Vortrag

Politische Landschaft (mit Burgruine)

Diskurse regionaler Identität in Belgien

In diesem PR-Foto der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens drückt sich der Habitus dieser Bevölkerungsgruppe aus, der mit Hilfe der 'dokumentarischen Methode' analysiert werden kann (Screenshot: Oliver Zöllner unter Verwendung einer Fotovorlage von Christian Charlier mit freundlicher Genehmigung des Ministeriums der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens).
In diesem PR-Foto der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens drückt sich der Habitus dieser Bevölkerungsgruppe aus, der mit Hilfe der 'dokumentarischen Methode' analysiert werden kann (Screenshot: Oliver Zöllner unter Verwendung einer Fotovorlage von Christian Charlier mit freundlicher Genehmigung des Ministeriums der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens).

In einem Vortrag im Rahmen der Ring­vorlesungs­reihe an der HdM Stuttgart hat Oliver Zöllner die "dokumen­tarische Methode" nach Bohnsack vorgestellt und an einem exempla­rischen Bild­dokument zur Anwendung gebracht. Bei dem analy­sierten Bild einer jungen Frau vor einer Burgruine handelt es sich um ein inszeniertes Foto aus einer Selbst­darstellungs­broschüre der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft Belgiens, das den "Habitus" dieser Bevöl­kerungs­gruppe einfängt.

Zöllner ging in seinem Vortrag von der Arbeits­hypothese aus, dass sich die kollektive(n) Identität(en) der deutsch­sprachigen Ostbelgier in einem Diskurs um Fremd- und Selbst­bilder ausdrücken, die zum einen auf teils konfliktbehaftete und unklare Aushand­lungen von Vergangen­heit bzw. Zukunft zurück­greifen und zum anderen auf die vor allem inner­belgisch geführte Debatte um Zugehörigkeit bzw. Abgrenzung. Das exemplarisch analysierte Foto ist, um mit Warnke (1992) zu sprechen, ein politisches Bild – und nicht zuletzt auch ein sprechendes. Es drückt aus, dass die Frage nach Vergangen­heit und Zukunft der Ostbelgier nunmehr zumindest ausgesprochen werden kann. Das Dunkle der Vergangenheit und nicht zuletzt seine Ungeord­netheit müssen nicht mehr im Mittelpunkt der Identitätsdiskurse der sprachlichen Minder­heit stehen. Sie können Platz machen für die „Exploration, die andere Möglichkeiten zutage fördert" (Jullien 2018, S. 37) – eventuell gänzlich progressive, die dem „emanzipa­torischen Prinzip interkultureller Toleranz und kosmopolitischer Offenheit" verpflichtet sind, das den Wesenskern der ‚Belgitude' ausmacht (Sepp 2010, S. 22). Gerade hierin liegt die Chance, das Konzept von ‚Heimat' für die ostbelgische Region entspannt neu zu konstruieren (Penné 2017, S. 248).

 

Literatur (Auswahl):

Bohnsack, Ralf (2010): Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. 8. Aufl. Opladen, Farmington Hills: Budrich.

Bohnsack, Ralf (2011): Qualitative Bild- und Videointerpretation. Die dokumentarische Methode. 2. Aufl. Opladen, Farmington Hills: Budrich.

Jullien, François (2018): Es gibt keine kulturelle Identität. Wir verteidigen die Ressourcen einer Kultur. 4. Aufl. Berlin: Suhrkamp.

Penné, Lesley (2017): Land ohne Heimat? Heimatbegriff in der deutschsprachigen belgischen Gegenwarts­literatur. In: G. Iztueta, M. Saalbach, I. Talvera, C. Bescansa & J. Standke (Hrsg.): Raum - Gefühl - Heimat. Literarische Repräsentationen nach 1945. Marburg: LiteraturWissenschaft.de, S. 235-251.

Sepp, Arvi (2010): Grenzübergänge. Transkulturalität und belgische Identität in der aktuellen deutschsprachigen Literatur in Belgien. In: Aussiger Beiträge. Germanistische Schriftenreihe aus Forschung und Lehre, 4, S. 13-26.

Warnke, Martin (1992): Politische Landschaft. Zur Kunstgeschichte der Natur. München, Wien: Hanser.

 

Vortrag auf Veranstaltung: Ringvorlesung an der HdM Stuttgart
Veranstaltungsort: Stuttgart
Datum: 13.11.2019


Autoren

Name:
Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte
Forschungsgebiet:
Empirische Medienforschung, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Diplomacy
Funktion:
Professor
Lehrgebiet:
Medien-, Publikums- und Marktforschung, sozialwissenschaftliche Methodenlehre, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Relations, Public Diplomacy, Nation Branding, Hörfunkjournalismus
Studiengang:
Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
Raum:
216, Nobelstraße 10 (Hörsaalbau)
Telefon:
0711 8923-2281
Telefax:
0711 8923-2206
E-Mail:
zoellner@hdm-stuttgart.de
Homepage:
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