Redaktionsbesuch bei der »taz«

Am Vormittag des vierten Tages waren wir zu Besuch im Redaktionshaus der »taz« (die tageszeitung) in der Rudi-Dutschke-Straße. Uns wurde ein einmaliger Blick in eine Redaktionssitzung gewährt und wir durften live bei einigen Entscheidungsfindungen dabei sein. Zudem beantwortete »taz«-Geschäftsführer Andreas Bull all unsere Fragen.

Wir waren überrascht, als wir uns unter der angegebenen Adresse zunächst in einem kleinen, modernen Café wiederfanden. Vom »taz Verlag« betrieben, fehlt es im taz Café »tazpresso« natürlich nicht an Lesestoff, aber auch das frische Mittagessen lockt täglich viele Redakteure und Gäste an. In den über dem Café gelegenen Redaktionsräumen erwartete uns Geschäftsführer Andreas Bull. Dort gab er eine kurze Einführung zur »taz«, bevor auch schon die ersten Redakteurinnen und Redakteure zur geplanten Redaktionssitzung eintrafen.

Die Fakten

Die erste Ausgabe der »taz« erschien 1978 und war die einzige erfolgreiche Neugründung einer überregionalen Tageszeitung, die nicht bereits aus der Nachkriegszeit stammt. Sie war bewusst als links-alternatives Nachrichtenagebot gegründet worden, welches Personen, Ereignissen und Themen Platz bieten möchte, über die in den anderen etablierten Medien wenig zu lesen ist. Sie spricht vor allem Studierende, Grüne und linksliberale Leser an, ohne jedoch bestimmte politische Parteien zu unterstützen.

Etwa 250 Mitarbeiter kümmern sich täglich darum, dass die 213.000 Leserinnen und Leser, davon über 40.000 Abonnenten, mit der »taz« und der »taz.am wochende« versorgt werden können. Gedruckt wird in drei Druckereien, um eine optimale Distribution zu gewährleisten.

Verlagsintern zeichnet sich die »taz« vor allem durch eine weitgehende Gleichbehandlung aller Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter aus. Dadurch, dass alle Journalisten ein gleiches Gehalt erhalten und die »taz« als gute journalistische Ausbildungsstätte gilt, zieht sie viele junge und gut ausgebildete Redakteurinnen und Redakteure an.

Die Redaktionssitzung

Die Redaktionssitzung beginnt zunächst mit der Blattkritik vom vorherigen Tag. Es wird diskutiert, wie die Mischung der Headlines, Teaser, die einzelnen Platzierungen und Aufbereitungen in der »taz«, aber auch unter »taz.de« gelungen sind.

Danach folgt eine Besprechung über die allgemeine Vorgehensweise für die nächste Ausgabe sowie für den Online-Auftritt. Die einzelnen Ressortleiter und Redakteure stellen hier kurz ihre aktuellen Themen vor und was für die folgende Ausgabe relevant sein könnte. Zum Beispiel, welches politische Portrait wann geschrieben und veröffentlicht werden soll, damit die Leser optimal informiert werden. Immer im Blick behalten wird der Redaktionsschluss, bis dahin müssen alle Beiträge druckreif sein.

Da keine politische Richtung bevorzugt werden soll und die »taz« kritisch und fair bleiben möchte, wird großen Wert auf die Diskussion des richtigen Schwerpunkts gelegt. Zum Bedauern vieler können nicht immer alle Artikel aufgenommen werden, da das Platzangebot knapp ist. Es müssen also Prioritäten - teilweise unter bewegten Diskussionen - gesetzt werden.

Die besonderen Bezahlsysteme der taz

Im Anschluss nahm sich Andreas Bull noch einmal Zeit für eine Gesprächsrunde mit uns. Im Zentrum stand die Frage, wie die »taz« sich hart umkämpften Zeitungsmarkt halten kann.

Im Gegensatz zu anderen Zeitungen ist die »taz« nicht abhängig vom Anzeigengeschäft. Die »taz.genossenschaft« hält der Zeitung finanziell den Rücken frei und hat zurzeit knapp 17.000 Mitglieder.

Außerdem hebt sich die »taz« durch ein besonderes Bezahlsystem ab. Es gibt drei unterschiedliche Preisstufen in einem sogenannten »Soli-Preis-System«. Je nachdem wie viel man zahlen kann, wird die Preisklasse selbst gewählt. Ganz ihrer Linie treu bleibend, können Leser auch online selbst entscheiden, ob sie für die Nutzung einen regelmäßigen Beitrag aufbringen möchten oder weiterhin kostenfrei lesen. Dieses freiwillige System leistet ebenfalls einen substantiellen Beitrag zur Finanzierung des Verlags.

Für uns Mediapublisher war es ein weiterer spannender Besuch. Die »taz« ist in vielerlei Hinsicht eine besondere Zeitung in einem besonderen Verlag, die ihre Stellung auf dem deutschen Zeitungsmarkt behauptet. Dass der »taz Verlag«, trotz aller Umbrüche auf den Pressemärkten, weiterhin optimistisch nach vorne blickt, zeigt sich allein daran, dass er derzeit ein neues Verlagsgebäude an der Friedrichstraße baut. Eine wichtige Investition in die Zukunft des Verlags, dem wir hierfür viel Erfolg wünschen.

(ng044)

 

14. Juli 2017