erste tägliche Nachmittags-Talkshow. (Foto: Screenshot via youtube.com)
Der Privatsender RTL übernahm das Konzept des nachmittäglichen Talkens 1992 aus der amerikanischen Programmstruktur. US-Kollegin und Talk-Legende Oprah Winfrey diente den Verantwortlichen dabei als Vorbild. "Hans Meiser" war die erste tägliche Nachmittags-Talkshow, die erstmals am 14. September 1992 um 16.00 Uhr ausgestrahlt wurde. Dem Publikum war Meiser bereits aus der Nachrichtensendung "RTL aktuell" bekannt, was dem damals noch unbekannten Format zu einer gewissen Seriosität verhalf. Aufgrund seines großen Erfolgs - die Sendung wurde mit einer Goldenen Kamera und einem Bambi ausgezeichnet - folgten in den darauffolgenden Jahren zahlreiche weitere Daily Talker. "Hans Meiser" war mit bis zu drei Millionen Zuschauern die erfolgreichste Daily-Talkshow. Hieß es zum Sendestart noch, dass Pöbeln, Schreien, Verletzen in der Sendung nichts verloren hätten, konnte dieses Niveau jedoch nicht gehalten werden. Im Laufe der Jahre passten sich die Themen der immer größer werdenden Konkurrenz an. Auch eine Revision der Themengestaltung konnte die Sendung nicht retten. 2001 wurde die Show aus dem Programm genommen.

 

 


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25. September 2015

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