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Hochschule der Medien

Späte Studienanfänger

"Ein spätes Studium ist kein Spaziergang"

Die meisten ihrer Kommilitonen sind halb so alt wie sie selbst: Drei über 40-jährige Studenten der Hochschule der Medien (HdM) berichten von ihrem Studienalltag, dem Leben vor der HdM und ihren Zukunftsplänen. "Das Schwierigste ist, sich vom Berufsleben mit einem gesicherten Einkommen zu verabschieden", sagt der 41-jährige Björn Gallinge, der im vierten Semester Mediapublishing studiert.

Zur Detailansicht Die 48-jährige Eva von Keußler-Tilgner studiert Crossmedia-Redaktion, Foto: Franziska Böhl.

Die 48-jährige Eva von Keußler-Tilgner studiert Crossmedia-Redaktion, Foto: Franziska Böhl.

Zur Detailansicht Der 41-jährige Björn Gallinge studiert im vierten Semester Mediapublishing, Foto: privat.

Der 41-jährige Björn Gallinge studiert im vierten Semester Mediapublishing, Foto: privat.

Zur Detailansicht Die 41-jährige Kim Schickling studiert den Masterstudiengang Elektronische Medien, Foto: privat.

Die 41-jährige Kim Schickling studiert den Masterstudiengang Elektronische Medien, Foto: privat.

Ein typischer Lebenslauf eines über 40-Jährigen sieht meist so aus: Schulabschluss, Ausbildung oder Studium, dann die Karriere. Die drei Ü40-Studenten der HdM gingen einen ähnlichen Weg, bis sie ihren beruflichen Werdegang für ein Studium an der HdM unterbrachen. Im Gegensatz zu den meist 20-jährigen Studienanfängern müssen sie aber mit einigen Hürden zurechtkommen: Denn wer über 30 Jahre alt ist, bekommt in der Regel kein BaföG – und auch greift der Studententarif der Krankenkassen nicht mehr. Hinzu kommen andere Verpflichtungen wie eine eigene Familie.

Zwischen Studium, Job und Familie

Eva von Keußler-Tilgner führt ein solches Leben: Die 48-jährige ist verheiratet und hat zwei Töchter im Alter von 17 und 21 Jahren. Auch im Job war sie gefestigt. Nach ihrer Ausbildung zur Anwaltsgehilfin und ihrem BWL-Studium arbeitete sie zuletzt über zehn Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit einer Waldorfschule und schrieb seit über acht Jahren als freie Redakteurin für die Kornwestheimer Zeitung. "In der Nacht vom 14. Januar 2013 habe ich mich kurzfristig für den Bachelorstudiengang Crossmedia-Redaktion beworben", sagt von Keußler-Tilgner, "ich habe schließlich noch 15 Jahre Berufsleben vor mir und da will ich nicht zurückstecken."

Mit dem Studium will sie sich auf den aktuellen Stand im Mediensektor bringen und beispielsweise in Neuerungen wie den Social Media-Bereich einarbeiten. Auch kann sie jetzt endlich Feedback über ihre Arbeiten bekommen. "Ein spätes Studium ist aber kein Spaziergang. Ich mache es ja nicht nur nebenher, sondern habe auch noch einen Nebenjob und meine Familie." Ihr Mann stellte bereits Ähnlichkeiten zu ihrem ersten Studium fest. "Mit Text-Rechenaufgaben hatte ich schon da meine Probleme. Da war die Klausur in Medienwirtschaft im ersten Semester schon eine Herausforderung." Unter hohen Leistungsdruck setzt sie sich deshalb aber nicht. Wenn etwas schief geht, könnte sie auch etwas anderes machen. Am liebsten würde sie danach wieder als Journalistin arbeiten.

Praktisches Wissen mit Theorie untermauern

Anders sieht das Björn Gallinge, der im 4. Semester den Bachelorstudiengang Mediapublishing studiert. "Ab einem bestimmten Alter ist es schwieriger, sich etwas Neues aufzubauen, deshalb kann ich es mir nicht erlauben, zu versagen", sagt der 41-Jährige. Nach seiner Ausbildung zum Buchbinder und seiner Weiterbildung zum Drucktechniker arbeitete er einige Jahre in der Verlagsbranche. Dann gründete er 2003 einen Verlag in Aschaffenburg, in dem er eine regionale Familienzeitschrift herausbrachte und ab 2006 eine Familienmesse aufbaute. Ende 2010 verkaufte er seinen Verlag. "Als ich mich dann bei anderen Verlagen bewarb, stellte ich fest, dass überall ein Hochschulabschluss verlangt wurde", sagt Gallinge.

Seit dem Sommersemester 2012 ist er nun wieder Student, lebt in einer kleinen Wohnung und hat einen Nebenjob in der Herstellung bei einer Druckerei. In dem Bereich kennt er sich durch seine langjährige Erfahrung gut aus. "Im Studium habe ich auch gemerkt, dass ich als Verleger intuitiv immer richtig gehandelt habe, aber jetzt kann ich das dazugehörige Basiswissen aufbauen." Wohin es später einmal genau gehen soll, weiß er noch nicht, denn Rechte, Lizenzen und Produktentwicklung findet er ebenso spannend. Doch den hohen Leistungsdruck, unter den sich Gallinge stellt, spüren auch seine Kommilitonen, die ihn oft zur Entspannung ermahnen.

"Es war genau das Richtige für mich"

Die gleichaltrige Kim Schickling hat es da etwas einfacher. Immerhin muss sie sich als Stipendiatin keine großen Geldsorgen machen. "Aber es ist ein Skandal, dass man mit über 30 Jahren kein BaföG mehr bekommt", so die 41-Jährige. 2010 immatrikulierte sie sich für den Bachelorstudiengang Audiovisuelle Medien. "Es war genau das Richtige für mich und bildete eine tolle Mischung aus Kreativität und technischem Hintergrundwissen." Dann schloss sie den Elektronischen Medien Master an.

Ihr Studium nimmt sie sehr ernst. "Alles, was du tust, hat eine Bedeutung, weil du weißt, dass dein Leben endlich ist. Deshalb probiert man nicht mehr so viel herum." Vor etwa 20 Jahren war das bei ihr anders: Obwohl sie Tontechnik schon immer interessierte, studierte sie Industrie-Elektronik. Erst Jahre später ging sie zum Radio und blieb dort bis 2009. Sie moderierte Sendungen und arbeitete in der Produktion. "Wenn es im Studium um  Rundfunk ging, konnte ich meine Erfahrungen nutzen, doch wenn wir uns mit Bildern oder Videoproduktion beschäftigten, musste ich mich wie alle anderen Studenten auch, erst in das Gebiet einarbeiten."

Franziska Böhl

VERÖFFENTLICHT AM

06. November 2013

ARCHIV

Studium
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gunni

am 02.03.2014 um 23:42 Uhr

Oh mann - immer mehr ernüchternde Tatsachen für mich. Mache grad die Immaturenprüfung zum Erwerb einer Hochschulzugangsberechtigung. Tja - verrückt, aber ich brauchte so lang für die Entscheidung - ich bin 48 Jahre alt. Nun brüte ich über Modelle, wie ich ein Studium realisieren könnte. Dass ich keinerlei Unterstützung beanspruchen kann, ist mir klar. Aber auch keine Ermäßigungen mehr zu erhalten wie andere Studenten, dass find ich ziemlich krass und auch ungerecht. Aber ich brüte trotzdem weiter und werde Schritt für Schritt weiterbasteln an meinem Projekt.

Susanne Dieter

am 30.12.2013 um 20:33 Uhr

Ich bin auch 40 und studiere Angewandte Informatik an der FH Zweibrücken und freue mich, wenn ich über andere studierende "Methusalems" lese. Vielleicht werden es in Zukunft mehr, denn die KFW hat ja die Altersgrenze extrem angehoben, bis 44 Jahre bei Studienbeginn kann man den Kredit bekommen. Ich selbst komme aus der kaufmännischen Schiene und habe mich zunächst mit einer Tätigkeit im erlernten Beruf finanziert, und arbeite seit dem vierten Semester endlich in einer IT-Firma, die mich auch nach dem Studium übernehmen will. Aber wir haben noch Glück mit unseren Interessen / Studienwahl. In anderen Fächern ist das für ältere Semester sicher nicht immer zu empfehlen, ein Studium aufzunehmen, es sei denn zur Selbstfindung. Also eigentlich alles gut, wenn da nicht immer die blöden Sprüche kämen von wegen Studenten feiern nur, schlafen bis mittags, sind faul, haben ein halbes Jahr Semesterferien, leben auf Kosten des Staates (was gar nicht stimmt) etc. :-(

ella

am 10.11.2013 um 20:32 Uhr

Und zusätzlich, dass man in der Stuttgarter Kunst-Kultur-Freizeitlandschaft schon ab 25Jahren keinen Studententarif mehr bekommt!!! Das ist frech! Student bleibt Student, egal wie alt!

micha

am 08.11.2013 um 04:55 Uhr

Neben Ausschluss von BAföG und studentischem Krankenkassentarif wäre in in diesem Zusammenhang auch der rigorose Ausschluss von den Studentenwohnheimen am Campus erwähnenswert. Mindestens genauso ein "Skandal" wie die erwähnte BAföG-Regelung. Ansonsten top Beitrag!

dvux

am 06.11.2013 um 19:04 Uhr

Sehr schöner, knackiger Artikel ;)

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