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Hochschule der Medien

Wahlhilfe-App KOMUNAT

Welche Werte wählen wir?

900 Kandidierende, 20 Listen. So sieht in großen Städten eine Gemeinderatswahlliste aus. Wahlhilfen wie der Wahl-O-Mat scheitern an dieser Herausforderung. Rebecca Beiter und Jan Doria, Studierende der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM), entwickelten nun in Kooperation mit dem gemeinnützigen Stuttgarter Verein Team Tomorrow eine Methode für eine kommunale Wahlhilfe-App, den KOMUNAT.

Der KOMUNAT berücksichtigt Werte
Genießen Sie gerne? Nehmen Sie lieber Einfluss? Oder sind Ihnen Fürsorge, Familie und Freunde, kurz: Ihre sozialen Beziehungen wichtiger? Mit Abwägungen wie diesen wurden im Sommersemester 2020 146 Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Fragebogens konfrontiert, genauer gesagt 95 Wählerinnen und Wähler sowie 51 Mandatsträgerinnen und Mandatsträger. Rebecca Beiter und Jan Doria, eingeschrieben im Masterstudiengang Unternehmenskommunikation der HdM, spürten damit der Frage nach, wie sehr unsere Wahlentscheidung von unseren persönlichen Werten geprägt ist und ob sich unser Wertekompass als Basis für eine universell einsetzbare Wahlhilfe-App nutzen lässt.

Warum ist eine kommunale Wahlhilfe-App überhaupt notwendig?

Das Problem: Insbesondere bei kleineren kommunalen Wahlen, wenn also Gemeinderäte, Bürgermeister oder Kreistage gewählt werden, ist der Einsatz von klassischen Wahlhilfe-Apps aufwändig oder nicht möglich. Der bundesweit bekannte Wahl-O-Mat beispielsweise fokussiert sich auf Parteien, doch bei Kommunalwahlen stehen Menschen im Mittelpunkt. Ansätze wie der Kandidat-O-Mat der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg benötigen eine Redaktion, die Thesen aufstellt. Gerade in kleineren Kommunen ist dieser Aufwand schwer zu stemmen. "Wenn man sich stattdessen auf die Werte der Wähler konzentriert, könnte man unabhängig von der lokalen Politik eine universelle Wahlhilfe-App anbieten", finden Beiter und Doria. Denn wenn die politischen Repräsentanten dieselben Werte vertreten wie ihre Wählerschaft, entscheiden sie von ihren Werten geleitet eher im Sinne ihrer Wählerinnen und Wähler. Und man könnte Wählende und Kandidierende entsprechend ihrer Wertevorstellungen matchen - so die Idee.

Wie "tickt" die Wählerschaft?

Zur Detailansicht
Wertemessung Pflichttreue vs. Selbstbestimmung von Wählern und Mandatsträgern nach PCVS, dargestellt nach Anhängerschaft zu Parteien, n=146.
Doch Werte messbar zu machen, ist nicht einfach. Nach mehreren Pretests griffen die Studierenden auf die Methode "PCVS" zurück. Die Abkürzung steht für "Pairwise Comparison Value Survey", wie ihn Oishi et. al 1998 zur Wertemessung eingesetzt haben, und vergleicht insgesamt zehn Werte jeweils paarweise miteinander, darunter Werte wie Sicherheit, sozial-ökologischer Weitblick, Macht, Leistung, Tradition und Selbstbestimmung. Den Fragebogen übersetzten die Studierenden ins Deutsche und ergänzten Abfragen zu soziodemografischen Daten und politischen Selbsteinschätzungen.

Ihre Ergebnisse bieten spannende Einblicke: Die Anhängerschaft der jeweiligen Parteien korreliert erwartbar mit bestimmten Werten. So bewerten Menschen, die sich politisch eher links verorten, den Wert "sozial-ökologischer Weitblick" als deutlich relevanter für ihr Leben als "Pflichttreue" und "Leistung". Die Werte "Sicherheit", "Tradition" und "Pflichttreue" gaben Anhänger der CDU/CSU als für sie besonders wichtig an. Anhänger der FDP bevorzugen "Macht", "Leistung", "Selbstbestimmung" und bewerten Beziehungen als nicht sonderlich wichtig für ihr persönliches Handeln. Anhänger der Partei Die Linke bevorzugen sozial-ökonomischen Weitblick. Anhänger der SPD besitzen die am wenigsten signifikanten Korrelationen zu den zehn abgefragten Werten. Ein für die Studierenden interessantes Ergebnis, da die Partei in Umfragen  als profillos wahrgenommen wird.

So ergibt sich für Anhänger bestimmter Parteien ein charakteristisches Werteprofil. Die Ergebnisse der Wähler-Befragung decken sich dabei zu großen Teilen mit den Ergebnissen der befragten kommunalen Mandatsträger.

Wie geht es weiter mit dem KOMUNAT?

Der KOMUNAT des Vereins Team Tomorrow war bereits 2019 bei den Kommunalwahlen in Baden-Württemberg im Einsatz, jedoch ohne wissenschaftliche Grundlage. Eine Faktoranalyse der erhobenen Umfragedaten ergab, dass die politische Präferenz stark von den individuellen Werteinstellungen und wenig von soziodemographischen Faktoren wie Geschlecht oder Bildungsstand abhängt - Werte liefern also aussagekräftige Daten für eine Wahlhilfe-App. Team Tomorrow will den KOMUNAT in den kommenden Monaten mithilfe der Forschungsdaten der Studierenden verbessern und um universell relevante Thesen zur Kommunalpolitik ergänzen. Zur Kommunalwahl in Niedersachsen 2021 soll die neue Version des KOMUNAT den Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung stehen.

Das Forschungsprojekt von Rebecca Beiter und Jan Doria, Studierende im Masterstudiengang Unternehmenskommunikation der HdM, war Teil des zweisemestrigen Moduls "Digital Media Technologies", das Prof. Dr. Wolfgang Gruel betreut. Es wurde im Sommersemester 2020 durchgeführt. Kooperationspartner war Julius Oblong vom gemeinnützigen Stuttgarter Verein Team Tomorrow.

Foto Startseite: Moring Brew, via Unsplash.com

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