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Hochschule der Medien

Schockfotos auf Zigarettenschachteln

Wenn Worte allein nicht mehr wirken

Ab 2016 sollen Raucher und die, die es eventuell werden wollen, mit drastischen Bildern auf Zigarettenverpackungen die Lust am Glimmstängel verlieren. Insbesondere junge Menschen sollen damit vom Einstieg in die Nikotinsucht abgehalten werden.

Schockbilder sollen am 2016 die Zigarettenschachteln schmücken. (Bild: Europäische Kommission, via: br.de)
Wer kennt nicht die ans Gewissen appellierenden Warnhinweise, die 20 Millionen Rauchern hierzulande den Genuss an einer Zigarette verderben sollen? "Rauchen kann tödlich sein" oder "Rauchen verursacht tödlichen Lungenkrebs" - seit 2003 zieren diese und andere Botschaften die deutschen Zigarettenschachteln. Nun werden sie um eine weitere Abschreckungsmethode ergänzt: Künftig sollen insgesamt 42 Schockmotive - von Geschwüren über verfaulte Zähne bis hin zu traurigen Kindern, die an einem Grab stehen - die Zigarettenverpackungen schmücken und damit das Rauchen unattraktiver machen.

Alle EU-Mitglieder machen mit

Diese Maßnahme ist Teil der neuen Anti-Raucher-Verordnung der Europäischen Union (EU). Die Schockmotive und die dazugehörigen Warnhinweise sind für alle EU-Mitgliedsländer verpflichtend. Sie sollen mindestens 65 Prozent der Vorder- und Rückseite bedecken. Damit Käufer sich nicht an ein Bild gewöhnen und somit abstumpfen, müssen die Bilder jedoch nach einer gewissen Zeit rotieren. Dr. Franco Rota, Prorektor an der Hochschule der Medien (HdM) und Professor im Studiengang Werbung und Marktkommunikation steht dieser Maßnahme kritisch gegenüber. "Für Initialraucher wirken die Bilder sicherlich zunächst abschreckend, aber Gewohnheits- und Genussraucher halten sie nicht vom Rauchen ab", meint Rota.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Verkehrssicherheitskampagne "Runter vom Gas" mit drastischen Bildern (Bild: BMVBs und DVR)
Im Gegensatz zu den schriftlichen Warnhinweisen, die teils schwer zu fassen sind, genügt bei den Schockmotiven ein Blick, und man versteht sofort, was die Folgen des Rauchens sein könnten. Bildliche Informationen beeinflussen uns anders und werden anders von uns verarbeitet als Texte.
In der Werbeindustrie sind Schockmotive ein beliebtes Instrument, um Aufmerksamkeit zu erregen. Sie motivieren zum längeren Hinschauen und bleiben länger im Gedächtnis. So machte die Kampagne "Runter vom Gas" des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur mit dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat auf eindringlichen Plakaten mit fiktiven Todesanzeigen und Unfallszenen auf die Folgen überhöhter Geschwindigkeit im Straßenverkehr aufmerksam.

Das Aus für den Marlboro-Mann?

Ob die Bilder tatsächlich vom Griff zur Zigarette abhalten, ist noch unklar. In Australien scheinen sie jedoch die gewünschte Wirkung zu erzielen: Anrufe bei Rauchentwöhnungs-Hotlines sind seit der Einführung der Verpackungen im Jahre 2012 um 78 Prozent gestiegen. Rota glaubt nicht an den dauerhaften Erfolg der Bilder: "Sie erfüllen nur am Anfang ihren Nutzen und erhöhen die Hemmschwelle, nach einer gewissen Zeit gewöhnt man sich jedoch auch daran, denn ein Raucher nimmt selektiv wahr", so Rota.

Für die Tabakindustrie wird es zunehmend schwierig, ihre Ware an den Kunden zu bringen. Nach der Einführung von Warnhinweisen und verschärften Nichtraucherschutzgesetzen, wie unter anderem den Rauchverboten in Gaststätten und Bahnhöfen und nun auch den Schockbildern, möchte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt auch der Zigarettenwerbung auf Plakaten und Kino endgültig einen Riegel vorschieben. Das dürfte das Karriereaus für den Marlboro-Mann bedeuten.

 

Foto Startseite: Europäische Kommission via: br.de

Quellen:

  • spiegel.de
  • welt.de
  • sueddeutsche.de
  • Ballstaedt, Steffen-Peter (1996): "Bilderverstehen, Bilderverständlichkeit - Ein Forschungsüberblick unter Anwendungsperspektive". In: Krings, Hans P. (Hrsg.) (1996): Wissenschaftliche Grundlagen der Technischen Kommunikation. Tübingen: Gunter Narr Verlag.
  • Müller, Marion G. (2003): Grundlagen der visuellen Kommunikation, Konstanz: UVK

Isabell Meurers

VERÖFFENTLICHT AM

20. Oktober 2015

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