Vortrag

Der britische Truppenrundfunk BFBS als symbolische Repräsentanz Großbritanniens in Deutschland

So sah das früher aus:  BFBS Germany (damals noch 'British Forces Network') startete 1945 in Hamburg mit einem Mikrofon und einer Frequenz... Seitdem ist der Sender öfter umgezogen. (Broschüre der British Army of the Rhine, 1946. Foto: Oliver Zöllner)
So sah das früher aus: BFBS Germany (damals noch 'British Forces Network') startete 1945 in Hamburg mit einem Mikrofon und einer Frequenz... Seitdem ist der Sender öfter umgezogen. (Broschüre der British Army of the Rhine, 1946. Foto: Oliver Zöllner)
Der British Forces Broadcasting Service (BFBS) ist heute ein weltumspannendes Netz von Hörfunk- und Fernsehprogrammen für die britischen Streitkräfte. (Screenshot www.bfbs.com/radio, 7.3.2017: Oliver Zöllner)
Der British Forces Broadcasting Service (BFBS) ist heute ein weltumspannendes Netz von Hörfunk- und Fernsehprogrammen für die britischen Streitkräfte. (Screenshot www.bfbs.com/radio, 7.3.2017: Oliver Zöllner)

Manchmal geht die Medien­geschichte seltsame Wege. Sender kommen und gehen, doch manche von ihnen hinter­lassen ein großes Erbe – auch wenn den meisten Menschen dies erst in der Rückschau bewusst wird. Ein solcher Sender ist der "British Forces Broad­casting Service" (BFBS), der britische Militär­rund­funk. Zusammen mit seinem ameri­kanischen Pendant, dem "American Forces Network" (AFN), hatte er gewichtigen Einfluss auf das deutsche Medien­system. 2019 wird der BFBS nach über 70 Jahren wohl aus Deutsch­land abziehen. Ein Grund für HdM-Professor Oliver Zöllner, am 11. März 2017 auf Einladung der Univer­sität Pader­born dort einen Vortrag zu halten zum Thema "Die symbolische Repräsen­tanz Groß­britanniens durch Militär­rundfunk: BFBS Germany und seine Publika".

Eingeladen hatten ihn die Paderborner Historiker, die auf ihrer Tagung "Briten in Westfalen. Begeg­nungen - Beziehungen - Geschichte (1945-2017)" auf die viel­schichtigen Inter­aktionen zwischen der briti­schen Besatzungs­macht (ab 1945) bzw. ab 1955 den briti­schen NATO-Statio­nierungs­truppen und den Ein­wohnern der Region West­falen blickten. Obwohl sich der Truppen­rundfunk offiziell stets nur an die britischen Militärangehörigen richtete (selbst in ihrer Hochphase wohl kaum mehr als 100.000 Personen in Nord­west­deutsch­land), hatte der BFBS als Medium der Populär­kultur enormen Einfluss auf ein Sengebiet, das rund 15 Millionen Deutsche umfasste: Als die ARD-Sender noch einem recht weitgehenden "Popverbot" unterlagen, spielte der BFBS bereits die Beatles, Rolling Stones, Jimi Hendrix und andere Größen. Kein Wunder, dass das deutsche "Zaun­publikum" – vor allem jüngere Menschen ihre popmusikalische Bildung vom Truppenradio erhielt. Auch AFN und das deutsche Programm von Radio Luxemburg sind hier zu nennen.

ARD-Hörfunk in Konkurrenz zu exterritorialen Militärsendern

Die ARD-Sender zogen in dieser Konkurrenzlage erst in den 1970er-Jahren mit eigenen Popformaten im Hörfunk nach, am konsequentesten sicher der Südwest­funk ab 1975 mit seiner Popwelle SWF 3, der Westdeutsche Rundfunk im Kern erst 1995 mit seiner Jugendwelle 1Live. Radio Bremen hatte von 1965 bis 1972 die legendäre Fernseh-Musikshow "Beat-Club" im Programm. BFBS hatte für Deutschland gewissermaßen die Funktion, die die von der Nordsee einstrah­lenden Piratensender (Offshore radios) für die etwas starre BBC in Groß­britannien hatten: als ein von außen wirkender Innovator. Die BBC reagierte auf die exterrito­riale Konkurrenz immerhin schon 1967 mit der Einführung der Popwelle Radio 1.

Zöllner machte in seinem Vortrag deutlich, dass der BFBS, obwohl er sich offiziell nie an ein ziviles deutsches Publikum richtete, durchaus als eine Maßnahme der "Public Diplomacy" Großbritanniens interpretiert werden kann, also eine Form der kulturpolitischen Öffentlichkeitsarbeit, die sehr erfolgreich und vor allem nachhaltig war: Der BFBS hat mit seiner lockeren Art der Vermittlung von Popmusik und britischer Kultur stark zur "Westernisierung" und West­bindung der Bundes­republik beigetragen und damit Generationen von jüngeren Rezipienten geprägt. Man darf in diesem Kontext nicht vergessen, dass die Verunglimpfung der Jazz- und Swingmusik durch die National­sozia­listen in Deutschland noch sehr lange nachwirkte und das zwiespältige Verhältnis älterer Generationen zur anglo-amerikanischen Pop­musik erklärt.

BFBS als Public Diplomacy

Die symbolische Präsenz und Repräsentanz Groß­britanniens in Deutschland durch den BFBS war sicher erfolgreicher als offizielle (und viele würden sagen: aufgesetzte) Nation-Branding- und Public-Diplomacy-Kampagnen des Vereinigten Königreiches wie z.B. "Cool Britannia" unter der Regierung Blair (um 1997/98), und erreichte ohne Zweifel regelmäßig ein größeres Publikum als der BBC World Service (bis 1999 auch mit einem deutschen Programm on air) oder das British Council mit seinen Veranstaltungen. Diese Institutionen haben allesamt mit dazu beigtragen, nach dem Zweiten Weltkrieg aus Feinden Partner und Freunde zu machen.

Nicht zuletzt im Sendegebiet des BFBS Germany waren es spezialisierte Musikshows wie "John Peel's Music" (Postpunk/Indie), "The Steve Mason Experience" (Electronic Dance Music) oder "Rodigans's Rockers" (Reggae/Dancehall), die in Deutschland zur Formierung von entsprechenden ausgeprägten Nischen- bzw. Subkulturen beigetragen haben. Mitschnitte dieser Sendungen werden bis heute im Internet gehandelt und haben geradezu auratischen Kultstatus.

Britischer Truupenrundfunk im Wandel der Zeit

Heute strahlt der British Forces Broadcasting Service in Deutschland zwei Hörfunkprogramme (BFBS 1 und 2) sowie ein Fernsehprogramm (BFBS TV) aus, die aber weitgehend nur im Umfeld britischer Kasernen zu empfangen sind. 2019 sollen die britischen Streitkräfte weitgehend aus Deutschland abgezogen sein, so dass dann auch das medienhistorische Kapitel "BFBS Germany" endet. Seinen größten Einbruch hatte das Truppenradio, was die deutsche shadow audience anbelangt, wohl bereits 2010, als es die sehr leistungsstarke Frequenz 96,5 MHz des Senders Langenberg am Südrand des Ruhr­gebietes an das Deutschland­radio abtreten musste.

Seitdem müssen die meisten Zivilisten auf das Internet oder die (frei verfügbare) BFBS-App zurückgreifen, wollen sie den Sender hören. Seit Jahrzehnten ist der British Forces Broadcasting Service ein welt­umspannen­des Netz, das derzeit für britische Truppen lokal in Afghanistan, Brunei, auf den Falkland-Inseln, in Gibraltar, Großbritannien und Nordirland, im Irak, auf Zypern und auf den Schiffen ihrer Majestät sendet – oder wo auch immer britische Truppen gerade im Einsatz sind. Das ist durchaus eine kleine Wiederspiegelung des britischen Empire. 1994 schloss der BFBS bereits sein Sendestudio in Berlin, 1997 in Hongkong. Die Schließung der heutigen Deutschland-Sendezentrale in Paderborn-Sennelager 2019 ist für Deutschland gewissermaßen ein doppelter Brexit.

 

Oliver Zöllner lehrt an der Hochschule der Medien empirische Forschungsmethoden, Mediensoziologie, Hörfunkjournalismus, internationale Kommunikation sowie Public Diplomacy und Nation Branding. Mit seiner Dissertation "BFBS: 'Freund in der Fremde" war er 1996 an der Universität Bochum promoviert worden.

 

Literatur (Auswahl):

Grace, Alan (1993): Battledress Broadcasters. Fifty Years of Forces Broadcasting. Chalfont: SSVC.

Grace, Alan (1996): This Is the British Forces Network. The Story of Forces Broadcasting in Germany. Stroud: Sutton.

Grace, Alan (2003): The Link With Home. Sixty Years of Forces Radio. Chalfont: SSVC.

Grull, Günter (2000): Radio und Musik von und für Soldaten. Kriegs- und Nachkriegsjahre, 1939-1960. Köln: Herbst.

Morley, Patrick (2001): "This Is the American Forces Network". The Anglo-American Battle of the Air Waves in World War II. Westport, London: Praeger.

Rumpf, Wolfgang (2007): Music in the Air. AFN, BFBS, Ö3, Radio Luxemburg und die Radiokultur in Deutschland. Berlin: Lit.

Schäfers, Anja (2014): Mehr als Rock ’n‘ Roll. Der Radiosender AFN bis Mitte der sechziger Jahre. Stuttgart: Steiner.

Speiser, Peter (2016): The British Army of the Rhine: Turning Nazi Enemies into Cold War Partners. Urbana, Chicago, Springfield: University of Illinois Press.

Taylor, Doreen (1983): A Microphone and a Frequency. Forty Years of Forces Broadcasting. London: Heinemann.

Zöllner, Oliver (1994): "Written on the Wall". Vom Ende des britischen Militär-Rundfunks in Berlin. In: Studienkreis Rundfunk und Geschichte. Mitteilungen, 20. Jahrg., Nr. 4, S. 222-224.

Zöllner, Oliver (1996): BFBS: "Freund in der Fremde". British Forces Broadcasting Service (Germany) – der britische Militär­rundfunk in Deutschland. Göttingen: Cuvillier.

Zöllner, Oliver (1996): British Forces Broad­casting Service in Germany: A "Friend" Abroad. In: Communi­cations, Vol. 21, No. 4, S. 447-466.

Zöllner, Oliver (Hrsg.) (1997): BFBS verbatim. Eine Dokumen­tation von Forschungs­interviews und Programm­analyse­daten des briti­schen Militär­senders BFBS. Bochum: Paragon-Verlag.

Zöllner, Oliver (1997): Organisationskommunikation in Streitkräften. Der britische Militär­rundfunk BFBS als Medium der internen Public Relations. In: Rundfunk und Fernsehen, 45. Jahrg., Nr. 3, S. 336-350.

Zöllner, Oliver (1997): Britisches Truppenfernsehen mit neuem Namen. Kleiner Aufriß seiner Geschichte. In: Rundfunk und Geschichte, 23. Jahrg., Nr. 2/3, S. 152-154.

Zöllner, Oliver (1997): Abschied von Hongkong. BFBS schließt Studio in der Kronkolonie. In: Rundfunk und Geschichte, 23. Jahrg., Nr. 4, S. 253-254.

Zöllner, Oliver (2004): 60 Jahre BFBS. Hörfunk und Fernsehen für britische Soldaten weltweit. In: Rundfunk und Geschichte, 30. Jahrg., Nr. 1/2, S. 47-49.

 

Vortrag auf Veranstaltung: Briten in Westfalen. Begegnungen - Beziehungen - Geschichte (1945-2017)
Veranstaltungsort: Universität Paderborn
Datum: 09.03.2017 bis 11.03.2017

Weiterführende Links:
Tagungsprogramm "Briten in Westfalen. Begegnungen - Beziehungen - Geschichte (1945-2017)"
Zur Website von BFBS


Autoren

Name:
Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte
Forschungsgebiet:
Empirische Medienforschung, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Diplomacy, Nation Branding
Funktion:
Professor
Lehrgebiet:
Medien-, Publikums- und Marktforschung, sozialwissenschaftliche Methodenlehre, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Relations, internationale Kommunikation, Hörfunkjournalismus
Studiengang:
Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
Raum:
216, Nobelstraße 10 (Hörsaalbau)
Telefon:
0711 8923-2281
Telefax:
0711 8923-2206
E-Mail:
zoellner@hdm-stuttgart.de
Homepage:
http://www.digitale-ethik.de
Oliver Zöllner

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