Portalbeitrag

Die 'letzten Belgier' sprechen Deutsch

Manifestationen kollektiver Identität in den belgischen Ostkantonen - ein Forschungstagebuch

Eupen, Hauptstadt der Deutschsprachigen Gemeinschaft: Marktplatz mit St.-Nikolaus-Kirche (Fotos: Oliver Zöllner)
Eupen, Hauptstadt der Deutschsprachigen Gemeinschaft: Marktplatz mit St.-Nikolaus-Kirche (Fotos: Oliver Zöllner)
Ein Zeitschriftenladen in Eupen: Zwischen lokalem 'Grenz-Echo' und dem 'Spiegel' aus Deutschland
Ein Zeitschriftenladen in Eupen: Zwischen lokalem 'Grenz-Echo' und dem 'Spiegel' aus Deutschland
Beschilderung in Eupen
Beschilderung in Eupen

[Vollversion hier] Sie sind die "letzten Belgier" (Wense­laers 2008; van Isten­dael 2011, S. 177ff.), weil sie erst nach dem Ersten Welt­krieg ins König­reich Belgien ein­geglie­dert wurden. Und sie be­zeich­nen sich gerne selbst so, weil sie im Sprachen- und Kul­tur­streit zwi­schen Flamen und Wallonen der "lachende Dritte" sind und – dank groß­zügiger Auto­nomie – zu den loyal­sten Bel­giern über­haupt zäh­len: die deutsch­sprachi­gen Bel­gier, rund 70.000 an der Zahl. Sie sie­deln im Raum Eupen und Sankt Vith, gleich an der deut­schen Grenze, unweit von Lüttich, Aachen, Maas­tricht und Luxem­burg, mitten in Europa – und doch an der Peri­pherie.

Wie manifestiert sich die spezielle "ethnische" oder nationale Identi­tät der deutschs­prachigen Bel­gier im Alltag? Welche Spuren, welche "Arte­fakte" der kulturellen Selbst­definition sind mit ethno­graphischen Methoden im Sied­lungs­gebiet der deutsch­sprachigen Belgier zu finden? Wie kann man diese "Eigen­produk­tion" kollektiver Identi­tät analy­sieren und inter­pretie­ren?

Mit diesen und weiteren Fragen als Leitfaden begibt sich HdM-Professor Oliver Zöllner während seines For­schungs­semes­ters ins "Feld". Im Sommer­semester 2012 hält er sich mehrfach in Ost­belgien auf und erprobt auch seltener an­gewen­dete Metho­den der quali­tativen For­schung wie z.B. die Arte­fakt­analyse. Ziel ist, eine "Grounded Theory" der Identität der deutschsprachigen Belgier zu entwickeln (vgl. Strauss/Corbin 1998). Im HdM-Science-Portal er­stattet er ab sofort regelmäßig Bericht: über seine Erkennt­nisse, seine Fort­schritte und vielleicht auch die Limita­tionen der erprob­ten Methoden. For­schung an der Grenze sozu­sagen – Heuris­tik ist nie ohne Risiko.

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Einige Begriffsklärungen

• Artefakt­analyse: Was der pro­duk­tive Mensch formt und herstellt, kann auch als "Arte­fakt" bezeichnet werden. "Begreift man Arte­fakte als Materia­lisie­rungen von Kommuni­kation, so sind sie einer­seits Aus­druck der sozia­len Organi­sierung ihrer Her­stellung und sagen anderer­seits etwas über den Kontext kommuni­kativer Bezie­hungen aus, in denen sie auftau­chen und ver­wen­det werden" (Froschauer 2003, S. 362). Mit Arte­fakten (z.B. Berichte, Broschü­ren, Kunst­werke, Foto­grafien, Tonauf­nahmen, Filme, Akten, Archi­tektur, museale Aus­stellungen, räum­liche Anord­nungen etc.) kann somit der kommuni­kative Kon­text einer sozialen Organi­sation (Unter­nehmen, Gruppie­rung, Nation, Community usw.) beob­achtet und auf dieser Grund­lage rekon­stru­iert werden. Der Vorteil: Diese "Daten" wer­den natür­lich, also ohne Zutun des For­schers (Beob­achters) produ­ziert und können so für eine inter­pretative Analyse erschlossen werden. Artefakte sind also Gegen­stände mit einer inhä­renten (oftmals symbo­li­schen) Bedeu­tung.

• Grounded Theory: Ein Ziel von qualita­tiv und induk­tiv orien­tierter Sozial­forschung ist das Gene­rieren einer Theorie, die zum (neuen, ggf. alter­nativen) Verständ­nis eines Forschungs­gegen­stands beiträgt. Ein solcher neuer, gegen­stands­veranker­ter und daten­basierter Erklärungs­ansatz ist nach Strauss/Cor­bin (1998) eine "Grounded Theory". Das Entwickeln einer Grounded Theory ist ein viel­schichti­ger Prozess, der auf kon­stantem Hinter­fragen des Gegen­stands und Ver­gleichen mit ähnli­chen/anders­arti­gen Gegen­ständen beruht und dessen Kern itera­tives "Codieren" bildet ("offenes", "axiales" und "selek­tives Codieren"). Mit diesen Analyse­schritten sollen die Eigen­schaften von Kate­gorien und ihre (Bedeu­tungs-)Dimen­sionen in stetig fokus­sieren­den Schritten heraus­gelöst werden, bis der Bedeu­tungs­kern des For­schungs­gegen­stands strukturell (das Warum) und prozessual (das Wie) erklär­bar ist (Strauss/Cor­bin 1998; vgl. Krotz 2005, S. 159ff.). Im empi­rischen For­schungs­prozess arbeitet der Grounded Theorist – einem Ethno­graphen vergleichbar – mit Memos und Feld­notizen.

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Beobachtungen

20.3.2012.  Sind die "letzten Bel­gier" die wahren Bel­gier? Dem irisch-engli­schen Drama­tiker und Sati­riker George Bernard Shaw zufolge war es die alte Kolo­nie Irland, die die "idea­len" Eng­län­der hervor­brachte: "(...) I per­ceive that Ire­land is the only spot on earth which still pro­duces the ideal English­man of history" (Shaw 1931/1947, zit. nach McLuhan 2003, S. 108). Der "Andere" wird hier zum natio­nalen "Eigenen": Ironie der Ge­schich­te. Die klischee­hafte Rede­wendung vom "letz­ten Belgier" bezieht sich aller­dings nicht nur auf die deutsch­sprachige Bevöl­kerungs­gruppe Belgiens, sondern oft auch auf die klassi­schen "Anderen": Einwanderer bzw. Migranten. "Are the Immigrants the Last Belgians?", fragt ein Buchbeitrag (Morelli/Schreiber 1998). Die letzten Belgier sind offen­sicht­lich nicht leicht einzu­ordnen und ent­ziehen sich der landes­typischen Dicho­tomie "Flame" versus "Wallone". Auch den Deutsch­sprachi­gen scheint in Belgien ein wenig das Attribut des Zuge­wanderten anzu­hängen.

Besuch in Eupen, Haupt­stadt der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft (DG). Der Eupener Histo­riker Freddy Cremer schreibt in einem jüngst erschie­nenen Tagungs­band: "Es ist frag­lich, ob es in der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft [Belgiens] eine belast­bare kollek­tive Identi­tät gibt" (Cre­mer 2012, S. 141). Mit dieser 'Null­hypo­these' ist die Heraus­forderung des For­schungs­projekts skizziert – und die erste Teil­aufgabe gestellt: den Begriff "(kollek­ti­ve/kul­turelle/eth­ni­sche) Identi­tät" zu defi­nieren und zu ver­suchen, ihn für das For­schungs­objekt an­wend­bar zu machen. Ein Exper­ten­inter­view mit Dr. Stephan Förster, Leiter des Fach­bereichs Außen­bezie­hungen und Euro­pä­ische Pro­gramme im Minis­terium der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft in Eupen (und zugleich ihr Ver­treter bei der Belgi­schen Bot­schaft in Berlin), erbringt wert­volle Hin­weise zum Thema.

Ethnographische Primär­beobach­tungen: Eupen ist ein schmuckes Städt­chen mit ca. 10.000 Einwoh­nern und mit entspannter Atmo­sphäre, dessen (ältere) Archi­tektur eifel­rheinische Formen­sprache aufweist. Auf der Straße höre ich fast aus­schließ­lich deutsche Umgangs­sprache mit ripua­rischem Ein­schlag. Bel­gische Natio­nal- oder Regional­flaggen sehe ich nur vor Amts­gebäuden (Rathaus, Minis­terien usw.), und dann (wie in der EU üblich) gemeinsam mit der Europa­flagge – also keine ostenta­tiven national­staatli­chen Zugehörig­keits- oder Loyali­täts­bekun­dungen auf der symbo­lischen Ebene (d.h. etwa so, wie es in Deutsch­land bis ca. 1990 der Fall war; der Gewinn der Fuß­ball-Welt­meister­schaft und die etwa zeit­gleiche staatliche Wieder­verei­ni­gung haben dort der Natio­nal­flagge seither zu einer sicht­baren Ubiquität im Straßen­bild verholfen). Die Eupe­ner Laden­lokale sind fast aus­schließ­lich auf Deutsch beschriftet, seltener zwei­sprachig deutsch/fran­zö­sisch. Ironischer­weise sind es die ört­lichen Nie­der­lassung­en bundes­deutscher Firmen (Aldi, Necker­mann-Reisen), die Ihre Schau­fenster­werbung bzw. Filial­beschrif­tungen wie im Rest der Re­gion Wallo­nie (zu der die Deutsch­sprachige Gemein­schaft terri­torial gehört) stan­dardi­siert auf Franzö­sisch anbieten: ein Beispiel für inter­kulturelle Instinkt­losigkeit "glokal" aufge­stellter Unter­nehmen. Im Foyer des Minis­teriums der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft finde ich – neben zahlreichen Infor­mations­bro­schüren u.a. der Euro­päi­schen Union, der Provinz Lüttich, der Region Wallo­nie und der DG selbst – auch einen Flyer, der Deutsch­belgier zur Teil­nahme an einer Befra­gung zu ihrem Dia­lekt­gebrauch aufruft ("Kallt dir noch Platt? - Platt­frage­bogen der DG", ein Projekt der Uni­versität Lüttich und des Fach­bereichs Kultur des Minis­teriums der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft). Der geplante Dialek­tatlas verweist auf die durch die (auch massen­medial vermittelte) Hege­monie der deutschen Hoch­sprache tendenziell bedrohte Situa­tion der ostbel­gischen Lokal­dialekte, die gegen­wärtig eher von älteren Bewohnern gepflegt werden; die Befragung hat also durchaus defensiv-kon­serva­torischen Charak­ter.

In der Geschäfs­stelle der Lokal­zeitung "Grenz-Echo" am Eupe­ner Markt­platz hängt die Repro­duktion des berühmten Bildes vom Turm­bau zu Babel (von Pieter Brueghel d.Ä.), ein Hinweis auf den bel­gischen Grund­konflikt, den Sprachenstreit; der haus­eigene Verlag bietet auch ein passen­des Buch an: "Leben in Babel. Eine Lese­reise in die bel­gische Seele" (Marion Schmitz-Reiners, 2003); mehrere ausge­stellte Bücher über König Baudouin I. und König Albert II. verdeut­lichen die loyalisti­sche Ausrich­tung des Verlags­hauses; andere Buch­titel aus dem Verlags­programm kreisen – neben lokal- und regional­kundlichen Publika­tionen – um die Themen Ein­wan­derung und Hybrid­identität ("Deutsche unter Belgiern. Grenz­über­schreitende Erfah­rungen in Ostbelgien, Wallonien und Flandern", Rosine De Dijn/Willi Filz, 2011), national­staat­liche Grenzen ("Reise zu den letzten Grenzen. 100 Tage freie Fahrt durch die Festung Europa", Roland Siegloff, 2011), oder behandeln lokal­geschicht­lich/memoiren­haft die Stellung von Eupenern als Dienstmädchen ("In Stellung. Einblicke in das Leben ost­belgi­scher Dienst­mädchen im 20. Jahr­hundert", Reiner Mathieu, 2007) und als Hilfs­arbei­ter in der Land­wirt­schaft ("Knechte. Ein­blicke in den Alltag ostbel­gischer Jung­männer im 20. Jahr­hundert", Reiner Mathieu, 2011), was zum Einen auf die ländliche Struktur der ostbel­gischen Kantone ver­weist (Reminis­zenzen an prä­indus­trielle Pro­duktions­weisen und prä­moderne Herr­schafts­verhält­nisse), möglicherweise aber auch Hinweise auf eine ehedem sub­alterne Stellung der deutsch­sprachigen Popu­lation im bel­gischen Staats­verband (bis etwa in die 1960er-Jahre) liefert. Ein weiteres ausge­stelltes Buch aus dem Grenz-Echo-Verlag behandelt das Massa­ker einer Waffen-SS-Einheit an ameri­kani­schen Kriegs­gefangne­nen bei Malmédy in der Nähe von Eupen im franko­phonen Teil des ehemals deutschen Gebiets 'Eupen-Malmedy' ("Was wirklich geschah. Malmedy-Baugnez 17. Dezember 1944. Die Kampf­gruppe Peiper in den Ardennen", Gerd J. Gust Cuppens, 2. Auflage 2009) – ein Kriegs­verbre­chen, das bis in die jüngere Gegen­wart Anlass zu Kontro­ver­sen bot. Auf dem Werth­platz (heute vor allem ein Parkplatz) steht das Krieger­denkmal aus reichs­deutscher Zeit von 1912, das zusammen mit einem "Friedens­brunnen" (in einem anderen Teil der Stadt) als örtliche Sehens­würdig­keit ausge­schildert ist.  [Codes: Sprach­verwendung, Spracherhalt; Sprachen­konflikt; national­staat­liche Symbolik; symblische Arte­fakte, narrative Arte­fakte; Zugehörigkeitsrituale; Grenzen, Abgrenzung; regio­nale Ver­wurze­lung; Stellung der Deutsch­spra­chigen; Herr­schaft; Mythen; Kriegsdiskurse, Zweiter Welt­krieg]

In der Eupener Zeitung "Grenz-Echo" vom 20. März 2012 (85. Jahrgang, Nr. 67) fallen – neben der üblichen Bericht­erstattung einer Lokalzeitung – zwei Artikel auf, in denen die Deutsch­sprachige Gemein­schaft konkret thematisiert wird. "'Außenbeziehungen sind für die DG eine Überlebensfrage'", überschreibt Gerd Zeimers seinen Artikel auf Seite 5 mit einem Zitat des DG-Minister­präsi­denten Karl-Heinz Lambertz. "'Es wäre fatal, diese tragende Säule für die Zukunft unserer Gemein­schaft anzusägen'", so der Politiker weiter. Die Pflege der Außen­beziehungen der DG – d.h. "die Vernetzung und die Pflege von Kontakten mit dem Rest des Landes, mit den Nachbar­regionen (im Rahmen der Euregio Maas-Rhein und der Großregion Saar-Lor-Lux), mit dem benach­barten oder entfernten europä­ischen Ausland" – sei nachgerade "'eine Überlebensfrage' für die DG", wie der recht offiziöse Artikel nochmals betont. Das Wort "Überlebensfrage" taucht insgesamt drei Mal auf und verweist auf die offenbar eminente Bedeutung einer poli­tischen Strategie der DG-Regierungsebene. Diese Strategie, so ist abzulesen, zielt auf eine weitere Außen­repräsen­tation und auch diplomatische Verankerung der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft als europäischer/belgischer Gliedstaat.  [Codes: Autonomie; Verteidigung, Fortbestand]

Ein weiterer Artikel in der selben Zeitungs­nummer stellt (auf Seite 7) den Tagungsband "Zoom 1920 2010. Nach­barschaf­ten neun Jahr­zehnte nach Versailles" aus dem hauseigenen Grenz-Echo-Verlag vor, herausgegeben von Christoph Brüll (Universi­tät Lüttich). Unter der Überschrift "Eupen-Malmedy im Rückblick auf Versailles ... als Trostpreis?" fasst Redakteur Heinz Warny u.a. den Buchbeitrag des Eupener Historikers Freddy Cremer zusammen, der in "schonungsloser Deutlichkeit" analysiert, wie "der Versailler Vertrag Geschichte und Erinnerung der deutsch­sprachi­gen Bel­gier einem aufgedrückten Stempel gleich prägte": "Die offizielle und vorgegebene Deutung, dass die Ostkantone 'in den Schoß der belgischen Familie zurückgekehrt' waren, durchdrang die Betreuung des Gebietes durch die Brüsseler Behörden und förderte in Eupen-Malmedy eine Stimmung, in der viele Ostbelgier sich von einer zu anderen Gewalt­herr­schaft hin gezerrt sahen."  [Codes: Vergangenheit, Geschichtsdiskurs, Identitätsdiskurs]

 

Grenzen

Das heutige Ostbelgien ist "Grenz­land seit Menschen­gedenken", wie Alfred Minke, der Direktor des Eupener Staats­archivs, in einem von der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft Belgiens unterstützten Tagungs­band detail- und material­reich belegt (Minke 2010). "Grenzen stiften Ord­nungen, Zugehörig­keiten, Zusammen­gehörig­keiten, die gepflegt, erhalten, gesichert, vertei­digt, erzählt, begrün­det und erinnert sein wollen (...)" (Hart­mann 2000, S. 16). Das Markie­ren von Grenzen und ihre dis­kursiven Begrün­dungen können aus Sicht der Natio­nalismus- und Ethni­zitäts­for­schung gar als moderne Meta-Erzäh­lung verstanden werden: "Ein an sich unplau­sibles und schwer prakti­kables System der Grenz­ziehungen wurde zu einer Selbst­verständ­lich­keit, zu einer gewal­tigen säku­laren Reli­gion" (Elwert 1989, S. 440). In diesen quasi-religiösen, rück­versichern­den Narrativen oder Mythen wird Geschichte rekon­struiert. "Menschen geben den Ereig­nissen Sinn, indem sie sie in die Form von Erzäh­lungen bringen – als 'Ge­schich­te' ordnen" (ebd., S. 441). Man könnte dies mit Roland Barthes als ein Verfahren bürgerlicher Ideologie deuten: "etwas Zufälliges" soll als "etwas Ewiges" begrün­det werden (Barthes 2010, S. 294f.). In der großen Erzählung, im Mythos verlieren die Dinge "die Erinnerung daran, daß sie hergestellt worden sind" (ebd., S. 295). Das For­schungs­projekt steht dem­nach vor der Frage: Wo sind die Grenzen? Wer hat sie gezogen? Was trennen diese Gren­zen? Zu welchem Zweck? Was ist ihre Bedeutung? Wer kon­stru­iert die Bedeu­tungen, die dahinter stehen? Also: Welchem "roten Faden" folgen die "Grenz­markie­rungen" der kollek­tiven Identi­tät im All­tag der Deutschs­prachi­gen Gemein­schaft Ost­belgiens? In diesem Sinne soll die Erzähl­ebene (Narra­tive, Mythen) mit der materi­ellen Ebene (Arte­fakte) ver­knüpft werden.

 

Selbstdarstellung

23.3.2012.  Die obigen Kernthemen und Codes spiegeln sich auch in offiziellen PR-Materia­lien wider. So heißt es in einer Selbst­darstellungs-Bro­schüre des Minis­teriums der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft von 2006: "[D]ie Deutsch­sprachige Gemein­schaft (...) liegt im Osten Belgiens, dort wo das König­reich an Deutsch­land, Luxem­burg und die Nieder­lande angrenzt. Eine Grenz­region also, am Schnitt­punkt der germa­nischen und roma­nischen Kultur. Offen­heit und inter­nationa­ler Aus­tausch sind hier ebenso selbst­verständ­lich wie die Mehr­sprachig­keit der Bevöl­kerung" (S. 22). Das Titel­blatt der aufwändig gestal­teten Bro­schüre im A4-Quer­format zeigt drei Fotos in Sepia-Tönen: ein barockes Amts­gebäude mit der bel­gischen und der DG-Flagge (die Ebene der histo­risch legiti­mierten gesamt­staat­lich/regio­nalen Herr­schaft); eine Nah­aufnahme von Pralinen (ein Symbol der "Belgi­tude"; zugleich ein bel­gisches Image-Klischee); ein blonder Junge an einem leicht verwitter­ten Grenz­stein im Wald (Vergangen­heit und Gegen­wart einer einst­mals umstrittenen Region; der Wald zugleich ein deutscher Urmythos). Das letzte Bild der Broschüre (S. 23) ist eine Farb­aufnahme eines Auto­bahn­knoten­punkts bei Eupen mit blauen Richtungs­weisern nach "Paris/Maas­tricht/Liège", nach "Trier/St. Vith/Luxem­bourg/Spa/Verviers" und nach "Aachen/Düssel­dorf/Köln", zeigt also die zentral­europä­ische Lage und die Verbunden­heit der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft. Der dazu­gehörige Image­film "DG. Deutsch­sprachige Gemein­schaft Bel­giens. Eine euro­päische Re­gion" (Minis­teri­um der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft 2006, CD-ROM) zeigt die Region kon­genial als lebens- und liebens­werte, wirt­schaft­lich auf­strebende Gebiets­körper­schaft mit reich­haltigem Bildungs-, Kultur- und Freizeit­angebot. Der 11-minütige Film beginnt mit ani­mier­ten Foto­stills, über die grund­legende Statis­tiken zur Deutsch­sprachigen Gemein­schaft gelegt werden. Als Klammer des Films, der aus relativ kurzen Ein­stellungen und Syntagmen besteht, die inein­ander über­blenden, fungieren zwei Auf­tritte eines jungen Mannes mit Fahr­rad in rot-blauer bel­gischer Post­uniform. Erste Szene: Vor einem beflagg­ten Amts­gebäude mit korinthi­schem Porti­kus und vergol­deten Säulen­kapitellen – in seiner archi­tekto­nischen Formen­sprache als Ver­weis auf eine Blüte­zeit gemein­samer klassisch-europä­ischer Kultur deutbar – sagt der Post­bote (mit ripua­rischem Dialekt­einschlag): "Ich bin Bel­gier. Ich bin deutsch­sprachi­ger Bel­gier. Ich lebe und arbeite gerne in der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft." Amts­palais und Post­uniform symboli­sieren hier den staat­lich-hoheit­lichen Bereich, der Brief­träger schafft die Verbin­dung zum Alltag, zum "kleinen Mann". Schwenk auf den Post­korb, aus dem der Brief­träger eine Post­karte mit dem Motiv einer Foto­grafie der Erd­kugel heraus­nimmt. / Über­blende zu Sequenzen, in denen Bel­gien, seine Regio­nen und Sprach­gemein­schaften erklärt werden. Weitere Sequen­zen themati­sieren (in dieser Reihen­folge) den Minder­heiten­schutz in der Euro­päi­schen Union, die Selbst­verwal­tung der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft, die Bürger­orientie­rung der DG-Parlamen­tarier, das Schul­wesen, dessen Mehr­sprachig­keit als Vor­teil, das beruf­liche Aus­bildungs­wesen, den Arbeits­markt, die Sprach­kennt­nisse der Arbeit­nehmer, Industrie, Arbeits­markt, den "Stand­ort DG" (Kommen­tar­ton), Natur, Land­schaften, Erholung, Touris­mus, Sehens­würdig­keiten, die Gastro­nomie, Brauch­tum, Feste, Kirmes, Märkte, Umzüge, Kunst­samm­lungen, Theater­auffüh­rungen, Konzerte, Karneval (Kommen­tar­ton: "das jecke Treiben"; O-Ton einer mittel­alten Dame auf Karnevals­umzug: "Das ist alles eine Frage der Mentali­tät"), Alten­pflege, sozia­les Netz (Kommen­tar­ton: "gelebte Gemein­schaft"), deutsch­sprachige Medien, Grenz-Echo, Belgi­scher Rund­funk (O-Ton BRF-Redak­teur: "Dass es uns gibt, hat sehr viel mit den Menschen zu tun, natür­lich auch mit der Historie. Es gibt uns seit 60 Jahren, und es hat eben sehr viel damit zu tun, dass die Menschen hier in Ost­belgien über sehr viele Jahre, über Jahr­zehnte, ihre Identi­tät gesucht haben und inzwischen, zum Teil zumin­dest, gefun­den haben"), wechsel­volle Ge­schich­te, Grenz­verschie­bungen/Staats­wechsel 1815 bis 1945, Sprachen­gesetz­gebung 1960er-Jahre, eigenes Parla­ment ab 1970er-Jahre, erste Regie­rung der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft 1974, heimat­kundliche Museen, alte Archi­tektur (Kommen­tar­ton: "Die Menschen in der DG sind stolz auf ihre Heimat"). Die gezeigten Eupener Tuch­macher­häuser (ca. 18. Jahrhundert) verweisen histo­risch auf ein stolzes, sich vom Adel emanzi­pierendes Bürger­tum, das seine Auto­nomie aus seinem Wohl­stand heraus legiti­miert.  / Die letzte Szene zeigt wieder den jungen Post­boten und seinen ähnlich formu­lierten Auf­sager vom Anfang des Films: "Ich bin Belgier. Ich bin deutsch­sprachi­ger Bel­gier, und meine Heimat ist die Deutsch­sprach­ige Gemein­schaft", gefolgt von Bild­impressio­nen aus Eupen. Der Film schließt mit Image­bildern und den Wort­marken "Tradition leben" (Bild: junge blonde Frau vor Burg­ruine [Burg Reuland] mit Plakette "geschütztes Denkmal"; vgl. Broschüre: S. 15) / "Gemein­schaft leben" (Bild: ältere Menschen mit junger Pflegekraft im weißen Kittel vor Marien­statue; vgl. Broschüre: S. 13) / "Europa leben" (Bild: Autobahnwegweiser, s.o., Broschüre: S. 23) / "Ost­belgien leben" (Bild: Junge am Grenz­stein im Wald, s.o., Broschüre: Titelblatt und S. 9). Geschich­te und Gegen­wart, die nationale und supra­nationale Ebene werden also im Regio­nalen fokussiert: so das offi­zielle Selbst­bild der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft.  [Codes: Public Relations, persua­sive Kommu­nika­tion; Symbole, Images, Selbst­bild; Identität; Autonomie; Heimat; Vergangen­heit, Zukunft; Produktion, Konstruk­tion, Kontrolle; Narration, Narrativ, Erzähl­modell, Mythos]

 

Selbstbild

Eine repräsentative demo­skopische Befra­gung (Basis: DG-Bevöl­kerung 16+ in Privat­haushalten, Zufalls­stichprobe, Mai/Juni 2011, n=1.013) im Auftrag der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft (polis+sinus 2011) vermittelt ein aktuelles Bild in der Popu­lation: Rund 81% der Befragten sind belgische Staats­bürger, 18% besitzen einen deutschen und 1% einen nieder­ländi­schen Pass – Ostbelgien ist also durch­aus für Einwan­derer attraktiv; vor allem die Nähe zu Aachen macht sich bemerk­bar. 90% der Befragten bezeich­nen Deutsch als ihre Mutter­sprache, nur 7% Franzö­sisch. Das Merkmal "Mutter­sprache Deutsch" ist quer durch alle Alters­gruppen stabil: Die Verwen­dung der deutschen Sprache ist also nicht rück­läufig. 56% sprechen und ver­stehen das regionale Platt­deutsch, tendenziell, aber nicht ausschließ­lich, sind dies ältere Befragte. Mit Blick auf die Identität und Eigen­bezeich­nung der Popu­lation aufschluss­reich ist das Item "Wenn Sie jemand fragt, in welcher Gegend Sie zuhause sind, was würden Sie da sagen?" (S. 16). Bei nur einer Antwortoption geben 29% der Befragten "Ost­belgien" zu Protokoll, 22% "Deutsch­sprachige Gemein­schaft", 15% "Belgien", sowie je nach Wohnort 15% "Eifel/Süden der DG", 14% "Eupener Land/Norden der DG", noch 3% "Europa" – aber niemand nennt die "Wallonie" seine Heimat (0%). Auf einer vierstufigen Likert-Skala wird die Deutsch­sprachige Gemein­schaft von den Befrag­ten durchaus passend als überwiegend "grün", "ländlich", "gemütlich", "über­sichtlich", "freundlich", "ruhig" und "tradi­tions­verbunden" (60 bis 48% "trifft voll und ganz zu"); Items wie "offen", "multi­kulturell", "inter­national", "tolerant" und "dyna­misch" werden dagegen von deut­lich weniger Befragten als stimmige Cha­rakteri­sierungen der eigenen Popu­lation angesehen (S. 24f.). Die Erhe­bung ermittelte auch ein Mei­nungs­bild, wie sich die Deutsch­sprachige Gemein­schaft inner­halb des bel­gischen Staats­verbands in Zukunft adminis­trativ entwickeln soll. "Auf die Frage, ob das deutsche Sprach­gebiet im Rahmen der anstehen­den Staats­reform weiter Teil der Wallonie bleiben oder eine gleich­berechtigte vierte Region werden soll, sprechen sich 39% dafür aus, alles so zu lassen, wie es heute ist und 52% wollen die gleich­berechtigte vierte Region" (S. 68). Die zu Beginn der Erhe­bung gestellte (offene) Frage, was sub­jek­tiv "die wich­tigsten Auf­gaben und Probleme [sind], die in der DG ange­packt wer­den sollten", relat­iviert auf ernüch­ternde Weise indes viele der oben refe­rier­ten Daten: Mit 18% der Nennungen liegen Themen rund um den Ver­kehr (Ver­kehrs­pro­bleme/-beru­hi­gung/Straßen­bau/-zustand/öffent­licher Per­sonen­nahver­kehr) ganz vorn. Die Lebens­wirklich­keit ist oft boden­ständiger und profaner als die im Alltag ohne­hin selten reflek­tier­ten Fragen nach Identi­tät und Poli­tik; aber Verkehrs­wege – früher ebenfalls "Kommu­nika­tion(en)" genannt und nach Innis (1950) einstmals eine konsti­tutive Grundlage für das Entstehen von Impe­rien und später National­staaten – sind gerade in einem relativ peri­pheren Grenz­land wichtige Verbin­dungen.  [Codes: Heimat; Verwur­zelung; Sprache; Identi­tät; Regionali­tät; Selbst­bild; All­tag]

 

Grenzziehungen und Identitäten

28.3.2012.  Ich begebe mich auf die Suche nach den Gren­zen der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft Bel­giens: nicht im physi­schen Sinne (diese Markie­rungen sind im Terri­torium und auf Land­karten klar defi­niert), sondern auf der Ebene der ethno­logi­schen Lite­ratur zur Identi­tät von Popula­tionen. "Boun­daries and identity are (...) different sides of the same coin, with the former creating and being created through the latter (...)" (Chan/Mc­Intyre 2002, S. xv). Als sozia­les Kon­strukt werden Gren­zen permanent in Frage gestellt und neu ausge­handelt; sie sind dyna­misch, "in a constant state of flux" (ebd.). Dabei wird in der ethno­logisch orientier­ten For­schung zuneh­mend aner­kannt, dass "the construc­tion of boundaries is achieved through narra­tivity which informs us how we make sense of the social world and consti­tute our social identi­ties" (ebd.). Grenzen sind also Resul­tat eines Dis­kurses, sie ent­stehen in der Inter­aktion mit anderen Akteuren. Eine Community wie die DG konstru­iert und konsti­tuiert sich demnach auf der Basis von Aus­hand­lungen über ihre Grenzen: wer gehört dazu, wer nicht; was ist 'das Eigene', was ist 'das Andere'?

Die Antworten auf diese Fragen können von den Popu­lations­mit­gliedern 'pri­mor­dial' oder 'situ­ativ' gegeben werden. Pri­mordiale Identi­tät "bezieht sich auf die Vor­stellung, daß die in frühes­ter Kind­heit erwor­benen Merk­male wie Sprache, Ab­stammung und Reli­gion die Mit­glieder ethnischer Gruppen affektiv verbindet und sich nur so ein ent­sprechen­des Gruppen­selbst­verständ­nis ausbildet" (Ory­wal/Hack­stein 1993, S. 595). Das Konzept der situa­tiven Identi­tät dagegen "betont, daß der Rekurs auf gemein­same Merk­male von der Situa­tion abhängig ist, in der sich die Mit­glieder der Gruppen zum Zeit­punkt des Bestimmens und des Aushan­delns ethnischer Grenzen befinden" (ebd.). Beide Ansätze werden gegen­wärtig kombina­torisch, in Synthese verfolgt.

Ethnizität ist etwas "that inheres in every group that is self-identifying – or at least that it ought to be considered as such" (Chap­man et al. 1989, S. 15). Wenn Ethnien, auch Nationen (als historisch relativ junges Phänomen), als "kulturelle Artefakte" zu sehen sind (Elwert 1989, S. 441), die "in Form von Erzäh­lungen" (ebd.) in eine sinnvolle Ord­nung gebracht werden, dann können 'Wir-Gruppen' wie Ethnien – und über­geordnet auch ihr modernes Organisa­tions­prinzip: Natio­nen – auch imaginiert, erfun­den werden. Dieser Analyse­ansatz ist für ganz Bel­gien insofern von Belang, da das König­reich erst 1830 geschaffen worden ist und bis in die Gegenwart um seine national­staat­liche Form, seine verbin­dende Erzählung ringt. Eine Nation "is an ima­gined political community – and imagined as both inherently limited and sovereign" (Ander­son 1991, S. 6). Dies impliziert keineswegs, dass diese Nation oder ethni­sche Gruppe nicht genuin oder gar 'falsch' ist: "Commu­ni­ties are to be distin­guished, not by their falsi­ty/genuine­ness, but by the style in which they are imagined" (ebd.). Formen, Medien und Narra­tive, in denen eine ethnische Gruppierung 'sich erzählen' kann, sind nach Anderson (1991, S. 37ff., 163ff.) etwa Bücher (in einer eigenen Sprache), Zensen, Land­karten und Museen, die alle das Ziel haben, kollektive Pro­zesse des Erinnerns und des Ver­gessens (ebd., S. 187ff.) in eine ordnende und damit legitimierende Form zu bringen. Dass Anderson sich bei seinen Aus­füh­rungen auf den Kolonial­staat (euro­päische Mächte und ihre Besitz­ungen in Über­see) bezieht, ist mit Blick auf Ost­belgien insofern von Interesse, da das König­reich Bel­gien das ihm 1920 von Deutsch­land abgetretene Gebiet von 'Eupen-Malmedy' (zeit­genössi­sche bel­gische Sprach­regelung: "les cantons rédimés"; nach van Istendael 2011, S. 177, oder "la Bel­gique récupérée"; nach Cremer 2012, S. 125) zunächst wie eine Kolonie unter dem Diktat eines Mili­tär­gouver­neurs (mit lang­jähriger Dienst­erfahrung in Belgisch-Kongo) verwaltet hat (van Istendael, S. 178; Wenselaers 2008, S. 49ff.).

Urbelgisch? Oder Kolonie?

Kollek­tives Erinnern und Imagi­nieren – und somit Identi­tät – hat also auch immer ewas mit Herr­schafts­ausübung zu tun. Die Deutsch­sprachige Gemein­schaft Bel­giens, so ließe sich aus ihrer Historie schließen, versucht der­zeit ihre eigenen, auto­nomen Identi­täts­narra­tive zu schreiben: Diese könnten vor dem Hinter­grund der Erfah­rungen mit preu­ßisch-deut­scher Gebiets­hoheit (1815-1920), zunächst weit­gehend unge­liebter bel­gischer Herr­schaft (1920-40) und dem Inter­mezzo der deut­schen Annex­ion unter dikta­torischen Vor­zeichen (1940-44) als verspätet "post-impe­rial" bezeich­net werden. "Un­mittel­bar nach der Befrei­ung vom NS-Regime sind in Ost­belgien Geschichts­standards geschaffen worden, die eine hohe Halb­wert­zeit haben und manch­mal beharr­lich wie eine Rest­größe bis in die Gegen­wart fort­wirken (...), wodurch einer diffe­ren­zier­ten Aus­ein­ander­setzung mit der eigenen Vergangenheit für viele Jahr­zehnte der Boden entzogen wurde" (Cremer 2012, S. 127). Bemer­kens­wert ist in diesem Zusammen­hang, dass einer Umfrage aus dem Jahr 1998 zufolge "nur 37% der Abitu­rienten aus der DG wuss­ten, dass [dieses] Gebiet erst seit dem Ende des Ersten Welt­krieges zum bel­gischen Staat gehört" (ebd., S. 130). Das Narra­tiv der quasi 'ur­bel­gischen' Zugehö­rig­keit der Ost­kantone scheint in der staat­lich kon­trollierten Sphäre der Schul­ausbildung lange perpe­tuiert, vorherige landes­herr­li­che/staat­liche Zuge­hörig­keiten des Terri­toriums dis­kursiv ignoriert worden zu sein. Amnesie haben sich die deutschsprachigen Belgier teilweise auch selbst verordnet: so Anfang der 1980er-Jahre bei der Frage nach der Bezeichnung der künftigen Autonomieregion ('Deutsche' oder 'Deutschsprachige' Gemeinschaft?). "Ein Sprecher der Mehrheit [des damaligen 'Rats der deutschen Kulturgemeinschaft'] forderte die Ratsmitglieder auf, für den Begriff 'deutschsprachige Gemeinschaft' zu stimmen, 'um unserer Bevölkerung das Vergessen leichter zu machen'" (Cremer 2012, S. 128 mit einem Zitat aus dem offiziellen Ratsprotokoll). Es gab offensichtlich viel zu vergessen: "Amnesie als politisch verordnete Therapie, um von der Bürde der Vergangenheit zu befreien!" (ebd.). Die 'fehlende' oder verschwiegene Vergangenheit bedingt allerdings auch eine Leerstelle der kollektiven Identität, die noch gefüllt werden muss.

Der ostbelgische Autor Freddy Derwahl charakterisiert seine Heimatregion durchaus passend als die einer "'kleinen Welt des Schweigens', die sich selbst zu genügen scheint" (zitiert in Schwieren-Höger/Sackermann 2003, S. 31). Keines­wegs muss die der­zeit geschrie­bene oder noch zu schrei­bende Identi­tät der Ostbelgier eine rein selbstbezügliche, aus­schließ­liche, einheit­liche sein. Vielmehr ist je nach Kontext von einer multip­len, 'hybriden' Identi­tät auszugehen: "a group or an individual has no one identity, but a variety (...) of possi­bilities, that only incomple­tely or partially overlap in social time and social space" (Chapman et al. 1989, S. 17). Man kann gleicher­maßen 'Bengali' wie auch 'Brite' sein; 'Muslim' und 'Franzose'; oder zugleich 'Katholik', 'Antwer­pener', 'Flame', 'Europäer' – oder eben 'Deutsch­sprachiger' und 'Belgier' oder 'Deutsch­sprachi­ger Belgier' oder was auch immer. "Identi­ties are localiz­ing and globaliz­ing at the same time. They seem to be more and more consti­tuted by over­lapping cultural fragments, instead of giving reference to single national frames" (Lie 2003, S. 149).

 

"Invented Traditions"

Hobsbawm und Ranger geben in ihrem bekannten Sammel­band "The Invention of Tradition" von 1983 zahlreiche Beispiele für erfundene kollektive Traditionen. "'Traditions' which appear or claim to be old are often quite recent in origin and sometimes invented" (Hobs­bawm 1983, S. 1). "'Invented tradition' is taken to mean a set of practices (...) which seek to incul­cate certain values and norms of behaviour by repe­tition, which auto­matically implies continuity with the past. In fact, where possible, they normally attempt to establish contin­uity with a suitable historic past" (ebd.). Ein promi­nentes Bei­spiel hierfür ist etwa der relativ rezente, sich aber altertümelnd-'traditionell' gebende Einsatz von Kilts in Tartan-Mustern und von Dudelsäcken in Schott­land (vgl. Trevor-Roper 1983), der im Kontext von aktuellen Los­lösungs­bestrebungen von Groß­britannien mehr als nur 'folkloris­tische' Unter­töne hat. Ein anders gela­gertes, aber für Ostbelgien durchaus instruk­tives Beispiel von erfundenen und in ihrer Fiktion der Bevöl­kerung auf­erlegten (und von dieser in ihrer Fabri­ziert­heit sogar akzep­tieren) Tradi­tionen analysiert Haun (2008) in ihrer Studie zur 'Erfindung' der 'Oster­insel' im Süd­pazifik, die es trotz der Anfüh­rungs­zeichen als chileni­sches Terri­to­rium real gibt (Isla de Pas­cua/Rapa Nui), deren Identi­tät und Gebräuche aber in viel­fältigen euro­zentrisch kolo­nia­len/imperi­alen Pro­zessen der Fremd­bild­zuschrei­bung seit dem 18. Jahr­hundert (dem Zeitpunkt der 'Entdeckung' der abgele­genen Insel durch nieder­län­dische See­fahrer) konstru­iert worden sind. In vielerlei Hin­sicht ist Ost­belgien eine Art 'Oster­insel' mitten in Europa: ein Ort, an dem viel­fältige Imagi­nationen auf­einander­treffen und eine Geschichte simulieren, die es so (bisher) ent­weder nicht gege­ben hat oder die 'verschwunden' ist. Jean Baudrillard betrachtet in seinem Aufsatz "La précession des simulacres" von 1978 aus erkennt­nis­philo­sophischer Per­spek­tive den Ver­gnü­gungs­park Disney­land als "perfek­tes Modell all der ver­zwickten Ord­nungen von Simu­lakra" (Baudrillard 1978, S. 24). Demnach ist "das Imaginäre von Disney­land (...) weder wahr noch falsch, es ist eine Dissua­sions­maschi­ne, eine Insze­nierung zur Wieder­belebung der Fik­tion des Realen" (ebd., S. 25). Ein nahezu per­fektes Beispiel für ein solch 'hyper­reales' Simula­krum schildert Rey­nolds (2012) in seiner Studie zu Retro­phäno­menen in der Populär­kultur, in der ein Prota­gonist eines Rock­'n'­Roll-Revi­vals im Stil der 1950er-Jahre zu Proto­koll gibt: "'I insis­ted we do the music the way it was remem­bered instead of the way it was'" (Reynolds 2012, S. 284) – z.B. doppelt so schnell gespielt und in einem anderen Sound.

 

Revival und Neuerfindung

Bel­gien ist kein Ver­gnü­gungs­park und nur begrenzt ein Phäno­men der Pop­kultur, aber: Auf die bel­gischen Ost­kantone übertragen ließe sich folgern, dass die identi­täts­orien­tier­ten Erzählungen, die in der Deutsch­sprachigen Gemeins­chaft kulmi­nieren und sich dort gleicher­maßen wie in einem Brenn­glas treffen, eine Art In-Szene-Setzung von Geschich­ten zur Wieder­bele­bung einer 'Fik­tion' darstellen, zum '(Wieder-)Be­le­ben' von etwas, das es exakt so noch nicht gegeben hat – im vorliegen­den Fall­beispiel von Bel­gien (und von "Belgitude") und zugleich einer distinkten 'ost­kantona­len' Identität. In den Ost­kanto­nen, einer 'Leer­stelle' der Identität, manifestiert sich möglicher­weise ein 'anderes Bel­gien', das es so in anderen Landes­teilen nicht gibt. Ein Blick auf die bel­gische Geschichte und die poli­tische Gegen­wart Bel­giens offenbart, dass dieser Inter­preta­tions­rahmen nicht allzu weit her­geholt ist. Belgien sucht sich (vgl. van Istendael 2011; Judt 2005, S. 708-713) und muss sich neu erfinden; ebenso ist die Deutsch­sprachige Gemein­schaft des Landes auf der Suche nach einer eige­nen Geschich­te ihrer selbst – und dies in Abgrenzung auch vom Nachbarn Deutschland (s.o.). Das Kriterium der "Selbstzuschreibung" als Ethnie ist hierbei nach Elwert (1989, S. 447) das entscheidende Defini­tions­krite­rium, kann aber ohne eine ent­sprechen­de Fremd­zuschrei­bung von außen als Erzäh­lung kaum als stabil angesehen werden. "Die Fremd­zuschrei­bung muß als Aner­kennung von Identi­tät ange­strebt werden" (ebd.).

 

2.4.2012.   Die solchermaßen konstru­ierte Geschich­te, die 'erfun­dene Tradition' ist die Grundlage für weitere Hand­lungen im sozialen All­tag einer ethni­schen Gruppie­rung oder Nation. Alte Materia­lien oder Arte­fakte können dabei durchaus funktio­nal im Kontext neuer Zwecke oder neuer Dis­kurse verwendet werden. Im Kern erfun­dener Tradi­tionen stehen der Aufbau oder das Symboli­sieren von "social cohesion or the member­ship of groups, real or artificial commun­ities" (Hobs­bawm 1983, S. 9): mithin sind sie "exercises in social engineering" (ebd., S. 13). Scharte (2010) analysiert in seiner auf zahl­reichen Archi­valien beruhen­den Studie, wie die preußisch-deutschen Grenz­kreise Eupen und Malmedy im 19. Jahr­hundert "nationali­siert" wurden (Scharte 2010, S. 162), etwa in Form von offiziellen rituali­sierten Gedenk­festen und Denk­mälern, die den 'treuen Dienst am (deutschen) Vater­land' beschworen und Siege über den 'Erb­feind' Frank­reich feierten. Nach dem Anschluss an Bel­gien 1920, spätestens nach der erneuten Eingliederung ins Königreich 1944, mussten die deutschsprachigen Neubelgier ihr Verhältnis zur Mehr­heits­bevöl­kerung klären. Über die eigene Ver­gangen­heit unter früheren Landes­herren herrschte lange Schweigen; eine eigene, distinkte Identität war unter den Vorzeichen von Illoyali­täts­verdacht und pauschalen Kollaborationsvorwürfen nicht opportun. Es sind aber gerade Minder­heiten, von denen eine klare Identität quasi erwartet wird: "It is notorious that minority groups are seen both to have particularly coherent identities, and to find that their real identities are never­theless curiously threatened and elusive" (Chapman et al. 1989, S. 18). Denn inter­essanter­weise berührt diese Erwartung an eine abgrenzbare Identi­tät einer Minderheit zugleich den wunden Punkt des Fehlens einer defi­nierten Identität der Mehr­heits­gesell­schaft – "silence on the subject of majority identity" (ebd.). Im Falle der deutsch­sprachi­gen Bel­gier betrifft dies gleich zwei Mehr­heits­gesell­schaften: zum Einen das im politisierten Sprachen- und Kultur­streit zwischen Wallo­nen und Flamen oft para­lysiert erschein­ende Bel­gien mit seiner oft schwer zu fassen­den Identi­tät (vgl. van Istendael 2011, S. 11-13) – und zum Ande­ren das 'lingu­isti­sche Mutter­land' Deutsch­land, dessen Identi­täts­diskurse regel­mäßig um seinen histo­risch abge­schlossenen, als Topos aller­dings stets wieder in Erinnerung geruf­enen aggressi­ven Natio­nalis­mus (vor allem im Wilhel­mini­schen Kaiser­reich 1871-1918 und während der national­sozialis­tischen Diktatur 1933-45) mit seinen aus­grenzenden Eigen­schaften kreisen.

Belgitude, Germanness

Belgiens "Marken­kern" – um einen Aus­druck aus dem Market­ing und dem Brand­ing zu ver­wenden – ist un­scharf (Stich­ting Marketing 2010). Die Ver­säulung und Zerfase­rung des pronon­ciert föderalen Landes ver­deckt eine gemein­same Identi­tät. Bel­gien hat in den letzten Jahr­zehnten vor dem Hinter­grund des flä­misch-wallo­nischen Sprachen­streits (vgl. Judt 2005, S. 710-712) eine Kultur des Aus­handelns, Aus­tarierens von Inter­essen entwickelt, bei der die beiden Mehr­heits-Sprach­gruppen in sepa­raten Öffent­lichkei­ten agieren. Die linguisti­schen Gruppen grenzen sich von­einander ab, zugleich aber auch von den sprach­lich jeweils verwandten Nachbar­ländern. Das gemeinsam "Bel­gische", die "Belgitude", ist eher im Sich-Einrich­ten im Kompro­miss, im gelegent­lich anarchi­schen Durch­lavieren zu finden. Was Belgier vereint, ist ihre Verachtung korrupter Behörden und inkompetenter Politiker, die den Sprachenstreit vor allem für eigene Machtinteressen missbrauchen und den Staat und sein Verwaltungshandeln teilweise lahmlegen. Belgier zu sein heißt vor diesem Hintergrund, sich der offiziellen Identitätskonstruktion zu widersetzen (Van den Abbeele 2004). Belgien ist somit ein Beispiel für einen "post-nationalen" Staat, der sich mit anderen Attributen definiert als einer einheitlichen Sprache: "(...) states (...) can conceivably find ways of continuing without nationhood, and might find other ways of establishing their worth (...)" (Hannerz 1996, S. 81f.). 'Belgitude' ist möglicherweise im Unfertigen, Ungeordneten begründet, im "Dazwischen". Auch dies ist ein Abgrenzungsprozess, bei dem das Unordentliche das 'Eigene' ist.

Für Deutsch­land dagegen ist das Kon­zept einer multiplen und quasi dezentralen Identi­tät noch relativ neu, worauf von Zeit zu Zeit auf­kommende Debatten um das Themen­feld "deutsche Leitkultur" verweisen; die deutsche Identi­tät ist unklar. Eine kultur­anthropo­logische Studie über "Germanness" von 1989 argumentiert:  "Despite the view from without, the German case demonstrates that majority cultural status does not necessarily confer an ethnic identity that is dominant, or even secure. On the contrary, German­ness as experienced from within has a fragile, ambi­guous quality that Germans themselves find highly problematic" (Forsythe 1989, S. 137f.). Als selbst­zugeschriebene Kern­charakteris­tika deut­scher Identi­tät erscheinen "cleanli­ness, stability, White­ness, Christia­nity, familiarity, and reliability (...). In short, German­ness is very concerned with order" (ebd., S. 151, 150). Ordnung steht im Mittel­punkt. Das Fremde ist das Dunkle, Unsaubere, Unordentliche: die Bedrohung. "German­ness" ist vor allem als Abgren­zung ("boundary-draw­ing in a cultural and social sense") konzipiert (ebd., S. 150), bei dem allerdings das Unordentliche das 'Fremde' und somit Bedohliche ist.

Die Identität der deutsch­sprachigen Bel­gier ist ebenso Resul­tat eines Abgren­zungs­prozesses. Diese Abgrenzung geht vor allem in Richtung Wallonie (die franko­phone Region, der die DG terri­torial zugehört) und Deutschland (das Land, dem die Bewoh­ner des Gebiets zwischen Eupen und Sankt Vith einst zugehörten). Dirk Schleihs bezeich­net sich in einem Sammel­band des Eupener Grenz-Echo-Verlags zur ostbel­gischen Identi­tät vor allem als Nicht-Deutscher und Nicht-Wallone. Michael Dujardin berichtet in dem selben Band "vom Undasein" in Ostbelgien (in Bach 2003, zit. nach der Synopse von Wenselaers 2008, S. 174: "niet-Duitser en niet-Waal"). Die Identität als deutsch­sprachiger Bel­gier könnte demnach als ein Zwischen- oder Schwellen­zustand charakte­risiert werden, was Turner (1964) auch als "Liminalität" bezeichnet hat. In diesem Zwischen­raum, in dieser Leere (die teil­weise auch ein Schweigen über die eigene Ver­gangen­heit ist) können Narra­tive gebildet werden, die die Gruppe der deutsch­sprachigen Bel­gier neu definiert. In solchen rück­ver­sich­ern­den Narra­tiven oder Mythen wird Geschichte rekon­struiert, wie oben bereits ausge­führt worden ist. "Menschen geben den Ereig­nissen Sinn, indem sie sie in die Form von Erzäh­lungen bringen – als 'Ge­schich­te' ordnen" (Elwert 1989, S. 441); "etwas Zufälliges" soll so als "etwas Ewiges" begrün­det werden (Barthes 2010, S. 294f.). In der großen Erzählung, im Mythos verlieren die Dinge "die Erinnerung daran, daß sie hergestellt worden sind" (ebd., S. 295), aber im All­tag begegnen uns die Arte­fakte dieser Histori­zität, mit denen sich die Pro­zesse des Sich-so-Erinnern-Wollens rekon­stru­ieren lassen. In den Wor­ten von DG-Minister­prä­si­dent Karl-Heinz Lam­bertz: "(...) identi­teits­vorming is geen een­duidig pro­ces. (...) de DG is geen histo­risch ge­groeide een­heid, ze be­staat pas sinds 1920" (ndl. zit. nach Wense­laers 2008, S. 177). Die Identi­tät der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft Belgiens ist also noch dabei, sich zu formen.

Heimat?

10.4.2012.  "Was ist Heimat?", fragt das deutsche Wochenmagazin Der Spiegel in seiner aktuellen Nummer (Heft 15/2012) und begibt sich auf "Spurensuche in Deutschland" – bezeich­nender­weise mit elf regional unterschiedlich gestalteten Titelmotiven (Bajuwaren mit krachledernen Trachten für Bayern, die Ruhr bei Hattingen für Nord­rhein-Westfalen, Elbauen mit Dresden-Panorama für Sachsen usw.). Jeder Region ihr eigenes Titelmotiv; keine "Heimat", auf die sich alle einigen könnten? "Heimat bleibt ein Thema für die Deutschen, ein schwieriges Thema" (Kurbjuweit 2012, S. 62). Der Begriff an sich ist – nach dem Missbrauch durch den National­sozialis­mus – geradezu verdächtig. "Home, homeland, Heimat. It is around the meaning of European culture and identity in the new global context that this image – this nostalgia, this aspiration – has become polemically activated", schreiben David Morley und Kevin Robins in ihrem Buchkapitel "No Place Like Heimat: Images of Home(land)" (Morley/Robins 1995, S. 87). Die "Heimat" bleibt umstrittenes Terrain, zumal in der Moderne mit ihren transnationalen Verbindungen, in denen der Nationalstaat teils in Frage gestellt wird, teils aber auch (und dies vor allem in globaler Perspektive) stark erscheint wie lange nicht. In den "kollektiven Heimatbegriff" der Deutschen eingeflossen sind Topoi wie "Natur, Dorf, Familie, Schönheit, Gemeinschaft, Einfachheit" (Kurbjuweit 2012, S. 62): eine Sehnsucht, die oft der Lokalität verhaftet ist – einer Ortsverbundenheit, die selbst wiederum oft genug von der Ortlosigkeit des Internetzeitalters bedroht scheint. Im Kern ist "Heimat" ein Abgrenzungs­prozess: was und wer gehört dazu, was und wer nicht? Gerade am deutschen Fall­beispiel wird deutlich: "The romantic utopia of Heimat, with all its connotations of remembrance and longing has been about reconnecting with a national heritage and history" (Morley/Robins 1995, S. 101). Fragen nach der Authenti­zität eines Heimat­konstrukts sind in einem solchen Kontext schwer zu beantworten. Morley und Robins kommen zu einem skeptischen Fazit: "There can be no recovery of an authentic cultural homeland. (...) In this world, there is no longer any place like Heimat. More significant, for European cultures and identities now, is the experience of displace­ment and transition. (...) What is most important is to live and work with this with this disjuncture and ambivalence. Identity must live out of this tension" (Morley/Robins 1995, S. 103f.). Im Falle der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft Belgiens scheint dieses Spannungs­feld zwischen Trennung und Zwiespältigkeit, dieses Dasein zwischen zwei Ländern oder Kulturen, bisher keine "belast­bare kollek­tive Identi­tät" hervorgebracht zu haben (Cre­mer 2012, S. 141; s.o). Die  postnationale Entität "Deutsch­sprachige Gemein­schaft Bel­giens" bietet aber zumindest, als selbst-titulierte "Gemeinschaft", die Möglichkeit von "Brüder­lichkeit": "Those living are of one large family. Yet this is made clear (...) through shared symbolic references to the past, to the ancestors held in common" (Hannerz 1996, p. 83).

Neutrale Zone, belgisiert

13.4.2012  Fahrten nach Eupen, Lontzen und Kelmis/La Cala­mine, ent­lang der deutsch-franzö­sischen Sprach­grenze. Kelmis ist für Kommuni­kations­wissen­schaft­ler von besonderem Reiz, denn hier wurde 1890 Emil Dovifat geboren, der spätere Zeitungs­wissen­schaft­ler und Lehr­stuhl­inhaber in Berlin, einer der Grün­dungs­väter der deut­schen Publi­zistik­wissen­schaft. Die Gemeinde Kelmis hieß damals noch Neutral-Mores­net und war – ein euro­päi­sches Kurio­sum – von 1815 bis 1919 eine staaten­lose, binational verwaltete Puffer­zone zunächst zwischen den Vereinig­ten Nieder­landen und Preußen, später dann zwischen dem König­reich Bel­gien und dem Deut­schen Reich. 1920 wurde es, zusammen mit Eupen, Malmedy und Sankt Vith, Belgien zugeschlagen. Heute ist die Gemeinde zwei­sprachig. Am Rat­haus, einem Ziegel­stein­bau­werk mit klassi­zisti­scher Formen­sprache aus der Mitte des 19. Jahr­hunderts, ist das Giebel­feld des Portikus aufschluss­reich: 1952 wurde dort das Königs­wappen stuckiert eingefügt, umrahmt vom Landes­motto "L'union fait la force" (Einig­keit macht stark). Die Ortsmitte wird von einem Erinne­rungs­diskurs geprägt, der um Krieg kreist: Schräg gegen­über vom Gemeinde­haus, in Portal­vorbau der Mariä-Himmel­fahrts-Kirche, erinnert eine steinerne Tafel in deutscher Sprache an die Kelmiser Kriegs­toten von 1914-18 – unabhängig von ihrer Armee­zugehörig­keit. (In Neutral-Moresnet gab es bezeich­nender­weise keine Wehrpflicht, die Gefallenen aus der Gemeinde waren also Kriegs­freiwillige). Auf dem Kirch­platz erinnert ein heroisch-monumen­tales Krieger­denkmal von 1948/49 in französischer Sprache an die Toten des Vaterlands ("... morts pour la Patrie") aus beiden Welt­kriegen (nach belgischer Lesart: "1914-18" / "1940-45"). Gekrönt wird das Denkmal von einer fackeltragenden Siegesfigur. Nachträglich (1970 bzw. 1995) angebracht wurden Inschriften, die an 25 bzw. 50 Jahre Frieden in der Region erinnern. So langen Frieden gab es hier nicht oft.

Kaum 80 Meter entfernt, vor dem Super­markt, finden sich weitere Spuren belgisch-nationaler Erinnerungs­ikonik. Eine kleine Plakette an einer sehr niedrigen steinernen Stele widmet einen (kaum zu identi­fi­zierenden) Baum 1999 dem Regenten, König Albert II (zwei­sprachige Inschrift: "Baum des Königs / Arbre du Roi"). Rechts daneben erweist einen metallene Plakette an einem etwas größeren Stein dem belgischen Königs­haus Respekt ("A notre / Unsere / DYNASTIE / en hommage / in Ehre", gefolgt von den Namen und Lebens­daten der bel­gischen Könige seit Staats­gründung 1830: Léopold I., Léopold II., Albert I., Léopold III., Baudouin I., Albert II., sämtlich übrigens aus dem Hause Sachsen-Coburg und Gotha stammend. Wiederum rechts danaben findet sich ein weiterer Stein mit einer kleinen franzö­sisch­sprachigen Erinne­rungs­plakette des bel­gischen Kriegs­frei­willigen­verbands "Fédération Nationale des Volon­taires de Guerre": "Gloire à nos volon­taires de guerre / 1914-18 / 1940-45 / FNVG La Calamine". Der Riss, wer in den Kriegen, ob freiwillig oder unfreiwillig, auf welcher Seite gekämpft hatte, ging noch lange durch viele Familien.

Wieso verwundert dieses vorgefundene nationale Gedenkdiskurs-Ensemble im freundlichen Örtchen Kelmis so? Die Idee der Nation, so schreibt Roland Barthes in den 1950er-Jahren, war nach der Französi­schen Revo­lution "eine fort­schritt­liche Idee, die dazu diente, die Aristo­kratie auszu­schalten" (Barthes 2010, S. 289f.). Auf dem Kelmiser Kirch­platz begegnet uns die (belgische) Nation in geballter royalisti­scher Manifes­tation: als vater­ländisches Krieger­denkmal, als Veteranen­gedenk­stein, als "Baum des Königs", als Hommage an "unsere Dynastie". Hier ist die Aristo­kratie nicht ausge­schaltet, sondern erscheint als Teil einer Insze­nierung des "bana­len Nationa­lismus": "The thesis of banal national­ism suggests that nation­hood is near the surface of contem­porary life" (Billig 1995, S. 93). Die Zurschau­stellung einer (in anderen parlamen­tarischen Monar­chien Europas so kaum noch zele­brierten) Unter­tanen­treue und einer ostentativ unzweifelhaften Loyalität zu Belgien und seiner Königsdynastie ist genauso banal wie instruktiv. "Das belgische Königs­haus (...) ist von Haus aus von Sachsen-Coburg-Gotha, was vielleicht erklärt, warum (...) Nibe­lungen­treue als Begriff besser passt, als uns lieb ist", schreibt Michael Dujardin über das "Unda­sein" als deutsch­sprachiger Belgier (Dujardin 2003, S. 56). Die Nation findet sich am Kelmiser Kirchplatz in ihrem ("unserem") Königshaus, als habe diese Dynastie seit ihrem Bestehen "schon immer" über Kelmis geherrscht. Die dynastische Abkunft der königlichen Familie aus einer Nebenlinie der (deutschen) Wettiner wird ent-redet, die spezifische präbelgische Lokalgeschichte von Kelmis (ehedem Neutral-Moresnet) verdeckt. Wir finden hier eine zugleich wahre und unwahre Geschichte im Sinne Barthes' vor: einen Mythos des sublimiert Belgischen, einen Mythos des Zusammenhalts, komme da, was wolle; gleichzeitig aber auch eine Geschichte der (teilweisen) Subver­sion dieses nationalen ­Pathos vermittels seiner Profanisierung: auf einem Supermarkt-Parkplatz. Auch dieses Anarchische, sich selbst in Frage Stellende, ist Belgien.

 

Die Fortsetzung und weitere Aktualisierungen des Online-Forschungstagebuchs sowie das Literaturverzeichnis sind unter http://www.research-worldwide.de/belgium.html zu finden.

 


Weiterführende Links:
Zwischen Tagesschau und Königreich. Eine Lange Nacht über Belgien und seine deutschsprachige Gemeinschaft (Deutschlandfunk, 20.08.2011)
Die Deutschsprachige Gemeinschaft in Belgien (offizielle Website)
Die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens (Wikipedia-Artikel)


Autoren

Name:
Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte
Forschungsgebiet:
Empirische Medienforschung, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Diplomacy, Nation Branding
Funktion:
Professor
Lehrgebiet:
Medien-, Publikums- und Marktforschung, sozialwissenschaftliche Methodenlehre, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Relations, internationale Kommunikation, Hörfunkjournalismus
Studiengang:
Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
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Oliver Zöllner

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Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte


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