Verlag kann man auch hören: Unser Besuch beim Hörverlag

Am 8. Mai 2015 besuchten wir im Rahmen unserer München-Exkursion den Hörverlag, einen von 45 Verlagen der Verlagsgruppe Random House. Der 1993 gegründete Hörbuchverlag besitzt derzeit den größten Marktanteil am Hörbuchmarkt, was sich auch im Umsatz widerspiegelt. Doch wie begann er seinen Siegeszug?

Wir erfuhren, dass der Hörverlag zum Zeitpunkt seiner Gründung auf einen fast konkurrenzfreien Markt traf, auf dem kaum bis gar keine Hörbücher produziert wurden. 1995 gab es erstmals den Versuch einen Bestseller (»Sofies Welt« von Jostein Gaarder) auch als Hörbuch anzubieten, was sehr gut funktionierte. Das erste Bestseller-Hörbuch erschien auf Kassette.

Spätestens mit der Hörbuchvariante von Harry Potter (1999) war der Markt für das Medium Hörbuch geöffnet. Die Harry-Potter-Hörbücher verkauften sich bis heute über 3,5 Mio. mal. Insgesamt stellt sich der Hörverlag einer Konkurrenz von fast 400 Hörbuchverlagen entgegen, von denen jedoch nur 20 einen relevanten Marktanteil besitzen. 2014 verkaufte er insgesamt 14,3 Mio. Hörbücher, von denen 43% im Buchhandel verkauft wurden. Wie wir erfuhren, ist es den meisten Käufern – anders als beim herkömmlichen Buch – wichtig, ein haptisches Produkt in den Händen zu halten. Denn obwohl sich eine Hörbuch-Datei genauso bequem downloaden lässt wie ein Musiktitel, liegen die Downloadzahlen bei nur 20%. Das könnte jedoch auch an den Möglichkeiten des sensuellen Erlebens liegen. Denn der Hörverlag produziert besondere Titel sogar als Liebhaberstück auf Schallplatte.

Um sich am Markt zu halten, reicht qualitative Arbeit jedoch nicht aus, vor allem das Programm muss stimmen. Um für jeden etwas im Angebot zu haben, wird eine Mischkalkulation berechnet, in der unterschiedliche Programme, Downloads sowie haptischer Kauf angeboten werden. Auffallend ist, dass Sachbücher mehr gedownloadet werden als haptisch gekauft. Bei Kinderbüchern und Unterhaltungsliteratur (Krimi, Literatur) verhält es sich genau andersherum.

Damit ein Hörbuch entsteht, müssen die einzelnen Abteilungen eng miteinander verzahnt sein. Das Lektorat prüft und sucht Texte und Trends und entscheidet, wann etwas umsetzbar ist; es ist für die Kürzung der Texte verantwortlich, spricht mit der Lizenzabteilung die Rechte und mit dem Vertrieb das Verhältnis Preis zu Umfang ab. Einflussfaktor kann hier auch durchaus der Sprecher sein. Wir lernten, dass nicht nur eine gute Stimme, sondern auch der Bekanntheitsgrad des Sprechers starken Einfluss auf den Erfolg einen Hörbuchs hat. Die Aufnahmen selbst finden in einem gemieteten Studio statt, in dem dann mehrere Tage am Stück aufgenommen wird. Die Zeit ist meistens knapp: Ziel ist es, das Hörbuch zeitgleich mit dem gedruckten Buch auf den Markt zu bringen.

Wir bedanken uns für den ausführlichen Einblick in den Hörverlag und für die Beantwortung unserer Fragen.

(hr028)

23. Juni 2015