Vortrag

Mehr als nur Pop: die Militärsender AFN und BFBS in Deutschland

American Forces Network und British Forces Broadcasting Service in Germany (1945-2019)

Die Militärsender AFN und BFBS waren, wenn auch nicht intendiert, eine Maßnahme der Public Diplomacy der USA bzw. Großbritanniens - mit Leistungen auf der Mikro-, Meso- und Makroebene (Grafik: Oliver Zöllner).
Die Militärsender AFN und BFBS waren, wenn auch nicht intendiert, eine Maßnahme der Public Diplomacy der USA bzw. Großbritanniens - mit Leistungen auf der Mikro-, Meso- und Makroebene (Grafik: Oliver Zöllner).
Über solche Empfänger hörten die Deutschen in den 1950er-Jahren AFN und BFN (später: BFBS) - jedenfalls manche von ihnen. Mit ihrer Popmusik haben die alliierten Militärsender dazu beigetragen, die junge Bundesrepublik kulturell zu
Über solche Empfänger hörten die Deutschen in den 1950er-Jahren AFN und BFN (später: BFBS) - jedenfalls manche von ihnen. Mit ihrer Popmusik haben die alliierten Militärsender dazu beigetragen, die junge Bundesrepublik kulturell zu "verwestlichen" (Foto: Oliver Zöllner).

Am 9. Januar 2019 hielt HdM-Professor Oliver Zöllner in der Ring­vorlesung einen Vortrag über die Geschichte und vor allem den kulturellen Einfluss, den nach dem Zweiten Weltkrieg die Militär­sender AFN und BFBS auf die deutsche Zivil­bevölkerung hatten. Das "American Forces Network" und der "British Forces Broad­casting Service" waren über Jahrzehnte attraktiv für viele Deutsche - und sie waren weit mehr als "nur Pop".

Zöllner gab eingangs eine historische Übersicht über die Entwicklung der Militärradios. AFN wurde 1943 als "Armed Forces Radio Service" (AFRS) gegründet. Bis dato hatten deutsche und italienische Militärsender mit ihren eigenen Truppen­betreuungs­programmen und auch solchen in englischer Sprache die alliierten Soldaten unterhalten, die sich in Nordafrika auf die Landung in Südeuropa vorbereiteten. Den West­alliierten war dies naturgemäß ein Dorn im Auge, denn die Programme der national­sozialisti­schen bzw. faschisti­schen Achsen­mächte waren mit Propaganda durchsetzt. Speziell Nazi­deutschland hatte auf dem Gebiet des Rundfunks zunächst die Nase vorn. Die Einrichtung des AFRS brachte erstmals amerikanische Stimmen zu den US-Truppen. Und die britischen Soldaten hörten mit. Dies wiederum störte die britischen Militär­behörden, denen die lockere Programmpräsentation der Amerikaner (und nicht zuletzt auch ihr Akzent) missfielen. Somit ging im Januar 1944 in Algerien ein eigenes Programm für das britiche Truppenkontingent an den Start.

Nach der Landung in Süditalien zogen beide Truppensender in der Nachhut allmähich mit in Richtung Norden. Von Westen kommend erreichten mobile Sendewagen von Feldmarschall Montgomerys British Liberation Army im Februar 1945 deutsches Gebiet. Im Mai des Jahres requirierten die Briten die Kleine Musikhalle in Hamburg und machten sie für die nächsten neun Jahre zum Hauptquartier des "British Forces Network" (BFN). 1954 zog der BFN nach Köln um. Der AFN hatte derweil im Schloss Höchst in Frankfurt Quartier genommen und eröffnete Zug um Zug mehrere Studios in der amerkanischen Besatzungszone. Beide Militärsender spielten eine für viele Deutsche neue und nach den Jahren der Nazi-Diktatur ungewohnte Musik: Jazz und Swing waren die Popmusik dieser Zeit. Manche junge Leute gründeten eigene lokale AFN- und BFN-Hörerclubs bzw. Jazzclubs und erlebten mit Hilfe der Truppenradios einen neuen Lebensstil. Vorgesehen war dies offiziell nicht, denn AFN und BFN richteten sich ausschließlich an die eigenen Soldaten, zu keinem Zeitpunkt an die Zivilbevölkerung.

AFN und BFBS als "Public Diplomacy"

Dennoch lassen sich die Militärsender heute unschwer de facto als Maßnahme der "Public Diplomacy" identifizieren: als eine Art PR der Besatzungs­mächte und späteren Bündnis­partner, die sich damit an die deutsche Bevölkerung wendeten und ihnen auf leichte, im wahrsten Sinn des Wortes "beschwingte" Art und Weise ein etwas weicheres Bild der USA bzw. Großbritanniens vermittelten. Sie trugen dazu bei, aus den Besatzern Freunde zu machen. Damit haben sie bei weitem nicht alle Deutsche erreicht - es gab auch eine breite Ablehnung der fremden Sprache und den ungewohnten Klängen und Rhythmen gegenüber -, aber speziell für viele junge Menschen waren AFN und BFN ein willkommenes Fenster in die weite Welt und ein Rückanschluss an die Moderne, die der National­sozialismus und auch der Muff der Nachkriegszeit so lange unterbrochen hatten. Die Militär­sender, so lässt sich argumentieren, trugen erheblich mit zur "Westernisierung" bzw. kulturellen Westbindung der jungen Bundesrepublik bei.

Dieser Trend lässt sich auch für die Folgezeit feststellen. Rock 'n' Roll, Beatlemania und die "Pop-Explosion" der späten 1960er-Jahre fanden auf deutschen Ätherwellen zunächst fast nur bei den Militär­radios statt. Die öffentlich-rechtlichen ARD-Wellen taten sich mit Musik für junge Leute lange schwer und standen daher in einem permanenten Konkurrenz­kampf mit AFN und BFBS (wie der BFN seit 1964 hieß); hinzu kamen aus dem Ausland einstrahlende Sender wie Radio Luxemburg (seinerzeit eine echte Größe!) auf Mittelwelle oder in Südbayern Ö3 aus Österreich. Erst in den 1970er-Jahren trauten sich erste ARD-Sender, eigene durchforma­tierte Jugendwellen einzurichten (der Südwestfunk etwa SWF 3). NDR und WDR starteten ihre Jugendwellen N-JOY bzw. 1Live gar erst in den 1990er-Jahren.

In der Zwischenzeit versorgten die Militärsender viele junge Hörerinnen und Hörer mit Musik direkt aus den Zentren der Popkultur. Um bestimmte Programme von AFN und BFBS formierten sich geradezu kultische Fangemeinden, etwa die Techno/EDM-Szene um "The Steve Mason Experience" oder Reggae-Anhänger um "Rodigan's Rockers", beide auf BFBS. Legendär bis heute sind die Produktionen des BBC-Diskjockeys John Peel, die wöchentlich im britischen Truppenradio liefen, die Sendung "Luncheon in Munchen" von AFN München oder "American Top 40" mit Casey Kasem und anderen bekannten DJs aus Übersee. Vielen Deutschen sind auch noch die Sänger, Moderatoren und Entertainer Bill Ramsey und Chris Howland gut im Gedächtnis, die ihre Medienkarriere bei AFN bzw. BFN in Deutschland begannen und über Jahrzehnte als inoffizielle Markenbotschafter ihrer Heimatländer fungierten. Sie brachten als "Ami" bzw. "Brite vom Dienst" ein bisschen Internationalität in deutsche Hitparaden und auf die hiesigen Bildschirme - schöne Beispiele für einen Kultutransfer, der letztlich auch Stereotype bediente.

Die Militärsender im kollektiven kulturellen Gedächtnis

Im kollektiven Gedächtnis spielen die exterrito­rialen Militär­sender daher bis heute eine wichtige Rolle, werden allerdings auch subjektiv teilweise verklärt. Die Militärsender spielten eben nicht nur und immer fortschrittliche Musik, sondern taten sich mit diesen Innovationen selbst oft schwer und nahmen sie nur zögerlich ins Programm: Rock 'n' Roll galt ja auch mal "Teufelszeug" und die Beatles als langhaarige Krawallbrüder... Aber immerhin kamen sie dort vor - anders als über lange Jahre bei den deutschen Sendern. Festzuhalten ist ebenso, dass immer nur eine kleine Minderheit der Deutschen die Armeesender hörte: Man musste schon Englisch können oder lernen wollen, um sich mit ihnen zu befassen. Und man musste aufgeschlossen sein für Musik und Ansagen, die so ganz anders klangen als die von der eigenen Landesrund­funkanstalt gewohnten. Die heutigen Jugendprogramme der ARD und viele kommerzielle Popsender klingen gewisser­maßen so, wie es AFN und BFBS vormachten.

Das American Forces Network ist heute ein welt­umspannendes Netz von diversen Hörfunk- und Fernsehsendern. Das AFN-"Power Network" kann bis heute im Umfeld amerika­nischer Stationierungsorte empfangen werden (in Stuttgart auf UKW 102,3 MHz). Der British Forces Broadcasting Service bildet mit seinem Radio- und TV-Sendernetz in etwa das alte British Empire ab und hat Studios von den Falkland-Inseln bis Zypern. In Deutschland residierte er zuletzt im Kasernenkomplex von Paderborn-Sennelager. Hier auch endet 2019 mit dem Abzug der letzten verbliebenen Soldaten die hiesige BFBS-Ära, nachdem der Sender bis 2010 über eine leistungs- und reichweitenstarke UKW-Frequenz u.a. noch fast ganz Nordrhein-Westfalen abgedeckt hatte. Über diese Frequenz freut sich seither Deutschlandfunk Kultur. Die Zeiten ändern sich. Daher ein Lob der Digitalisierung: Im Internet kann man AFN und BFBS auch in Deutschland problemlos weiterhin hören.

 

Literatur:

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Vortrag auf Veranstaltung: Ringvorlesung an der HdM
Veranstaltungsort: Stuttgart
Datum: 09.01.2019

Weiterführende Links:
Website von AFN Europe
Website von BFBS Radio


Autoren

Name:
Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte
Forschungsgebiet:
Empirische Medienforschung, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Diplomacy, Nation Branding
Funktion:
Professor
Lehrgebiet:
Medien-, Publikums- und Marktforschung, sozialwissenschaftliche Methodenlehre, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Relations, Public Diplomacy, Nation Branding, Hörfunkjournalismus
Studiengang:
Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
Raum:
216, Nobelstraße 10 (Hörsaalbau)
Telefon:
0711 8923-2281
Telefax:
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