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Dokumentarfilm 10. April 2017

Surfen, um zu vergessen

In seinem aktuellen Dokumentarfilm "Gaza Surf Club" gibt Regisseur Philip Gnadt, der bis 2008 Audiovisuelle Medien an der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM) studierte, einen Einblick in eine ganz spezielle Form der Alltagsflucht im Gazastreifen: das Surfen.

Das Kinoplakat zum Film, Foto: © Farbfilm Verleih GmbH
Das Kinoplakat zum Film, Foto: © Farbfilm Verleih GmbH

Sie stehen mit ihren Surfbrettern am Strand und blicken auf das Meer hinunter, bevor sie sich in die Wellen stürzen, die an den Strand von Gaza Stadt peitschen. Dieses Bild zeigt einen Teil des Alltags einer Gruppe Surfer im Gazastreifen; einen Alltag, den man im ersten Augenblick nicht mit der Region verbinden würde. Und doch ist er da und in "Gaza Surf Club" das Zentrum des Films. Denn das Meer und das Surfen sind wie ein Ausbruch aus der täglichen Tristesse, ein Zufluchtsort und ein Moment der Freiheit, der hilft, die miserablen Lebensumstände zu vergessen.

Philip Gnadts Film begleitet eine Gruppe Männer in Gaza, die einen Surfclub gründen wollen. Da ist zum einen der Fischer Mohammed Abu Jayab, der von den Anfängen des Surfens im Gazastreifen, vom Surfen auf Holzbrettern, Schrankwänden, allem, was auch nur annähernd so aussah wie ein Surfbrett, erzählt. Er ist es auch, der Teenagern am Strand Surfunterricht gibt und für den das Surfen ein so fester Bestandteil seines Lebens ist, dass er sich bei einem Bombenangriff mehr Sorgen um sein Brett macht, als um seine Kinder. Denn diese seien, im Gegensatz zu einem Surfbrett, leichter "zu bekommen". Surfbretter zu importieren ist durch die politische Situation im Gazastreifen nahezu unmöglich. Die Ausgangsmaterialien, um Surfbretter selbst zu bauen, sind ebenfalls nicht zu bekommen. Daher träumt Ibrahim Arafat, ein 23-jähriger Surfer, davon, einen Surfshop aufzumachen, den "Gaza Surf Club" zu gründen und den Sport in Gaza fest zu etablieren. Über einen befreundeten Surfer will er auf Hawaii ein Praktikum machen, um die nötigen Kenntnisse zu erwerben, um Surfbretter selbst zu bauen und zu vermarkten. Als er nach einigen vergeblichen Versuchen endlich ein Visum für seine Reise in die USA erteilt bekommt, ist er überglücklich.

Gnadts Film zeigt einen weiteren Apekt des Surfens, wenn er die 15-jährige Sabah, die als Kind von ihrem Vater wie all ihre Geschwister - Jungs und Mädchen gleichermaßen - das Surfen beigebracht bekommen hat, von ihren Erlebnissen auf dem Brett, ihren Träumen und Wünschen erzählen lässt. Als junges Mädchen ist ihr jetzt allerdings, aufgrund der Moralvorstellungen in Gaza, das Surfen untersagt. So bleibt ihr nur, in Erinnerungen zu schwelgen, den Jungs vom Strand aus zuzusehen und die seltenen Momente zu genießen, in denen ihr Vater mit Sabah auf einem Boot aufs Meer hinausfährt und sie auf dem Surfbrett wie auf Wasserski hinterherzieht. Zurück am Strand wird Sabah wie eine Heldin gefeiert: Von einer Gruppe von jungen Schülerinnen umringt, die aus dem Staunen kaum herauskommen, erzählt sie von ihrem Gefühl auf dem Brett und von diesem kurzen Moment der Freiheit. Dabei strahlen ihre Augen und sie kommt aus dem Lächeln nicht mehr heraus.

Gnadt und sein Team haben, in vielen eindrucksvollen Bildern und Kurzinterviews, eingefangen und greifbar gemacht, wie wichtig das Surfen jedem einzelnen ihrer Protagonisten ist. Dabei sind sowohl die Aufnahmen im Wasser als auch die in Gaza Stadt, die die Gegenpunkte zwischen kurzen Momenten der Hoffnung und unendlicher Tristesse bilden, unaufgeregt und sagen so teilweise weit mehr aus, als jeder gesprochene Satz es vermag.

 

"Gaza Surf Club" ist seit dem 6. April 2017 im Atelier im Bollwerk und im Delphi Arthaus Filmtheater in Stuttgart zu sehen.

Kristina Simic

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