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Hochschule der Medien

Aktualität vs. Richtigkeit

Das Problem mit dem Echtzeit-Journalismus

Die Nacht vom 1. auf den 2. Juli 2018 war für viele Medien ein Spiel mit dem Feuer. Eine nicht enden wollende CSU-Vorstandssitzung, ein Rücktritt, der doch keiner war. Wilde Spekulationen, anstehende Redaktionsschlüsse, zahllose Tweets und Live-Ticker. Der Wunsch, möglichst zeitnah über einen scheinbar spektakulären Ausgang zu berichten, verleitete einige Medien dazu, vorschnell zu urteilen und unvollständige Beschlüsse abzudrucken. Zum Leidwesen ihrer Glaubwürdigkeit.

Über Social-Media-Kanäle verbreiten sich Halbwahrheiten und Falschmeldungen in Sekundenschnelle. (Bild: unsplash.com)

Über Social-Media-Kanäle verbreiten sich Halbwahrheiten und Falschmeldungen in Sekundenschnelle. (Bild: unsplash.com)

So genannter Echtzeit- oder Live-Journalismus ist schon länger problematisch. Zu beobachten ist diese Art der Berichterstattung immer bei sich schnell entwickelnden Nachrichtenlagen mit großer Bedeutung. Zum Beispiel bei Naturkatastrophen oder Terroranschlägen. Zuletzt aber auch bei der entscheidenden CSU-Vorstandssitzung in der Nacht vom 1. auf den 2. Juli 2018, in der Innenminister Horst Seehofer seinen Rücktritt verkündete, seine Entscheidung später allerdings wieder revidierte und sich im Asylstreit mit Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einen Kompromiss einigen konnte. Im wirren Durcheinander aus kurzen Einschätzungen von Reportern, durchsickernden Informationen von Beteiligten und Meinungen von Couch-Kommentatoren, fällt es schwer, den Überblick zwischen Wahrheit und Spekulation zu behalten. Der Wunsch, trotz ausstehender Bestätigung als Erster eine Eilmeldung zu schalten, kann in manchen Fällen - anders als in der Nacht von Sonntag auf Montag - schwerwiegende Folgen haben.

Falschmeldungen sorgen für Panik

So geschehen am 22. Juli 2016, als am frühen Abend erste Nachrichten in den sozialen Netzwerken auftauchten. "Schüsse am Olympia-Einkaufszentrum in München (OEZ)". Dieser Satz platzte in eine Zeit, in der der Terror nach Paris, Brüssel und Nizza auch in München zuzuschlagen schien. Die Meldungen überschlugen sich, die Angst griff schnell vom OEZ auf die ganze Stadt über. Unzählige Gerüchte und Falschmeldungen auf Twitter, denen zufolge mehrere Schützen am Stachus, im Hofbräuhaus und Hauptbahnhof gesehen wurden, sorgten für kollektive Panik. Spätestens dann, als die unbestätigten Meldungen - eigentlich als hilfreiche Warnung für die Münchener gedacht - auch von einigen Fernsehsendern verbreitet wurden. Etwa vom Nachrichtensender N24, der per Periscope-Stream als einer der ersten mit Live-Bildern vom Olympia-Einkaufszentrum berichtete. Die Folge: Menschen im Hofbräuhaus versuchten panisch, durch Fenster und Türen vor einer nicht vorhandenen Gefahr zu fliehen und verletzten sich dabei teilweise schwer. Die Polizei mobilisierte bis zu 2300 Einsatzkräfte, sperrte den öffentlichen Nahverkehr und evakuierte den Hauptbahnhof. Im Laufe des Abends stellte sich heraus, dass es nur einen Täter gegeben hatte, der sich ausschließlich in der unmittelbaren Umgebung des OEZ aufgehalten hatte und sich später vor den Augen von Polizisten das Leben nahm.

Die Problematik bleibt

Natürlich lassen sich ein Amoklauf und eine CSU-Vorstandssitzung nicht vergleichen. Dennoch bleibt die Problematik des Echtzeit-Journalismus in beiden Fällen weitestgehend dieselbe: Bei einer sich schnell entwickelnden Nachrichtenlage mit großer Bedeutung - wie der Lebensgefahr von Menschen oder dem drohenden Zusammenbruch einer Regierung -, ist die Verbreitung von Falschmeldungen praktisch vorprogrammiert. Schaden tut das allem voran der Glaubwürdigkeit der Medien, die diese veröffentlichen. "Der Begriff 'Echtzeit-Journalismus' beschreibt die Abwägung zwischen Aktualität und Richtigkeit. Im Netz hat sich dieser Zielkonflikt lediglich zugespitzt. Im Sinne der langfristigen Glaubwürdigkeit tun journalistische Medien gut daran, im Zweifel dem Fact-Checking Vorrang zu geben", meint Prof. Dr. Lars Rinsdorf, Studiendekan im Studiengang Crossmedia-Redaktion/Public Relations an der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM) und ergänzt: "Der Fall Seehofer ist für die Problematik in meinen Augen allerdings ein eher schlechtes Beispiel, da er selbst seine Entscheidung wieder über den Haufen geworfen hat. Als Kai Gniffke in den Tagesthemen kommentiert hat, konnte er von der Richtigkeit der Meldung ausgehen." Nur ein paar Stunden später sollte sie sich durch den Rücktritt vom Rücktritt dennoch als nicht endgültig herausstellen.

 

Quellen:

meedia.de

sueddeutsche.de

br.de

David Groß

VERÖFFENTLICHT AM

06. Juli 2018

KONTAKT

Prof. Dr. Lars Rinsdorf

Crossmedia-Redaktion/Public Relations

Telefon: 0711 8923-2257

E-Mail: rinsdorf@hdm-stuttgart.de

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