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#Neuland #Individuum #Gesellschaft

Ethik in einer digitali­sierten Welt: Sechs Fall­studien

Das eBook '#Neuland #Individuum #Gesellschaft. Ethik in einer digitali­sierten Welt: Sechs Fall­studien' (2015)
Das eBook '#Neuland #Individuum #Gesellschaft. Ethik in einer digitali­sierten Welt: Sechs Fall­studien' (2015)

Sechs Forschungsprojekte aus einem Masterkurs zur Digitalen Ethik im Alltag sind in einem eBook veröffentlicht worden, das kostenlos zum Download zur Verfügung steht. Unter dem Titel "#Neuland #Individuum #Gesellschaft" behandeln die Studien ethische Aspekte der ubiquitären Smartphone-Nutzung, Sharing- und Dating-Portale, Engagement im Netz, Quantified-Self-Anwendungen mit Gesundheitsdaten (Self-Tracking) sowie Unterschiede von Online- und Offline-Präsentationen des Selbst.

Mit einem kleinen altmodischen Wort, fallengelassen auf einer Pressekonferenz im Juni 2013, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den Diskurs über den Umgang mit dem Internet zumindest in Deutschland geprägt: Vom "Neuland" sprach sie, und in diversen Netzforen brach ein Sturm der Entrüstung aus, teils auch größere Belustigung über die Wortwahl der Kanzlerin. Merkel schien den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Wenn man auch darüber streiten kann, wie neu dieses "Neuland" wirklich ist (zumal an einer Medienhochschule wie der HdM Stuttgart).

Waren es ursprünglich eher professionelle Nutzer wie auch Gamer, die Anfang/Mitte der 1990er-Jahre online waren, ist das Internet heutzutage zumindest in der industrialisierten Welt längst ubiquitär: am Schreibtisch, im Schlaf- und Wohnzimmer, auf Mobilgeräten in der Hosentasche, auf dem Fahrrad, im Auto - und nicht zuletzt im Hörsaal. Menschen informieren sich über das Weltgeschehen zunehmend online, sie organisieren in Social Media ihre Arbeit, ihr Lernen wie auch ihre Freizeit, sie pflegen Freundschaften über das Internet und knüpfen neue, sie kaufen "im Internet" ein, sie sammeln die eigenen Fitness- und Gesundheitsdaten, und viele Autofahrer oder Fußgänger fänden sich ohne mobile Navigationsanwendungen kaum noch in einer fremden Umgebung zurecht. "The digitization of just about everything" nennen das Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee in ihrem bemerkenswerten Buch über "das zweite Maschinenzeitalter" und wie es unser Denken und Handeln verändert (Brynjolfsson/McAfee 2014: 57 ff.).

Und so muss man denn 2015 wirklich aufpassen, wenn man durch eine Fußgängerzone in Deutschland läuft: Fast unweigerlich stößt man irgendwann mit einem Mitmenschen zusammen, der beim Gehen nicht nach vorn, sondern vor allem auf sein Smartphone starrt und darüber auf Kollisionskurs gerät. "Always on" (Baron 2008) - und das heißt: telefonieren, Nachrichten lesen, Profile-Aktualisierungen bei Facebook, Instagram oder WhatsApp aktualisieren, Tweets empfangen ‒ alles längst Gewohnheitssache. Viele Menschen aus der "App Generation" (Gardner/Davis 2013) können ohne diese drahtlosen Hilfsmittel scheinbar kaum noch auskommen. Die Nutzung und Bereitstellung von digitalen Informationen hat sich inzwischen zu einer Art Grundversorgung entwickelt, ähnlich wie Wasser, Gas oder Strom.

Das Internet ist überall, es ist pervasiv - und der angemessene Umgang mit ihm ist für viele Menschen eine Herausforderung, ist in der Tat eine Art "Neuland". Welcher Art sind die "Freundschaften", die online organisiert werden? Wo landen die Daten, die man bei Online-Anwendungen unweigerlich preisgibt? Wer ist Herr über die datenbasierten persönlichen Profile, die bei Firmen und Behörden gespeichert werden? Längst haben sich viele Menschen daran gewöhnt, die Hoheit über ihre Daten abzugeben. Passend dazu tauchen in den Nachrichten gegenwärtig fast täglich Skandale um Online-Ausspähungen oder sonstige Verletzungen des Datenschutzes auf. Geheimdienste wie die amerikanische NSA, das britische GCHQ oder der deutsche BND sammeln in großem Umfang oft anlasslos Telekommunikationsdaten, meist im Namen des "Kampfes gegen den Terrorismus". Auch dieses Narrativ ist ein relatives Neuland, das Menschen in ihrem Denken und Handeln vor Herausforderungen stellt. Strategien, wie man mit "Big Data" angemessen umgehen soll, sind noch nicht tief verankert (vgl. Mayer-Schönberger/Cukier 2013).

Der "netzwerkende Mensch" und seine Privatheit

Erst langsam lernen wir, dass es der einzelne Webnutzer ist, der netzwerkende Mensch, der die vielfältigen Apparate permanent mit seinen Daten füttert und den angemessenen Umgang damit erst noch finden muss. Wirklich „privat" ist nichts, was über Datenleitungen transportiert wird. Dies provoziert auch ethische Fragestellungen: Wie sollen sich Menschen in einer zunehmend mediatisierten Gesellschaft verhalten? Welche Rolle spielt die Privatsphäre, wie weit darf Überwachung reichen? Wohin entwickelt sich eine Gesellschaft, in der Medien längst bis in die Intimsphäre des Einzelnen hineinwirken? Inwieweit glauben wir, dass sich quasi alle Probleme mit einem Tastendruck oder mit einer App lösen lassen, wie es Morozov (2013) polemisch formuliert? "Performen" wir nur noch unsere eigenen Online-Profile? Steht unsere digitalisierte Lebensführung zunehmend unter dem Primat der Ökonomisierung (vgl. herzu die Beiträge in Grimm/Zöllner 2015)?

Möglicherweise ist etwas faul im Gesellschaftsvertrag. Der Kernbereich unserer Individualität wird einerseits zur Handelsware, andererseits zu etwas prinzipiell Verdächtigem degradiert. Leicht ins Visier der Online-Fahnder gerät schon, wessen Verhaltensprofil vom Durchschnitt der übrigen Profile signifikant abweicht. Längst befindet oftmals eine automatisierte statistische Korrelation darüber, wie wir im Netz womit verknüpft und somit wahrgenommen werden oder was uns als wahrnehmenswert präsentiert wird. Allmählich macht sich vor einem solchen Hintergrund das Gefühl breit, dass etwas aus der Balance geraten, etwas verloren gegangen scheint: das Grundrecht der informationellen Selbstbestimmung, das sich auf der individuellen Verfügungshoheit über persönliche Daten aufbaut (vgl. hierzu Grimm/Keber/Zöllner 2015). Jede Information, die man einmal ins Netz gestellt hat, bedeutet den Verlust an Privatheit und damit den Verlust eines kleinen Stückchens Freiheit und Autonomie, so ließe sich schlussfolgern. Die politische und publizistische Empörung hierüber hat im Zuge der Diskussion um NSA, Facebook, Google und Co. gerade Auftrieb erhalten. Vonnöten ist im Kontext dieser Diskussion eine ethische Reflexionskompetenz, die auf Medienkompetenz basiert.

Medienethik und Medienkompetenz

Die Ausbildung einer solchen Medienkompetenz ist keineswegs (wie es vielleicht scheinen könnte) eine privatistische Aufgabe, sondern im Kern eine prononciert soziale, politische Angelegenheit: Sie fördert das Bewusstsein um eine demokratische Gesellschaft, deren Mitglieder sich als Bürger, als citoyens, anlasslose Kontrolle und Überwachung von staatlicher Seite nicht bieten lassen, denen aber ebenso klar ist, dass es "im Internet" nichts kostenlos gibt, sondern man im Zweifel immer Datenspuren hinterlässt und mit seinen Daten bezahlt (vgl. Hofstetter 2014 sowie die Beiträge in Grimm/Zöllner 2012). Solchermaßen aufgeklärte und ermächtigte Mediennutzer würden in ihrem Alltag auch genau hinschauen, welchen privaten Firmen sie ihre Daten und Profile überlassen, zu welchen Zwecken ‒ und ob überhaupt. Denn das Bewusstsein um die eigene Privatheit würde als zentraler Wert erkannt: als Wert, selbstbestimmt das eigene Leben zu gestalten - nicht bloß als eine monetarisierbare "Austauschwährung" für den Absatz von Werbeflächen und als Rohstoff fürs Data-Mining von Unternehmen, also für die systematische Auswertung von Datenbeständen zur Erkennung spezifischer Muster (vgl. hierzu auch: Institut für Digitale Ethik 2015).

Über diese Publikation

Im Wintersemester 2014/15 fanden sich an der Hochschule der Medien knapp 40 Master-Studenten zusammen, um in einem Kurs zur empirischen Medienforschung eigene Forschungsprojekte zur digitalen Gesellschaft und zum Umgang mit Daten im Alltag zu entwickeln. Schnell kristallisierten sich sechs Themenstellungen heraus, denen die Kommilitoninnen und Kommilitonen  nachgingen: ubiquitäre Smartphone-Nutzung, Sharing, Dating, Engagement im Netz, Quantified-Self-Anwendungen mit Gesundheitsdaten sowie Unterschiede von Online- und Offline-Präsentationen des Selbst. Vieles davon ist zwar schon in den Alltag insbesondere junger Menschen eingedrungen, aber dennoch nach wie vor neues Terrain, das in seinen ethischen Bezügen erst noch erkundet und ausgehandelt werden muss (vgl. Ess 2014). Die entstandenen empirischen Studien enthalten Ergebnisse, die wir im Kurs für so interessant hielten, dass wir übereingekommen sind, sie in überarbeiteter Form unter dem Titel "#Neuland #Individuum #Gesellschaft" als eBook zu veröffentlichen, nicht zuletzt auch als Grundlage für auf sie aufbauende weiterführende Forschungsprojekte.

Oliver Zöllner

Liste der beteiligten Autoren, Beschreibung des eBooks und Downloadlink:
http://hdms.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/docId/3675

Siehe auch den Artikel "Swipe it" von Marleen Kledig über Online-Dating: https://www.hdm-stuttgart.de/view_news?ident=news20170427151907

 

Angeführte Quellen:

Baron, Naomi S. (2008): Always on: Language in an Online and Mobile World. Oxford: Oxford University Press.

Brynjolfsson, Erik/McAfee, Andrew (2014): The Second Machine Age: Work, Progress, and Prosperity in a Time of Brilliant Technologies. New York, London: Norton.

Ess, Charles (2014): Digital Media Ethics. 2nd ed. Cambridge, Malden: Polity Press.

Gardner, Howard/Davis, Katie (2013): The App Generation: How Today's Youth Navigate Identity, Intimacy, and Imagination in a Digital World. New Haven, London: Yale University Press.

Grimm, Petra/Keber, Tobias O./Zöllner, Oliver (Hrsg.) (2015): Anonymität und Transparenz in der digitalen Gesellschaft (= Reihe Medien­ethik, Band 15). Stuttgart: Steiner.

Grimm, Petra/Zöllner, Oliver (Hrsg.) (2012): Schöne neue Kommu­nikations­welt oder Ende der Privat­heit? Die Ver­öffent­lichung des Priva­ten in Social Media und populären Medien­formaten (= Reihe Medienethik, Band 11). Stuttgart: Steiner.

Grimm, Petra/Zöllner, Oliver (Hrsg.) (2015): Ökonomisierung der Wertesysteme. Der Geist der Effizienz im mediatisierten Alltag (= Reihe Medien­ethik, Bd. 14). Stuttgart: Steiner.

Hofstetter, Yvonne (2014): Sie wissen alles. Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen. München: Bertelsmann.

Institut für Digitale Ethik (2015): „Privatsphäre darf kein Luxusgut sein". Ein Positionspapier des Instituts für Digitale Ethik. Internetquelle: http://www.digitale-ethik.de/showcase//2015/02/IDE-Positionspapier_201502.pdf.

Mayer-Schönberger, Viktor/Cukier, Kenneth (2013): Big Data: A Revolution That Will Transform How We Live, Work, and Think. Boston, New York: Houghton Mifflin Harcourt.

Morozov, Evgeny (2013): To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism. New York: PublicAffairs.


Autoren:
Hrsg.: Zöllner, Oliver
Seiten: 535
Erscheinungsjahr: 2015
Verlag: Hochschule der Medien
Ort: Stuttgart
Preis: kostenlos

Weiterführende Links:
Zum kostenlosen Download


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Eingetragen von

Name:
Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte


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