Exkursion nach Wien 2015 – »Das Buch lebt weiter«

Auf dem Podium (v. l.): Jorghi Poll, Karoline Cvancara, Kai Jelinek und Hannes Lerchbacher
Auf dem Podium (v. l.): Jorghi Poll, Karoline Cvancara, Kai Jelinek und Hannes Lerchbacher
Christian Jahl, Leiter der Hauptbücherei am Gürtel, bei der Hausführung (Fotos: jk144)
Christian Jahl, Leiter der Hauptbücherei am Gürtel, bei der Hausführung (Fotos: jk144)

Anfang Mai war es soweit: Eine Gruppe von 11 Studierenden des Bachelor-Studiengangs Mediapublishing, verstärkt durch eine Studentin des Masterstudiengangs Print & Publishing, machten sich auf die ambitionierte Mission, die Wiener Verlagswelt zu erkunden. Und das in nur fünf Tagen. Begleitet wurden sie dabei von ihren Professoren Ulrich Huse und Stefan Schmid.

Buchkultur in der Wiener Hauptbücherei

Bei strahlendem Sonnenschein machte sich die Exkursionsgruppe auf den Weg zur Hauptbücherei Wien, die entfernt einem alten Maya-Tempel ähnelt. Nicht zuletzt durch diese außergewöhnliche Architektur habe sie eine Sogwirkung auf die Menschen, wie der Leiter der Wiener Hauptbücherei, Christian Jahl, später erklärte.

In den Räumlichkeiten der Hauptbücherei fand ein extra für die Mediapublishing-Studenten organisiertes Verlagspodium statt. Thema: Junge Verlage und ihre Gründungsgeschichten. Zu Gast waren drei Jungverleger aus den verschiedensten Sparten: Jorghi Poll, zuständig für Programm und Lektorat bei der Edition Atelier, einem Verlag der österreichischen Gegenwartsliteratur; Karoline Cvancara, die dieses Jahr erst ihren Verlag Wortreich gegründet hat und damit einen Platz für anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur schaffen möchte; Kai Jelinek, der zusammen mit zwei Kollegen den Hörbuchverlag Mono gründete. In einer sehr aufschlussreichen Diskussion sprachen sie über Chancen und Risiken einer Verlagsgründung, unvermeidliche Probleme sowie deren zeit- und kraftraubende Lösung. Auch wichtige Eigenschaften und große Erwartungen an den Nachwuchs der Branche kamen zur Sprache. Dieser solle, laut Meinung aller Anwesenden, möglichst ein 360°-Talent mit viel Engagement sein. Das ernüchternde Resümee der Veranstaltung zog Karoline Cvancara: Eigenständigkeit ist Selbstausbeutung. Doch sie macht sehr viel Spaß.

Moderiert wurde das Podium von Hannes Lerchbacher, dem neuen Chefredakeur des Magazins Buchkultur. Zusammen mit dessen Verleger Michael Schnepf hatte er die Veranstaltung für die deutschen Gäste organisiert. Buchkultur engagiert sich seit seiner Gründung 1989 für die internationale Vernetzung im Bereich der Buchbranche und hat dem Studiengang – bereits zum zweiten Mal nach 2010 – einen besonderen Einblick in die österreichische Verlagswelt ermöglicht.

Den Abschluss der Auftaktveranstaltung bildete eine Führung durch die Hauptbücherei, die den aktuellen Wandel von Büchereien hin zu ›Lebenszentren‹, in denen Schüler lernen, Studierende Hausarbeiten recherchieren, Eltern sich Erziehungshilfe holen und Migranten Sprachkurse besuchen. Als Arbeiterkind mit drei Geschwistern kenne er die Probleme beengter Wohnverhältnisse, so Christian Jahl. Deshalb freue es ihn besonders zu sehen, dass er seinen ›Kunden‹ aus unterschiedlichsten sozialen Milieus einen Platz in der Bücherei bieten könne.

Vier Tage – fünf Verlage

Nach einer Mittagspause im Café der Bücherei mit einem atemberaubenden Blick über die Stadt begann das eigentliche Besuchsprogramm der Exkursionsgruppe: Fünf Verlage – Czernin, Christian Brandstätter, Styria, Amalthea sowie die Redaktion der Presse – hatten die Studierenden in ihre Räume eingeladen. Bei allen erlebten die deutschen Gäste eine große Auskunfts- und Diskussionsbereitschaft sowie eine herzliche Gastfreundschaft. Trotz der unterschiedlichen Dimensionen des deutschen und des österreichischen Marktes wurde immer wieder deutlich, dass die Herausforderungen für die Wiener Verlage kaum anders sind als die ihrer Berliner, Münchner oder Stuttgarter Kollegen. Nur ein ›typisch österreichisches‹ Problem wurde immer wieder genannt: »Hat man einen Autor entdeckt und er wird erfolgreich, wechselt er zu einem deutschen Verlag.« Der größere Markt mit seinen größeren Verdienstmöglichkeiten sei einfach zu verlockend.

Wiener Bau-, Ess- und Theater-Kultur

Doch nicht nur für Verlagsbesuche war Zeit eingeplant. Das Programm ließ auch Luft für das reiche Kulturleben Wiens. Ein Muss war der gemeinsame Besuch im Akademietheater. Das dort aufgeführte Stück, eine Neuinterpretation des Parzival-Stoffs durch Tankred Dorst, bot Anlass zu ausgiebigen Diskussionen. Aber auch die anderen Seiten österreichischer Kultur wurden von den Studierenden ausgiebig erkundet: Schloss Schönbrunn und der Stephansdom, das Museumsquartier und der Naschmarkt sowie die zahlreichen Kaffeehäuser mit ihrer großen Vielfalt von kleinen Braunen bis zum Einspänner. Und natürlich durfte dazu eine hausgemachte Wiener Sacher Torte nicht fehlen.

So wurde es eine sehr gelungene, aufschlussreiche und schöne Exkursion, bei der auch das Wetter mitgespielt hat. In allen Verlagshäusern, deren Spektrum von traditionsbewusst bis modern reichte, konnten die Studierenden tiefe Einblicke in die Branche gewinnen und erhielten von den jeweiligen Gastgebern bereitwillig Antworten auf jegliche Fragen. Überall wurden sie außerordentlich freundlich aufgenommen. Als Fazit kann vielleicht ein Wort von Dr. Brigitte Sinhuber-Harenberg, Verlegerin des Amalthea-Verlags, dienen: »Das Buch lebt weiter.« Ein Versprechen, das für den Branchennachwuchs gewissermaßen das ›Schlagobershäubchen‹ ihrer Wien-Exkursion darstellte … 

(rn014 / sm156)

19. Mai 2015