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Filmkritik 02. Februar 2017

Die Perfektion der dramatischen Tristesse

"Manchester by the Sea" könnte die Überraschung bei der diesjährigen Oscar-Verleihung sein. Das Filmdrama von Kenneth Lonergan (Gangs of New York) wurde in gleich sechs Kategorien nominiert. Auch, weil Casey Affleck aus dem Schatten seines großen Bruders tritt.

Bild: Amazon Studios
Bild: Amazon Studios

Das Leben von Lee Chandler ist ein Trümmerhaufen. Während er tagsüber als Hausmeister in Boston arbeitet, verprügelt er am Abend nach ein paar Bier grundlos fremde Menschen. Die Einsamkeit des schlicht eingerichteten Keller-Appartements ist erdrückend. Auf Annäherungsversuche von Frauen in Bars oder alleinstehenden Hausfrauen in seinem Häuserblock geht er nicht ein.

Der Tod seines Bruders Joe erschüttert sein tristes Leben. Im knapp zwei Autostunden entfernten Manchester-by-the-Sea hat sein Neffe Patrick seinen Vater verloren. Den Vormund soll jetzt Lee übernehmen, der dies um jeden Preis verhindern möchte. Nicht, weil er Patrick nicht mag, sondern vielmehr aus einer inneren Überzeugung heraus. Zu schlimm sind die Erinnerungen an sein Leben in der verschlafenen Kleinstadt am Nordatlantischen Ozean. In einer Reihe von Rückblicken erzählt "Manchester by the Sea" eine tragische Familiengeschichte ohne den Bezug zur Realität zu verlieren.

Probleme gibt es überall, auch in der Kleinstadt

Das Filmdrama könnte als grauer, aber gefühlvoller Gegenentwurf zu Favorit "La La Land" bei der Oscar-Verleihung für eine Überraschung sorgen. Zumindest hätte es die Arbeit von Kenneth Lonergan verdient. Mit gefühlvoller Detailarbeit zeigt er den Kinobesuchern Szenen, die in anderen Filmen bereits aus der Rohfassung geflogen und nicht einmal in der Extended Version einer DVD Platz gehabt hätte. Trotz der stolzen Spiellänge von 138 Minuten schafft Lonergan das seltene Wunder eines kurzweiligen Independent-Films mit Überlänge.

Dabei spielt der Film mit den Gefühlen der Zuschauer indem er die Schauspieler ihre Gefühle zunächst unterdrücken lässt. Insgesamt schafft Lonergan eine Perfektion des Unperfekten. Trotz aller Dramatik bleibt Manchester-by-the-Sea das was es ist - eine unspektakuläre Kleinstadt. Wenn der Film eine Aussage hat, dann, dass es Probleme und Dramen überall gibt. Oft dort, wo man sie nicht vermutet. Hier haben die Sanitäter Probleme, die Liege in den Krankenwagen zu schieben, dort kann Joe Chandler nicht beerdigt werden, weil der Boden zugefroren ist. Wenige Minuten später bekommt sein Sohn Patrick eine Panikattacke, als er tiefgekühltes Fleisch in der Küche sieht.

Es sind die Details, die "Manchester by the Sea" Länge geben ohne Langatmigkeit zu vermitteln. Auch, weil mit Casey Affleck und Lucas Hedges die Hauptrollen hervorragend besetzt sind und Lesley Barber, die Oscar-Nominierung für die beste Filmmusik zurecht bekommen hat.

"Manchester by the Sea" ist seit dem 19. Januar im Kino zu sehen.

Maximilian Wolf

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