Kommentar

Be fat and be happy

Oder: Wie man die Auswirkungen der Corona-Pandemie zum Guten nutzen kann

Während die Corona-Pandemie noch immer die ganze Welt in Beschlag nimmt, hat sich über die letzten Wochen ein neues Problem entwickelt, das sich leider auch nicht so schnell loswerden lässt, wie man gerne hätte: Der Quarantänespeck. Aber mal ganz ehrlich … so what?

 

 

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Über sechs Wochen ist es nun her, dass die Menschen in Deutschland ihr Dasein coronabedingt vorzugsweise in ihren eigenen vier Wänden fristen. Das sind mehr als anderthalb Monate, in denen jeder bestimmt mindestens einmal mit dem Gefühl der Langeweile konfrontiert war. Für die richtig Motivierten unter uns kein Problem. Ein flüchtiger Blick auf Instagram reicht und es wird klar: Alle machen scheinbar das Beste aus der aktuellen Situation. Mit Sportmatten, Instrumenten, Büchern oder Sprach-Apps sagen sie dem süßen Nichtstun den Kampf an. Hier aber allen so genannten Selbstoptimieren zum Trotz: Die Zeit zuhause kann man sich auch anders vertreiben als mit falsch ausgeführten Trainingseinheiten oder dem übereifrigen Nachahmen der japanischen Aufräumexpertin Marie Kondo. Wie das? Na, mit Genießen!

Immerhin sind bislang Supermärkte die einzige Möglichkeit gewesen, aus grundmenschlichen Bedürfnissen heraus das Haus zu verlassen, nämlich, um mit Lebensmitteln seinen Hunger zu stillen. Richtig geshoppt wird dann halt statt im Kaufhaus im Kühlregal, in der Gemüse- und Obsttheke oder in der Süßwarenabteilung. Dann heißt es: Endlich wieder in Ruhe schlemmen. Warum denn auch nicht? Genau jetzt haben wir die Zeit dafür. Und die Lust dazu? Die kommt spätestens nach der zehnten Tiefkühlpizza, dem siebten bestellten Essen und dem dritten Lagerkoller - denn ohne dauerhaft geöffnete Restaurants und Cafeterien sind wir auf uns allein gestellt, um uns mal wieder was Leckeres auf den Teller zu zaubern.

Gammeln erlaubt

Die Zeit zuhause kann man also völlig legitim dafür nutzen, sich durch den frisch gefüllten Kühlschrank zu wühlen und neue Rezepte auszuprobieren. Nicht aus dem Haus gehen zu müssen hat nicht nur Nachteile. Jeans anziehen? Nein, danke. Warum auch? Sieht doch eh keiner. So sieht mit großer Sicherheit ein durchaus plausibler Gedankengang vieler Menschen heutzutage aus. Und wenn man dann schon im Jogginganzug im Wohnzimmer auf dem Sofa chillt, dann kann man es sich auch gleich bitte richtig gemütlich machen: Fernseher an, Beine hoch, Hände am selbst gebackenen Bananenkuchen, Grinsen im Gesicht.

So vergehen die Tage, die Liste der bereits gesehenen Serien und Filme wird immer länger und die Anzahl der Flecken auf der Lieblingsjogginghose immer mehr. Vom schlechten Gewissen keine Spur - bis der erste Blick auf die Waage folgt. Jetzt lässt sich der Schock über die Realität nicht mehr wie ein Krümel vom Pyjamaoberteil schütteln. Der Winterspeck hat einen neuen Freund gefunden: Den prallen Quarantänespeck. Kein Wunder, wenn die weitesten Strecken, die wir mittlerweile tagtäglich zurücklegen, die zwischen Küche, Wohn-, Schlaf-, und Badezimmer sind. Spätestens jetzt passen überraschenderweise auf einmal nur noch Jogginghosen und die Jeans kommt auf den "Wenn ich wieder dünner bin"-Stapel. Ist okay, solange man darauf achtet, bei geschäftlichen Videokonferenzen - im wahrsten Sinne des Wortes - oberhalb der Gürtellinie zu bleiben.

Who cares?

Aber jetzt mal ganz unter uns: Wen juckt's? Wenn Freibäder & Co. weiterhin geschlossen bleiben sollten, wird dieses Jahr im "echten" Leben sowieso kaum jemand den ultimativen "Summerbody" zu Gesicht bekommen. Naja, bis auf den Spanner vom Balkon gegenüber - zumindest, wenn man mit einem gesegnet ist. Mit einem Balkon natürlich, nicht mit einem Spanner. Doch zurück zum Thema: Solange man sich in seiner Haut wohl fühlt, macht man sowieso nichts falsch. Sich wieder in Form bringen kann man auch, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Und wann das ist, soll jeder für sich entscheiden. Es ist doch egal, ob man seine Zeit gerade lieber damit verbringt, das Essen und das Nichtstun zu genießen oder lieber Sprachen lernt. Um sich dann - wie Roberto Blanco - damit zu brüsten, sieben Sprachen zu sprechen, davon aber keine fließend. Wir anderen trainieren nebenher unsere Rechenfähigkeiten - und zwar vor allem damit, unsere zusätzlichen Kilos zu zählen.

An dieser Stelle soll aber nochmals an etwas erinnert werden: Menschen und Medien sprechen der Coronakrise, trotz all der Konsequenzen, die die Krankheit global mit sich trägt, eine Art "Entschleunigung" der Gesellschaft zu. Dadurch, dass das alltägliche Leben, wie wir es bis dato kannten, stillgelegt ist, müssen wir zu schätzen lernen, was wir haben. Warum sich daran  nicht ein Beispiel nehmen und das eigene Leben ein bisschen "stilllegen"? Damit ist natürlich nicht der Prozess der völligen Verwahrlosung gemeint. Eher die Idee, die Zügel etwas lockerer zu lassen und ein bisschen zu entspannen. Sich also einfach mal zurücklehnen und sich mal sein lassen. Ohne den künstlichen Druck, den wir uns eigenständig Tag für Tag angewöhnt haben, aufzubauen.

Selbstoptimierung durch Selbstliebe

Wenn der Sommer kommt, werden wir uns hoffentlich einfach nur darüber freuen, wieder ungezwungen miteinander Zeit verbringen und uns im Freien aufhalten zu können, ohne uns um geliebte Menschen oder um uns selbst sorgen zu müssen. Wir werden froh sein, über etwas anderes als Corona zu reden. Wen interessiert da schon die ein oder andere Speckrolle, die sich dann unter dem Shirt wölbt? Dank Abstandregelungen wird hoffentlich sowieso niemand mehr so nah an einem dran sein, dass er hören kann, wie die Oberschenkelinnenseiten beim Laufen aneinander reiben. Dann lieber Kopf hoch und den Speck - wie ein gut gelaunter Metzger - mit einem Lächeln tragen. Wem es doch zu unangenehm ist, kann sein Doppelkinn immer noch unter einer schicken Gesichtsmaske verstecken. Bis dahin arbeiten wir neben lernen, kochen, sporteln, aufräumen etc. an einer anderen Form der Selbstoptimierung: Der Selbstliebe. Und das mit Genuss und einer gesunden Portion Gelassenheit.

 

Giuseppa Maria Spatola

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06. Mai 2020

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