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Mobilfunk und Modernisierung in Ostafrika

Gesellschaftliche Auswirkungen einer neuen Kommunikationstechnologie

Das Buch 'Mobilfunk und Modernisierung in Ostafrika' von Michael Waltinger
Das Buch 'Mobilfunk und Modernisierung in Ostafrika' von Michael Waltinger

Ein Jubiläum, das wir 2012 eher still gefeiert haben: 20 Jahre Mobilfunk in Deutschland − und schon längst ist das "Handy" nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Die Markteinführung einer neuen Technologie zwei Jahrzehnte zuvor hat binnen kurzer Zeit das tägliche Leben vieler Nutzer verändert: nicht nur in privaten Lebensbereichen, sondern auch im Geschäftsleben. Überall wurden die Menschen erreichbar, oft rund um die Uhr, und fast überall klingelte plötzlich das Telefon, das vorher fest verkabelt in der Wohnung war.

So viel lässt sich zweifelsfrei festhalten: Die Mobiltelefonie hat den Lebensstil in westlichen Industriestaaten stark geprägt. Aber wie sieht das außerhalb des "reichen Nordens" aus − etwa in Ostafrika? Oft wird übersehen, dass Afrika der am schnellsten wachsende Mobilfunkmarkt der Welt ist. Dies hat Auswirkungen auf Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft. Bemerkenswert ist dabei, dass viele Menschen in dieser Weltregion per "Handy" den Sprung von der persönlichen Face-to-face- zur elektronischen Kommunikation gemacht haben ohne den Zwischenschritt der schriftlichen Kommunikation: Die Alphabetisierungsraten in den meisten Ländern Afrikas sind nach wie vor weitaus niedriger als in der industrialisierten Welt.

Was bedeutet "Modernisierung"?

Vor diesem Hintergrund hat sich Michael Waltinger in seinem jüngst erschienenen Buch "Mobilfunk und Modernisierung in Ostafrika: Adoption und Diffusion einer Kommunikationstechnologie" der Frage gewidmet, inwiefern die Einführung des Mobiltelefons zu einer "Modernisierung" der Gesellschaft beiträgt − was zunächst natürlich erforderlich macht zu definieren, was denn unter "Modernisierung" verstanden werden soll (fürwahr ein Streitthema mit langer Tradition!). Waltinger wählt für seine Analyse exemplarisch die ostafrikanischen Staaten Kenia, Tansania und Uganda. Neben dem kontextuellen Rahmen der Modernisierungstheorie entscheidet er sich für die Diffusions- und die Adoptionstheorien als theoretische Analyseraster, wobei die Diffusionstheorie eher die Makroebene (also die Betrachtungsebene der Gesellschaft) im Blick hat und die Adoptionstheorie eher die Mikroebene (also die Ebene der Individuen). Also: Wie übernehmen einzelne Menschen eine neue Technologie wie den Mobilfunk und welche Auswirkungen hat das dann für die Gesamtgesellschaft?

Mobiltelefon als Produkt und Produktionsmittel

Michael Waltinger kommt zu dem Schluss, dass der Mobilfunk in Ostafrika deshalb so immens erfolgreich werden konnte, weil das Mobiltelefon eine einfache soziale Kommunikation zu relativ günstigen Preisen ermöglicht hat, wo zuvor nur eine völlig unterentwickelte Festnetztelefonie-Infrastruktur vorhanden war, die zudem oftmals nur Eliten leicht zugänglich war. Das Mobiltelefon ist längst Teil der afrikanischen Alltagskultur geworden und hat − als Produkt − den Umgang mit Raum und Zeit erheblich verändert und − als Produktionsmittel − auch neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Was für die Reichen in Europa oder Nordamerika ein wenig mehr Komfort bedeuten mag, ist für Menschen in Ostafrika und anderswo oftmals eine Frage der Existenzsicherung. Und, ganz wie im reichen "Norden", ist das mobile Telefon auch dort zum Statussymbol geworden.

Waltingers detaillierte, breit recherchierte und mit Gewinn zu lesende Studie an der Schnittstelle von Ökonomie- und Kulturforschung, die als Masterarbeit im Studiengang "Elektronische Medien" an der HdM Stuttgart entstand, ist nun in der Edition 451 als Buch erschienen.

Oliver Zöllner

Michael Waltinger:
Mobilfunk und Modernisierung in Ostafrika: Adoption und Diffusion einer Kommunikationstechnologie
Stuttgart: Edition 451, 2012.
147 Seiten. ISBN 978-3-931938-41-3.
Preis: € 19,90.



Weiterführende Links:
"Mobile Phone Access Varies Widely in Sub-Saharan Africa" (Quelle: Gallup World)
"Mobile Phones and Economic Development in Africa - Working Paper 211" (Quelle: Center for Global Development)


Autoren

Name:
Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte
Forschungsgebiet:
Empirische Medienforschung, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Diplomacy, Nation Branding
Funktion:
Professor
Lehrgebiet:
Medien-, Publikums- und Marktforschung, sozialwissenschaftliche Methodenlehre, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Relations, Public Diplomacy, Nation Branding, Hörfunkjournalismus
Studiengang:
Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
Raum:
216, Nobelstraße 10 (Hörsaalbau)
Telefon:
0711 8923-2281
Telefax:
0711 8923-2206
E-Mail:
zoellner@hdm-stuttgart.de
Homepage:
http://www.media-research.eu
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