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Hochschule der Medien

US-Wahl 2016

"Tabubrüche sind mittlerweile eine Art Standard"

Nach dem überraschenden Wahlerfolg von Donald Trump spricht HdM-Professor Klaus Kamps über die Kommunikationsmittel in den USA und blickt auf die Bundestagswahl in Deutschland im kommenden Jahr.

Prof. Dr. Klaus Kamps lehrt an der Hochschule der Medien.

Prof. Dr. Klaus Kamps lehrt an der Hochschule der Medien.

In der deutschen Berichterstattung bekam die US-Wahl sehr viel Platz. Sollte man in Deutschland in genau diesem Ausmaß über die Wahl des US-Präsidenten berichten?

Sicher hat die Wahl viel Raum bekommen, gerade im Verhältnis zu anderen. Aber das scheint in Ordnung, denn da wäre immer noch die Frage: Wer oder was leidet darunter? Fällt da etwas hinten raus? Das sehe ich nicht. Das Netz kennt keine Grenzen, und die Printmedien haben am Ende des Tages auch nicht exorbitant ausufernd berichtet.

Wurde Ihrer Meinung nach ein Kandidat mehr beleuchtet?

Ich muss vorwegschicken, dass das, was ich über solche Zusammenhänge sage, nicht auf einer konkreten empirischen Arbeit beruht, sondern allein auf meinen subjektiven Beobachtungen. Also: Ich denke nicht, dass ein Kandidat mehr in den Vordergrund gestellt wurde. Die Journalisten haben schon versucht, ausgewogen zu berichten. Aber der eine Kandidat hat natürlich durch seinen Stil eine Menge Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Da muss man aber auch nicht nachzählen, wer mit mehr Wörtern bedacht wurde. Es hat sich naturgemäß ergeben, dass die Person von Donald Trump ein bisschen mehr hinterfragt wurde, während bei Hillary Clinton eher ihre Position innerhalb des politischen Systems beleuchtet wurde. Beide Kandidaten bekamen schon in den vergangenen Jahren ein hohes Maß an Medienaufmerksamkeit, Donald Trump allerdings nicht als Politiker.

War das eine besondere Herausforderung für die Journalisten?

Nein, das glaube ich nicht. Fläche bieten beide genug. Die Herausforderung ist eher, bzw. war eher, die Rezeption der beiden Persönlichkeiten in der US-Gesellschaft zu reflektieren. Das ist vielleicht nicht ganz so gut gelungen. Die Frage lautet zum Beispiel mit Blick auf Trump: Wie konnte es kommen, dass jemand, der sich so verhält, so viele Anhänger hat? Ich denke, dass man sich da allzu häufig mit einfachen Antworten zufrieden gab. Es stimmt zwar auch, aber es ist auch nicht alles, wenn man sagt "das da, also die Trump-Anhänger, das sind die wirtschaftlich Abgehängten, die Globalisierungs- und Modernisierungsverlierer." Ich vermute, dass es wesentlich differenziertere Gründe gibt, gegen Hillary Clinton zu sein, wesentlich differenzierter, Trump zu unterstützen, und dass also alles in allem die Wählerschaft sehr viel heterogener ist. An der Stelle hat es meines Erachtens in der Berichterstattung manchmal gehakt.

Welche Kommunikationsmittel haben die Kandidaten denn selbst eingesetzt?

Trump hat seinen eigenen Twitter-Wahlkampf geführt. Da er eine provokante, ja aggressive Position eingenommen hat, liegt Twitter durchaus nahe. Spruch raushauen und weg, vielleicht noch ein kleines Foto dazu, und die Wellen in den anderen Informationsplattformen rauschen von alleine. Hillary Clinton hat mehr mit Videos gearbeitet. Das ist aber auch nichts Neues. Schon in den vergangenen Wahlkämpfen haben die Kandidaten die jeweils vorhandenen Kommunikationsinstrumente unterschiedlich genutzt. So wie Donald Trump getwittert hat, führte er auch seine Reden: einfach, prägnant und deutlich.

Welche Unterschiede gab es in der Sprache der beiden Kandidaten?

Wenn man sich eine Trump-Rede antut, merkt man, dass da tatsächlich nicht so viel kommt. Man wartet, und es kommt nichts. Das ist eine Ansammlung von Schubladenbeschreibungen, kategorial und nicht sehr detailliert. Hillary Clinton ist sprachlich etwas konkreter und inhaltlich komplexer gewesen. Von der Rezeptionsseite aus könnte das ein Problem gewesen sein. Man weiß, dass sie in der Mitte des Wahlkampfes dann einen Strategiewechsel vorgenommen hat. Sie wollte etwas wärmer, familiärer wirken.

Inwiefern wird die Aneinanderreihung der Tabubrüche aus dem US-Wahlkampf Einfluss auf den Bundestagswahlkampf im kommenden Jahr nehmen?

Mittlerweile muss man ja auf alle Merkwürdigkeiten gefasst sein. Eigentlich möchte man lachen, aber das bleibt allmählich im Hals stecken. Populismus und Tabubrüche, Unverschämtheiten, Beleidigungen, Unterstellungen und Provokationen bis hin zur offenkundigen Lüge sind mittlerweile in manchen Kreisen eine Art Standard. Ich kann nur hoffen, dass sich unsere Demokratie auch mit zivilgesellschaftlichen Mitteln wehrhaft zeigt, und sich nicht durch Links- oder Rechtspopulismus in die Schieflage bringen lässt. Ich bin mir sicher, dass wir im Bundestagswahlkampf einige Neuheiten erfahren werden. Diese Neuheiten werden sich auch auf die sozialen Netzwerke beziehen. In den USA wurde viel mit Bots gearbeitet.

Sind solche Bots eine Gefahr für die Demokratie?

Die Idee dieser Dinger ist ja, dass man ganze Diskussionsräume besetzt. Man erzeugt - durch automatische Verfahren - den Anschein, dass da eine (meine) Meinung vorherrscht. Da ist eine Menge Psychologie mit im Spiel, bzw. soll ins Spiel kommen. In der Kommunikationswissenschaft kennt man die Idee der sozialen Kontrolle über einen öffentlichen Diskurs bereits. Durch die Vorgabe einer Mehrheitsmeinung geht es bei den Bots dann um die Steuerung von Meinungsäußerungen in Onlineforen. Dem ist man aber nicht hilflos ausgesetzt. Andererseits könnte es tatsächlich eine Rolle spielen. Machen wir uns nichts vor: Es ist ja nicht so, dass wir Menschen uns ins stille Kämmerlein zurückziehen, wenn draußen alle Menschen in eine Richtung denken und reden. Das geht nicht spurlos an uns vorbei. Und da muss man sich auch mal reiben können. Die Geschichte hat ja gezeigt, dass eine stabile und friedfertige Demokratie davon lebt, dass es Konflikte und Streit im öffentlichen Diskurs gibt. Aber bitte unter Menschen, nicht unter Maschinen. Dieser Diskurs befindet sich in einem Wandel. Populistische Politiker erhalten überraschende Wahlergebnisse.

Müssen sich andere Politiker an deren Rhetorik anpassen?

Ich hoffe, das machen sie nicht. Das ist tatsächlich ein Punkt, der mich ein bisschen umtreibt. Ich hoffe, sie passen sich nicht an, sondern reden offen auch darüber, dass die Dinge, jedenfalls die wichtigen Dinge einer Gesellschaft, in der Regel nicht in Slogans markiert oder gar gelöst werden können. Man muss den Menschen sagen, die sich mit der politischen Oberfläche zufrieden geben: Passt auf, das Leben ist zum Teil etwas komplizierter. Komplizierte Sachen kann man nur ein Stück weit in einfacher Sprache fassen. Ihr müsst euch das mal durchlesen, dieses Papier, diesen Artikel oder eine Parlamentsdebatte verfolgen, um das Thema zu verstehen und ein fundierte Meinung zuzulassen - und sei es dann eine, die ich selbst nicht mag. Man kann die Probleme dieser Welt nicht in 140 Zeichen pressen. Wir leben nicht mehr in Höhlen, in denen es nur darum geht, zu jagen, zu essen und zu schlafen und fertig. Ich hoffe, dass auch die Medien nicht in die Populismusfalle stolpern. Vielmehr sollten sie den Finger in die Wunde legen und das allzu Schlichte allzu schlicht nennen und Scheinantworten Scheinantworten. Wenn der Kaiser nackt ist, dann ist er nackt, und eben nicht in neue Kleider gehüllt.

Prof. Dr. Klaus Kamps ist seit dem 1. März 2014 Professor für Kommunikationswissenschaft an der Hochschule der Medien. Seine Lehr- und Forschungsgebiete umfassen Kommunikationstheorie, Journalismusforschung und Medienpolitik. Im vergangenen Jahr veröffentliche Kamps zusammen mit Christoph Bieber das Buch Die US-Präsidentschaftswahl 2012: Analysen der Politik- und Kommunikationswissenschaft.

Maximilian Wolf

VERÖFFENTLICHT AM

23. November 2016

KONTAKT

Prof. Dr. Klaus Kamps

Crossmedia-Redaktion/Public Relations

Telefon: 0711 8923-2694

E-Mail: kamps@hdm-stuttgart.de

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