Vortrag

Freiheit der Medien - Freiheit der Rede

'Tischrede' im Ökumenischen Zentrum Stuttgart

Am 28.11.2016 sprach HdM-Professor Oliver Zöllner im Ökumenischen Zentrum Stuttgart über die Freiheit der Medien und der Rede. (Plakatmotiv: Stephan Mühlich/Ökumenisches Zentrum)
Am 28.11.2016 sprach HdM-Professor Oliver Zöllner im Ökumenischen Zentrum Stuttgart über die Freiheit der Medien und der Rede. (Plakatmotiv: Stephan Mühlich/Ökumenisches Zentrum)

Medien sind in modernen Gesell­schaften allgegen­wärtig. Rede-, Meinungs- und Informa­tions­freiheit sowie die Freiheit der Medien von Gängelung und Zensur genießen als Menschen­rechte höchsten Ver­fassungs­rang. 2016 verfügen West­europäer und Nord­amerikaner über unge­ahnte Frei­heiten wie wahr­scheinlich nie zuvor - und jeder­mann kann über soziale Online-Netz­werke nahezu alles frei äußern. Die Menschen machen reich­lich Gebrauch davon. Und dennoch ist diese Rede- und Medien­freiheit para­doxer­weise in Gefahr. HdM-Professor Oliver Zöllner vom Institut für Digitale Ethik (IDE) der Hoch­schule der Medien hielt am 28. November 2016 auf Einladung des Öku­meni­schen Zentrums Stuttgart eine "Tisch­rede" zu diesem Thema.

In seinen Ausführungen ging Zöllner darauf ein, dass in westlich-liberalen Gesellschaften zunehmend eine Sehnsucht bestehe nach der ordnenden Hand einer starken Führungs­figur und nach einfachen Botschaften - siehe etwa USA, Österreich, Polen, Niederlande, Ungarn (und man darf hier auch auf das eigene Land schauen). Bemerkens­wert sei, so Zöllner, wie sich bestimmte Meinungen und Behauptungen insbesondere in den Social Media durch permanente Widerholung (Liken, Sharen) zu "Wahrheiten" ganz eigener Art verfestigten. Nicht zuletzt sind es Algorithmen, die entscheiden, was der einzelne Nutzer an Botschaften serviert bekommt. Die informatio­nellen "Filterblasen", in denen sich der Einzelne oftmals bewegt, werden zu regelrechten "Echo­kammern", in denen man quasi nur noch seiner eigenen Meinung lauscht und den Eindruck hat, diese seien die alleinige, alternativlose "öffentliche Meinung". Gegen­meinungen oder alter­native Haltungen werden so von vornherein ausgeblendet. Ein Prinzip, dass jüngst im US-Wahlkampf dem Kandidaten Trump sehr genützt habe, so Zöllner. Der Neologismus "Post-truth" wurde denn auch von den Oxford Dictionaries zum Wort des Jahres 2016 auserkoren. Aber kann es ohne Wahrheit überhaupt freies Reden geben?

Gutes Regieren gelingt durch gutes Argumentieren, meinte Oliver Zöllner mit einem Verweis auf Timothy Garton Ashs Buch "Free Speech" (2016), in dem der britische Historiker betont, dass wir mit der Rede­freiheit sorgsam(er) umgehen müssten. "Wir sprechen offen mit robuster Zivilität über alle Arten von Unter­schieden zwischen Menschen", so Garton Ash. Diese Form von wehrhafter Toleranz sei aller­dings anstrengend, so Zöllner: Sie erfordere Kenntnisse und die Fähig­keit zum Abwägen und Parieren von Argumenten und Gegen­argumenten. Einfacher und bequemer sei es, in der besagten eigenen Filter­blase zu verharren. Doch man dürfe das Internet gerade nicht den Spinnern und Fanatikern, den Hasspredigern und den Beleidigten überlassen. Wichtig sei es, sich wieder auf die Gesellschaft zu beziehen und neu zu lernen, Diskurse zu führen - kurz gesagt: sich zu vergesell­schaften. Eine Online-Petition für oder gegen irgendetwas zu unterzeichnen reiche im Sinne eines gesell­schaftlichen Engagements nachgerade nicht aus. Wir brauchen gewisser­maßen einen gesell­schaft­lichen Vertrag, wie wir unsere demokratischen Freiheiten wertschätzen, wahrnehmen und auch verteidigen wollen (was beinahe schon seltsam altmodisch klingt, aber hochaktuell ist). Diese "robuste Zivili­tät" bedürfe einer Wert­orientierung, schloss Zöllner - im digitalen Raum etwa durch eine "digitale Ethik". Das Publikum hat dieses weite Themen­feld anschließend sehr intensiv diskutiert.

Veranstaltungsort: Ökumenisches Zentrum (ÖZ) Stuttgart
Datum: 28.11.2016

Weiterführende Links:
Institut für Digitale Ethik (IDE)


Autoren

Name:
Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte
Forschungsgebiet:
Empirische Medienforschung, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Diplomacy, Nation Branding
Funktion:
Professor
Lehrgebiet:
Medien-, Publikums- und Marktforschung, sozialwissenschaftliche Methodenlehre, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Relations, Public Diplomacy, Nation Branding, Hörfunkjournalismus
Studiengang:
Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
Raum:
216, Nobelstraße 10 (Hörsaalbau)
Telefon:
0711 8923-2281
Telefax:
0711 8923-2206
E-Mail:
zoellner@hdm-stuttgart.de
Homepage:
https://www.media-research.eu
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