Vortrag

Zur Authentizität der Falschheit

Eine PR-Fotografie als paradoxe Aufführung von lügnerischer Wahrheit

Dieses als Schnappschuss deklarierte Foto des Herzogs und der Herzogin von Cambridge ist auf vielen Ebenen ein Dokument der Leugnung (Fotovorlage: Michael Middleton/Public Handout; Bearbeitung: Oliver Zöllner)..
Dieses als Schnappschuss deklarierte Foto des Herzogs und der Herzogin von Cambridge ist auf vielen Ebenen ein Dokument der Leugnung (Fotovorlage: Michael Middleton/Public Handout; Bearbeitung: Oliver Zöllner)..

Am 29. Oktober 2020 hielt HdM-Professor Oliver Zöllner einen Vortrag auf dem zweitägigen interdiszi­plinären Workshop "Zur Authentizi­tät und Inauthenti­zität von (medialen) Arte­fakten", organisiert von Kolleg:innen der Universitäten Trier und Düssel­dorf. Thema war die Falschheit, die sich als Authentizität ausgibt. Aufhänger war eine PR-Fotografie aus dem Jahr 2013, die das Ehepaar Catherine und William Windsor-Mountbatten zeigt, also den zukünftigen Thronfolger Groß­britanniens, seine Frau und ihren gerade neugeboreren Sohn George. Das Bild ist längst im kollektiven Gedächtnis verhaftet und führt auf paradoxe Weise eine Wahrheit auf, die als lügnerisch zu identifizieren ist.

Zöllner ging in seinem Vortrag auf eine eigene jüngere Publikation ein, die 2019 erschienen ist und das Foto vielschichtig interpretiert ("Das Picknick von Bucklebury: ein Genrebild erfolgreicher Herrschafts­diskurse im Medien­zeitalter. Eine dokumentarische Analyse"). Das analysierte Foto erscheint perfekt komponiert. Es ruft vielfältige Vor-Bilder auf: Fotos von Williams Eltern, Prinz Charles und Prinzessin Diana aus den 1980er-Jahren, deren heute erkennbare Tragik mit dem strahlenden Picknick­bild von 2013 überschrieben werden soll. Dieses Bild soll heilen - nicht zuletzt eine tiefe Krise der Institution Monarchie in den späten 1990er-Jahren. Auch ähnelt das Foto von William und Catherine in seiner Ikonik unverkennbar christlichen Tafelbildern von Maria und Josef mit dem Jesusknäblein. Man kann es als modernes Tafelbild des Medienzeitalters identifizieren: millionen­fach abgedruckt und gepostet, ubiquitär präsent. In seiner Bildrhetorik drückt dieses Foto den überzeitlichen und göttlichen Anspruch der Szenerie aus, also die Kontinuität der Dynastie Windsor mit einem geregelten Übergang von William zu George. Wir bleiben, sagen die Royals, und werden dazu von der Sonne beschienen.

Welche Art von (In-)Authentizität?

Diese Analysen griff Zöllner nun auf und fokussierte sie auf die Frage, wie das Foto welche Arten von Authentizität verhandelt. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie (in-)authentisch dieses Bildnis gerade in seiner ostentativen "Natür­lichkeit" ist. Denn die Picknickszenerie von Bucklebury verneint ja gerade, inszeniert zu sein. Doch es bildet nicht "die Wahrheit" ab, sondern ein retrogrades gesellschaft­liches Wunschbild. Das Bild verschleiert seine Intentionen und Verwertungs­zusammenhänge. Daher ist speziell in der Gegenwart des Jahres 2020 zu fragen, wie diese süßliche Fotografie (und die mit ihr verbundene Bildproduktions-Industrie) in die Debatte um  "Fake News", "Fake Facts" und "Postfakti­zität" einzuordnen ist. Unschwer ist das Foto der Cambridges als Kitsch zu identifizieren, der klebrig ist und der Wahrheit den Boden entzieht..

Vor diesem Hintergrund formulierte Zöllner drei Thesen:

These 1: Das Bild, wiewohl nur Pose eines Picknicks, ist gerade darin paradoxerweise authentisch, da es mit dieser inhärenten Falschheit (s)eine gesellschaftspolitische Realität einfängt.

These 2: Das Bild arbeitet gegen das Projekt der Aufklärung und gegen die Moderne.

These 3: Das Bild ist Artefakt einer Inszenierung, die auf Nihilismus, Verneinung und Leugnung gründet.

An diesen Thesen arbeitet Zöllner nun weiter. Die Tagung bot die wunderbare Gelegenheit, gemeinsam nachzudenken. Im Wissenschaftsbetrieb kommt dies leider nur allzu oft zu kurz.

 

Angeführte Literatur:

Zöllner, Oliver (2019): Das Picknick von Bucklebury: ein Genrebild erfolgreicher Herrschaftsdiskurse im Medienzeitalter. Eine dokumentarische Analyse. In: Matthias Junge (Hrsg.): Das Bild in der Metapher. Bilder des Erfolgs - Bilder des Scheiterns. Wiesbaden: Springer VS, S. 89-115. DOI: 10.1007/978-3-658-24562-7_7

Zöllner, Oliver (2020): Klebrige Falschheit. Desinformation als nihilistischer Kitsch der Digitalität. In: Petra Grimm/Oliver Zöllner (Hrsg.): Digitalisierung und Demokratie. Ethische Perspektiven (= Reihe Medien­ethik, Bd. 18). Stuttgart: Franz Steiner Verlag, S. 65-104.

 

Vortrag auf Veranstaltung: Zur Authentizität und Inauthentizität von (medialen) Artefakten
Veranstaltungsort: Düsseldorf/Trier (online)
Datum: 29.10.2020 bis 30.10.2020


Autoren

Name:
Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte
Forschungsgebiet:
Empirische Medienforschung, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Diplomacy
Funktion:
Professor
Lehrgebiet:
Medien-, Publikums- und Marktforschung, sozialwissenschaftliche Methodenlehre, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Relations, Public Diplomacy, Nation Branding, Hörfunkjournalismus
Studiengang:
Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
Raum:
216, Nobelstraße 10 (Hörsaalbau)
Telefon:
0711 8923-2281
Telefax:
0711 8923-2206
E-Mail:
zoellner@hdm-stuttgart.de
Homepage:
https://www.oliverzoellner.de
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