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Digitaler Antisemitismus und die Verantwortung der Medienstudierenden

Menschen, die antisemitische Ansichten vertreten, werden durch das Netz immer lauter und radikaler. Um die Medienschaffenden von morgen darauf vorzubereiten, war der Beauftragte gegen Antisemitismus in Baden-Württemberg, Michael Blume, im Oktober 2020 an der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM) zu Gast.

Michael Blume war zu Gast an der HdM (Foto: Maura Münter)

Michael Blume war zu Gast an der HdM (Foto: Maura Münter)

Das Whiteboad wurde schnell gefüllt (Foto: Jan Wysocki)

Das Whiteboad wurde schnell gefüllt (Foto: Jan Wysocki)

Das Whiteboard im Raum S104 im Würfel in der Nobelstraße 10a ist schnell gefüllt - zu sehen sind die unterschiedlichsten Erfahrungen der Studierenden mit Antisemitismus, also dem Hass und der Abneigung gegen Jüdinnen und Juden. Darunter vor allem Ausdrücke und Beleidigungen, aber auch vermutlich lustig gemeinte Sprüche. Immer wieder kommt bei den Studierenden die Frage auf, warum Antisemitismus eine so große Problematik und auch Gefährdung unserer Demokratie darstellt.

Besondere Verantwortung

Antworten darauf gab ihnen Michael Blume. Er ist der erste Beauftragte gegen Antisemitismus des Landes Baden-Württemberg und wurde 2018 ernannt. Für das Wintersemester 2020/2021 erhielten der studierte Religionswissenschaftler und sein Ministerium den Buber-Rosenzweig-Lehrauftrag gegen Antisemitismus vom Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Für dessen Umsetzung wählten Blume und sein wissenschaftlicher Referent Jan Wysocki die HdM, da laut Blume gerade deren Studierende eine besondere Verantwortung haben: „Wir verbringen heutzutage deutlich mehr Zeit mit Medien als noch vor 20 Jahren. Dadurch erhalten diese eine viel größere Macht. Medienschaffenden diese Veränderung klar zu machen und ihnen das passende Werkzeug an die Hand zu geben, ist wichtiger denn je."

Konsumieren und mitgestalten

Der erste Termin des Projektseminars mit dem Namen „Digitaler Antisemitismus" konnte trotz Corona einmalig vor Ort an der Hochschule stattfinden. Blume beginnt mit einer ausführlichen Präsentation über das Judentum, die Bräuche und nicht zuletzt über die heutigen Gemeinden in Baden-Württemberg. Bereits seit der Antike gibt es Verschwörungs-Erzählungen über Jüdinnen und Juden und deren vermeintliche Überlegenheit und Weltherrschaft. Obwohl die Zahl der gemeldeten antisemitischen Vorfälle in Baden-Württemberg eher abnimmt, bietet das Internet laut Blume neue Möglichkeiten sich zu radikalisieren. Selbst wenn nicht unbedingt mehr Menschen antisemitische Ansichten teilen, kann Judenfeindlichkeit durch das Netz lauter und radikaler werden, erklärt Blume. Das Internet ermögliche es, dass Konsumenten zu Prosumenten werden. Das bedeute, dass Menschen Medieninhalte nicht mehr nur konsumieren würden, sondern die Medienwelt auch aktiv mitgestalten. „Man muss nicht mehr zu Stammtischen gehen, um sich zu radikalisieren, sondern kann in sogenannten Filterblasen menschenverachtende Verschwörungsmythen teilen und sich gegenseitig anstacheln." So empfindet es auch die Studentin Anna: „Mich hat überrascht, wie viele absurde Verschwörungstheorien existieren und wie viele Anhänger diesen wirklich glauben. In meiner eigenen Bubble bekomme ich davon häufig nichts mit."

Von Studierenden lernen

Nicht nur Blume und Wysocki teilen ihr Wissen im Seminar, auch die Studierenden berichten von ihren Erfahrungen. Blume liegt dies besonders am Herzen. Er ist der Überzeugung, dass es immer wichtiger wird, auch von den Studierenden zu lernen. Nach drei intensiven Seminar-Stunden verlassen die Studierenden interessiert, aber auch betroffen, den ersten von vier Blockterminen. Luca erklärt, es mache ihn ratlos und wütend, dass immer wieder Jüdinnen und Juden für Vieles verantwortlich gemacht würden. Seine Kommilitonin Louisa hat gelernt, "dass unsere Demokratie stark gefährdet ist." Sie findet: "Dies dürfen wir gerade jetzt nicht unterschätzen. Darum liegt es an uns, zu verstehen, was gerade passiert und dass der Antisemitismus für einige Unruhen eine fundamentale Rolle spielt."

An den weiteren drei Terminen, die online stattfanden, tauschen sich die 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über Themen rund um Antisemitismus und Verschwörungen aus. Sie erarbeiten gemeinsam Präsentationen zu antisemitischen Nachwuchs, judenfeindlichen Memes im Internet oder zu der in Stuttgart gegründeten Bewegung Querdenken-711 und den von ihr vertretenen verschwörerischen Weltansichten und Finanzierungsmethoden. Gerade diese Thematik ist für Blume interessant: „Die Idee der Studierenden, nicht nur das Finanzierungsmodell der Verschwörer zu beschreiben, sondern die Akteure auch in einem Netzwerk darzustellen, hat mich sehr begeistert. Ich bin überzeugt, dass wir im 21. Jahrhundert vermehrt anfangen müssen, in Netzwerken zu denken. Dies werde ich auch in meine Arbeit beim Ministerium mit einbringen."

Während der Recherche stellte Luisa fest: „Es war erschreckend, zu sehen, wie Menschen sich ihr Weltbild so zurechtlegen, dass es für sie Sinn ergibt." Außerdem habe sie gelernt, dass Antisemitismus schon im Mittelalter existierte und schon damals Jüdinnen und Juden zum Beispiel für Krankheiten verantwortlich gemacht wurden. Silas nimmt aus dem Kurs mit, dass es zahlreiche natürliche psychologische Effekte gibt, die erklären, warum Menschen an Verschwörungsmythen glauben. Dabei habe ihn besonders überrascht, dass dadurch „jede und jeder anfällig dafür ist".

Mehr zum Thema "Digitaler Antisemitismus" gibt es bei edit., dem Online-Magazin des Studiengangs Crossmedia-Redaktion/Public-Relation.

Maura Münter und Lea Dillmann

 

VERÖFFENTLICHT AM

09. Juni 2021

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