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Hochschule der Medien

Medien und Corona

Journalismus in Zeiten von Corona

Die Corona-Krise bringt die Medien in eine paradoxe Lage: Einerseits ist die Wertschätzung des Publikums für journalistische Produkte so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Andererseits bricht der Werbemarkt massiv weg. Redaktionen können kaum noch finanziert werden, die Medienvielfalt ist gefährdet. Die Pandemie ist jedoch nicht der Auslöser, sondern Beschleuniger eines schon längst anstehenden Branchenwandels.

Die Nachfrage nach seriösem Journalismus, der informiert und einordnet, ist derzeit immens. Der sprunghafte Anstieg von Zugriffszahlen auf digitale Angebote von Zeitungen sowie ungewöhnlich hohe Quoten von Nachrichten- und Sondersendungen deuten auf ein gesteigertes Bedürfnis nach Orientierung hin. Auch auf sozialen Plattformen werden auffallend häufig Medienbeiträge geteilt. Besonders in Krisenzeiten übernimmt der Journalismus die Rolle einer beobachtenden Instanz, der sogenannten "vierten Gewalt im Staat", und auch die eines Vermittlers zwischen Regierungspolitik und Bedürfnissen der Gesellschaft. Klassische Medien versorgen Bürgerinnen und Bürger mit jenen Informationen, die diese für ihre politische Meinungs- und Willensbildung benötigen. Die Regierungen mehrerer Bundesländer haben daher Journalistinnen und Journalisten seit Ausbruch der Corona-Krise als "systemrelevant" eingestuft. Um diese journalistische Leistung zu erbringen, bedarf es gut ausgestatteter Redaktionen. Doch diese sehen sich derzeit mit finanziellen Notlagen konfrontiert.

Aktuelle Lage der Medien

Leere Redaktion
Das Anzeigengeschäft der Medienhäuser ist seit Beginn der Corona-Krise stark eingebrochen. Für April 2020 geht der Spitzenverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) über alle Medien hinweg von einem Rückgang der Werbeinvestitionen von mindestens 40 Prozent aus. Besonders Zeitungen und lokale Radiosender sind davon betroffen. Viele Redaktionen mussten bereits Kurzarbeit anmelden, um die wegbrechenden Einnahmen zu kompensieren. Dies betrifft auch große Häuser wie die Handelsblatt Media Group (HMG) und Die Zeit. Von der Finanzlage klassischer Medien sind vor allem die vielen freien Journalistinnen und Journalisten betroffen. Festangestellte gehen teilweise in Kurzarbeit und die Einstellungschancen für den Berufseinstieg sind zunehmend erschwert. Bei der RTL-Gruppe etwa gilt derzeit ein konzernweiter Einstellungsstopp.

Kritisch zu betrachten ist, dass durch die Kurzarbeit in Redaktionen nun weniger Arbeitszeit zur Verfügung steht. Diese fällt weg, da Journalistinnen und Journalisten jetzt ihre Arbeitszeiten korrekt erfassen müssen, um keinen Subventionsbetrug zu begehen, während vor Corona meist deutlich mehr gearbeitet wurde, als vertraglich geregelt. Viele Verlage begründen die Kurzarbeit mit geringerem Umfang. Einige Zeitungen verzichten jedoch bewusst auf Artikel und für die übrigen Beiträge bleibt weniger Zeit. So droht Mehrarbeit statt Kurzarbeit.

Werbung allein reicht nicht

Medien in der Krise
Trotz anstiegender Abonnements können die Ausfälle bei den Werbeeinnahmen kaum ausgeglichen werden. Solange die Wirtschaft nicht auf Vorkrisenniveau zurückgekehrt ist, wird der Druck auf die Werbebudgets weiter anhalten. Bereits nach der großen Finanzkrise 2008 waren die Auswirkungen auf den Werbemarkt und die Redaktionsetats eklatant. Der Digitalverlag BuzzFeed prognostiziert, zumindest für US-Verlage, dass die Folgen der Corona-Pandemie noch schwerwiegender ausfallen werden.

Der privatwirtschaftlich finanzierte Journalismus steht nicht erst seit Ausbruch der Pandemie unter Druck. Insbesondere lokale und regionale Zeitungen leiden seit Jahren unter schrumpfenden Vermarktungserlösen und einem Auflagenschwund. Die Corona-Krise intensiviert nun diese prekäre Lage und verdeutlicht das nicht mehr funktionierende Finanzierungsmodell des Journalismus: Das Geld der Leserinnen und Leser macht lediglich ein Drittel der Einnahmen von Zeitungsverlagen aus. Den Rest bestimmen Veranstaltungen, die derzeit ausfallen, und vor allem Werbeerlöse, die um bis zu 80 Prozent eingebrochen sind. Dabei bleiben die Fixkosten bei 100 Prozent. Dass sich die Systemrelevanz des Journalismus nicht mehr alleine auf dem Werbemarkt finanzieren lässt, ist schon lange klar.

Als Schutzmaßnahme wurden im März ganze Redaktionen ins Homeoffice verlagert. Unter anderem die SZ-Redaktion. Sie musste sich so schnell neu sortieren, wie noch nie zuvor in der 75-jährigen Geschichte der Zeitung. Zugänge zu gesicherten Leitungen und die Bandbreite wurden aufgestockt, Absprachen finden virtuell statt. Zudem weichen klassische Ressortstrukturen auf. Redaktionen arbeiten vermehrt crossmedial und themenorientiert, verstärken Eigenrecherchen und politische Themen. Die Vorsitzende der deutschen Journalistinnen- und Journalistenunion, Tina Groll, erklärt die Corona-Krise zum Beschleuniger der Digitalisierungsprozesse in den Medien.

Warten auf staatliche Medienförderung

Zustellförderung ist nötig
Lokalzeitungen, Anzeigenblätter und lokale Rundfunkanbieter kämpfen seit Ausbruch der Pandemie um ihre Existenz. Da die Medienbranche weitestgehend mittelständisch mit hohem Anteil von Selbstständigen und Freiberuflern geprägt ist, profitiert sie nicht von den vom Bund bereitgestellten Wirtschaftsstabilisierungsfonds für Unternehmen. Um die Meinungsvielfalt sicherzustellen, schlägt die Opposition nun staatliche Rettungspakete für Medien vor. Die Grünen fordern medienübergreifende Förderfonds, um privaten Sendern und Online-Medien bei den technischen Kosten sowie Verlagen bei der Zustellung zu helfen. Auch von der Linken liegt ein Antrag vor. Rundfunkanbieter befürworten solche Staatshilfen, während Verlage eine mögliche Einflussnahme des Bundes befürchten. Die Funktion als unabhängige Berichterstatter müsse jederzeit gewährleistet werden.

Die Sicherung der Meinungsvielfalt steht schon seit längerem auf der medienpolitischen Agenda. Bereits im November letzten Jahres wurde mit den Stimmen der Koalition aus Union und SPD die sogenannte Zustellförderung von Tageszeitungen und Anzeigenblättern mit 40 Millionen Euro beschlossen. Erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik will der Staat sicherstellen, dass die Auslieferung der Zeitungen bis in die kleinsten Dörfer weiterhin funktioniert. Der Beschluss greift ab 2020 für die nächsten fünf Jahre. Die Ausgaben sind allerdings noch so lange gesperrt, bis ein Gesamtkonzept zur genauen Förderung vorliegt. Besonders kleinere Verlage hoffen auf den Zuschuss.

Quellen:

Kathrin Haas

VERÖFFENTLICHT AM

26. Mai 2020

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