Aufsatz

Autonomie im digitalen Zeitalter: Digitale Ethik und das 'Onlife'

Der Band 'Grundrechte im digitalen Raum: Ein Thema für den Jugendschutz' in der Schriftenreihe 'Medienkompetenz' der Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg
Der Band 'Grundrechte im digitalen Raum: Ein Thema für den Jugendschutz' in der Schriftenreihe 'Medienkompetenz' der Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg

"Die Digitalisierung ist gleichsam der Gorilla im Zimmer, den wir in einer Art Aufmerksamkeitsblindheit übersehen, so sehr scheinen uns die Anwendungen des digitalen Alltags in Fleisch und Blut übergegangen zu sein - und das innerhalb von kaum zwei Jahrzehnten seit ihrer breiteren Markteinführung", schreibt HdM-Professor Oliver Zöllner in seinem Beitrag "Autonomie im digitalen Zeitalter: Digitale Ethik und das 'Onlife'", der 2016 in der Schriftenreihe Medienkompetenz der Aktion Jugendschutz (Landesarbeitsstelle Baden-Württemberg) erschienen ist. In diesem Aufsatz stellt Zöllner die Frage, inwieweit Menschen in ihrem Umgang mit digitalen Geräten bzw. in einer digitalisierten Umwelt noch autonom handeln.

Menschen in den westlichen Industrieländern lebten in einer mediatisierten Umwelt und richteten ihr Alltagshandeln zunehmend nach den Erfordernissen der sie begleitenden elektronischen Medien aus, so lautet Zöllners Prämisse. "Alles scheint online lösbar. Digitale mediale Angebote ermöglichen den Menschen vielfältige Arten der Information und Kommunikation sowie verbesserte und bequeme Optionen der Straßennavigation, des Einkaufens, der Kontaktaufnahme, des Beziehungsmanagements oder der Protokollierung des eigenen Verhaltens. Kurz: Die ubiquitären digitalen Geräte, ihre Programme und das, was wir mit ihnen tun, sind längst in unserer Jackentasche und damit auch in unserem privaten und intimen Alltag angekommen." Wir seien immer auf Empfang, 'always on' - und das sei bequem und mache durchaus Spaß, schreibt Zöllner. Und fragt: "Was könnte ein Ausweg aus dieser Dystopie der vergnüglichen und bequemen graduellen Versklavung unseres Selbst sein?"

Bildung und Wertekompetenz könnten ein Lösungsansatz sein, meint der Autor. Der in der digitalisierten Gesellschaft zunehmend heteronom orientierte Mensch müsse sich als Individuum fragen, welche Fähigkeiten, Praktiken und Gewohnheiten er ausbilden kann, um dem Trend zur (scheinbar freiwilligen) Aufgabe der eigenen Autonomie und Freiheit entgegenzuwirken. Hier stehe laut Zöllner der denkende, reflektierende und ja auch reflexionsfähige Mensch im Mittelpunkt: "Ihn gilt es durch Bildung dahin zu begleiten, die Folgen seines eigenen Tuns (oder Unterlassens) abschätzen und von Fall zu Fall die richtige Entscheidung treffen zu können." Denn der freie Mensch kann als Individuum ja durchaus eine Wahl treffen. Die zunehmende Beherrschung der Netzgesellschaft durch einige wenige Technologie- und Diensteanbieter macht diese Rückbesinnung auf individuelle Tugenden allerdings schwierig. So schließt Zöllner: "In den eingezäunten Gärten der Firmen Alphabet (Google), Amazon, Apple, Facebook und Microsoft zu leben, die weitgehend der nationalstaatlichen Kontrolle und Regulierung entzogen sind, bedarf auch der Fähigkeit zu politischer Reflexion."

Prof. Dr. Oliver Zöllner lehrt Medienforschung, Mediensoziologie und Digitale Ethik und ist einer der drei Leiter des Instituts für Digitale Ethik (IDE) an der Hochschule der Medien Stuttgart.

 

Weiterführender Lesetipp:

Di Fabio, Udo (2016): Die algorithmische Person. Regeln für die digitale Welt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.5.. Online-Version: www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/der-staat-muss-die-grundrechte-in-der-digitalen-welt-sichern-14260564.html


Erschienen in:

Grundrechte im digitalen Raum. Ein Thema für den Jugendschutz.
Auf den Seiten: 6-15
Autoren: Zöllner, Oliver
Hrsg.: Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg (Hrsg.), Ursula Arbeiter (Red.)
Erscheinungsjahr: 2016
Verlag: Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg
Ort: Stuttgart

Weiterführende Links:
Zur Schriftenreihe 'Medienkompetenz' der Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg


Autoren

Name:
Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte
Forschungsgebiet:
Empirische Medienforschung, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Diplomacy, Nation Branding
Funktion:
Professor
Lehrgebiet:
Medien-, Publikums- und Marktforschung, sozialwissenschaftliche Methodenlehre, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Relations, Public Diplomacy, Nation Branding, Hörfunkjournalismus
Studiengang:
Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
Raum:
216, Nobelstraße 10 (Hörsaalbau)
Telefon:
0711 8923-2281
Telefax:
0711 8923-2206
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