Wie man ›schöne‹ Bücher verlegt – die Geschichte vom Typo-Virus

Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs erläutert das Programm
Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs erläutert das Programm
Beim Vortrag herrscht gespannte Aufmerksamkeit (Fotos: uhu)
Beim Vortrag herrscht gespannte Aufmerksamkeit (Fotos: uhu)

Der 6. Juni 2018, 10:00 Uhr in Mainz. Gutgelaunte Teilnehmer der diesjährigen Frankfurter Verlagsexkursion des Studiengangs Mediapublishing betreten die kleinen, gemütlichen Räume des Hermann Schmidt Verlags. Herzlichst begrüßt die Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs die Besucher. Sie lädt ein zum Dialog über die Liebe zum gedruckten Wort und die vielschichtige Schönheit der Gestaltung.

Warum eigentlich Hermann Schmidt?

Der Hermann Schmidt Verlag, offiziell im Jahr 1999 gegründet, wird von dem Ehepaar Karin und Bertram Schmidt-Friderichs geführt. Erstere kümmert sich um die Koordination von Programm, Marketing und Vetrieb. Ihr Mann ist aufgrund seiner Ausbildung und jahrelangen Erfahrung in Sachen Druck für alle Aspekte der Herstellung verantwortlich. Er war es auch, der mit seiner Freude an außergewöhnlicher Typografie und Gestaltung bzw. dessen Umsetzung im Druck seine Frau mit dem Typo-Virus infizierte.

Der Name Hermann Schmidt ist eine kleine Hommage an seinen Vater. Dieser hatte die Druckerei von Hanns Krach erworben und aus Gründen der Tradition den eingeführten Namen Krach beibehalten. Sein Sohn wollte ihm, nachdem seine eigene Druckerei nie seinen Namen getragen hatte, mit der Benennung des Verlags eine kleine Ehre erweisen.

Wie fühlt sich eigentlich Achtsamkeit an?

»Ein schönes Buch ist mehr als die Summe seiner Seiten« ist das Credo des Verlags Hermann Schmidt. Dies lud natürlich zu der Frage ein, was genau die Mainzer Büchermacher unter einem ›schönen‹ Buch verstehen. Karin Schmidt-Friderichs erklärte, dass die Schönheit eines Buchs

aus der Synergie von Ästhetik und kreativem Nutzen resultiere - wenn also der Inhalt durch seine gestalterische bzw. grafische Umsetzung ideal reflektiert wird.

Ein gutes Beispiel für die erfolgreiche Umsetzung dieses Leitgedankens im Druck bildet Frank Berzbachs ›Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen: oder Anregung zur Achtsamkeit‹. Karin Schmidt Friderichs berichtete detailliert vom Entstehungsprozess dieses Werks, um so aufzuzeigen, wie die Buchschmiede des Hermann Schmidt Verlags funktioniert und Inhalte drucktechnisch widergespiegelt werden.

Wie fühlt sich eigentlich Achtsamkeit an? Wie schwer darf ein Buch der Achtsamkeit sein? Hat die Achtsamkeit einen geraden oder einen runden Rücken? Buchdummies wurden von Besucher zu Besucher gereicht, Buchrücken gestreichelt, Materialien befühlt und die unterschiedlichen Gewichte der Dummies verglichen. Und schließlich waren sich alle einig: Das Endresultat ist einfach ›schön‹.

Die Verlegerin erzählte den Studierenden weitere Geschichten von Büchern ­- jedes einzelne hat eine eigene Biografie, die von der Leidenschaft und Liebe der Menschen für Bücher zeugt.

Wie man mit einem Buch ein Streichholz entzündet

Als höchst kompliziert charakterisierte Karin Schmidt-Friderichs ihren Verlag hinsichtlich der drucktechnischen Umsetzung all der ungewöhnlichen Ideen, Bücher zu gestalten und herzustellen.

Druckereien und andere Dienstleister würden mit immer neuen ›Abenteuern‹ konfrontiert. Die für Bücher scheinbar merkwürdigsten Materialien finden ihren Einsatz in der Produktion. Von Marmorpapier bis Kork oder den bunten Stoffstreifen von Espadrilles - beim Hermann Schmidt Verlag traut man sich, Wege zu beschreiten, die zuvor nie einer ging. So entstehen Produkte, die in allen Facetten einzigartig sind. Jedes Buch hat seinen Charakter, der in seiner Individualität von Nachhaltigkeit zeugt, ein langes Leben anstrebt und weg will von Begriffen wie Backlist oder dem Novitäten-Schnellfeuer anderer Verlage. Der Mainzer Verlag produziert Bücher, die sogar immer wieder aufs Neue zünden. Und das auch wörtlich: Man braucht nur ein Streichholz!

Autoren feiern, Autoren machen - eine Liebeserklärung

Beim Hermann Schmidt Verlag sollen Autoren und ihre Werke gefeiert werden. Die Verlegerin und ihr Mann sind interessiert an den kreativen Köpfen unserer Zeit und wollen diesen eine Bühne geben für außergewöhnliche Ideen, die zu besonderen Büchern werden. Dafür arbeiten Verlag und Autoren Hand in Hand.

Der Verlag arbeitet zwar durchaus immer wieder mit arrivierten Kreativen zusammen, nimmt sich aber auch sehr gern der neuen, unverbrauchten Stimmen der kreativen Szene an und ›macht‹ sie zu Autoren. Einen festen Hausgrafiker gibt es nicht - um nicht in Stereotype zu verfallen. Deshalb richtet der Hermann Schmidt Verlag den Blick auf die Hochschulen und hält beide Augen offen bei Wettbewerben im gestalterischen Kosmos. So werden Talente entdeckt, deren Arbeiten dann den Regenbogen des Verlagsprogramms ergänzen.

»Ein schönes Buch ist ein Kompliment an seinen Autor - und eine Liebeserklärung an den Leser« lautet ein weiteres Motto des Hermann Schmidt Verlags. Besser lässt sich das nicht sagen.

(es100 und jf087)

 

20. Juni 2018