Gesellschaft

Ein Emoji sagt mehr als tausend Worte - oder?

Wer mittlerweile einen Text ohne die kleinen witzigen, gelben Gesichter und Figuren bekommt, kann schnell mal stutzig werden. Was sagt die Verwendung von Emojis über die Nutzer aus? Inwiefern dienen sie als Ersatz für nonverbale Kommunikation in den sozialen Medien und im Chat?

2011 begann der Siegeszug der Emojis (Foto: Unsplash)

2011 begann der Siegeszug der Emojis (Foto: Unsplash)

Ein umherschweifender Blick in der Bahn sagt alles: DIe Menschen hängen an ihren Smartphones. Kaum jemand hebt mehr den Kopf, um seinem Gegenüber ein offenes und freundliches Lächeln zu schenken. Die Kopfhörer scheinen den Ohren mittlerweile angewachsen zu sein, die Augen sind stets fest auf den Smartphone-Bildschirm gerichtet. Es ist offensichtlich, dass Smartphones sowie die Welt der sozialen Medien unser Alltagsleben verändert haben. Auch die zwischenmenschliche Kommunikation hat sich auf ein digitales Level verschoben. Glücklicherweise gibt es aber eine Möglichkeit, Chat-Nachrichten nicht ganz so trocken aussehen zu lassen und seinem Gegenüber einen Hauch von Menschlichkeit zu vermitteln. Nur ein Touch auf dem Screen und es erscheint im Nu eine komplette Serie von Bildern und kleinen lustigen Gesichtern: Willkommen in der Welt der Emojis! Aber gelten Emojis dann als Ersatz für nonverbale Kommunikation im digitalen Zeitalter? Besonders dann, wenn das wahre Gesicht des Sitznachbarn in der Bahn die ganze Zeit unverändert ausdruckslos bleibt, obwohl er gerade mit drei Lachtränen-Emojis auf eine Nachricht antwortet?

Informationsaustausch durch Zeichen

Streng genommen ist nonverbale Kommunikation der Informationsaustausch mithilfe von nichtsprachlichen Zeichen. Sie dient dazu, verbale Informationen anzureichern, zu ergänzen oder gar zu ersetzen, um eigene Unsicherheiten zu reduzieren. Übersetzt man dies nun auf die digitale Welt, wird der inhaltliche Aspekt einer Information in einer Chatnachricht bestehend aus Worten und regulären Satzzeichen wiedergegeben. Die Kommunikationsbeziehung, die in der Regel allerdings nur analog stattfindet, wird in einer solchen Chatnachricht nicht berücksichtigt. Der Mensch jedoch greift in der analogen und auch in der digitalen Kommunikationskultur auf sämtliche Möglichkeiten zurück, die ihn im Prozess des Verstehens und des Verstandenwerdens unterstützen. Dafür nutzen wir Emojis. Denn anhand dieser versuchen wir, die schriftliche Interaktion fast auf dieselbe Art und Weise zu unterstützen, wie es Mimik und Gestik im echten Leben bei einem zwischenmenschlichen Gespräch tun würden.

Was sind Emojis und was nützen sie uns?

Mittlerweile sind Emojis in unserem modernen Leben allgegenwärtig. Als "emoticons" bestanden die Gesichtsbilder noch aus Buchstaben und Satzzeichen, wie etwa :) oder :D. Ende der 1990er Jahre wurden in Japan kleine Piktogramme entwickelt, deren Namen sich aus den zwei Worten "e" (japanisch für Bild) und "moji" (japanisch für Charakter) zusammensetzte. Erst 2011, als Apple eine spezielle Emoji-Tastatur einführte, ging der Siegeszug der Emojis um die Welt.

Auch wenn es ihnen an grammatikalischer Komplexität und semantischer Fülle mangelt, sind der britischen Journalistin Sophie McBain zufolge die Emojis das, was einer Art Universalkommunikation der Menschheit bislang am nächsten kommt. Schließlich hat ein lächelndes Emoji-Gesicht dieselbe Bedeutung in Deutschland wie in Afrika, Amerika etc. Wissenschaftler aus den Bereichen Sprache und Linguistik, wie der britische Professor und Autor Vyvyan Evans, gehen davon aus, dass rund 90 Prozent aller Nutzer der sozialen Medien Emoji "sprechen". Die restlichen etwa zehn Prozent, die noch immer Schwierigkeiten mit der richtigen Identifikation der kleinen, gelben Gesichter haben, können übrigens auf "Emojipedia" nach Antworten suchen. Diese Webseite, die nach eigenen Angaben mehr als 33 Millionen Aufrufe pro Monat verzeichnet, hat es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, jedes einzelne Emoji nach seinen visuellen Entwicklungen zu archivieren, zu kategorisieren und zu erläutern.

Evans zufolge können Emojis Ausdrücke von Gefühlen ergänzen, Beziehungen beeinflussen und Inhalte stärken oder schwächen. Außerdem geben Emojis jedem Text eine persönliche Note - gerade, wenn sie als Ersatz für ganze Wörter, Sätze oder Ausdrücke verwendet werden. Laut einer Umfrage der Softwareentwicklungsfirma Swiftkey aus dem Jahre 2015 sind übrigens mehr als 60 Prozent der weltweit am meisten getippten Emojis die kleinen gelben Gesichter selbst. Zählt man die Handzeichen und Herzen dazu, kommt man auf 75 Prozent der benutzten Emojis. Den Rest bilden Äffchen, Cocktails, Donuts oder tanzende Mädels. Ihr Sinn besteht einzig und allein darin, öde Texte aufzupeppen und zur Individualisierung, zur  Unterhaltung und Beschäftigung beizutragen. Sie sorgen für einen gewissen menschlichen Touch einer Welt abstrakter und computergesteuerter Kommunikation.

Laut einer anderen Studie aus dem Jahr 2019, in der das amerikanische Kinsey-Institut mehr als 5.000 Alleinstehende befragte, haben Singles, die beim Schreiben Emojis benutzt haben, übrigens in der Regel mehr Dates und sogar mehr Sex, als diejenigen, die darauf verzichtet haben. Wenn es auf Tinder & Co. gerade nicht so gut läuft - wie wäre eine taktische Veränderung durch eine ausdrucksstarke Kommunikation mit Emojis?

Missverständnis-Gefahr

Auch wenn Emojis Texten mehr Klarheit und Informationswert geben können, bleibt, wie bei jeder Kommunikationsart, die Gefahr des Missverständnisses bestehen. Einer der Gründe ist die Mehrdeutigkeit gewisser Emojis. Ein Beispiel ist die Aubergine - ein Gemüse für die einen, ein Phallussymbol für die anderen. Als die Plattform Instagram erkannte, dass das Auberginen-Emoji von den meisten Nutzern mehr für den "Dirty Talk" als für Kochanleitungen verwendet wurde, wurde das Symbol 2015 laut mehreren Medienberichten verbannt.

Auch die Tatsache, dass Emojis je nach Plattform und Smartphone-Modell anders dargestellt werden, kann in Chatdebatten schnell für dicke Luft sorgen. Die Täuschungsmöglichkeiten sind ebefalls wesentlich größer. Unter solchen Umständen kann es in einem Chat schwierig sein, festzustellen, wer es ernst meint und welche Intentionen zugrunde liegen. Immerhin kann man auch Emojis einfügen, die in keiner Weise die eigene Gefühlslage widerspiegeln, aber gut zum Gespräch passen und das Gegenüber nicht verletzen. In der digitalen Welt entgleisen die Gesichtszüge versehentlich eher selten.

Mehr als ein modernes Kommunikationsbedürfnis

Im juristischen Kontext gewinnen Emojis immer mehr an Bedeutung und können unangenehme Folgen für ihre Anwender haben. 2015 wurde laut einem Bericht der "New York Post" ein US-amerikanischer Teenager verhaftet, nachdem er auf Facebook einen Post veröffentlicht hatte, in dem drei Pistolen-Emoji auf ein Polizisten-Emoji gerichtet waren. Der Grund: Die kleine Emoji-Serie wurde wie eine nonverbale, terroristische Morddrohung behandelt, die die Polizisten auf dem Revier "um ihr Leben bangen ließ".

Weitere Beispiele für die stetige Institutionalisierung von Emojis als eine wichtige Kommunikationsart zeigt sich auch in einem psychologischen und pädagogischen Zusammenhang. Ein Projekt namens "Emotes" benutzt eigens entwickelte Emojis, um Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, Gefühle wie Einsamkeit oder Scham zu verstehen und auszudrücken, wenn sie verbal nicht dazu in der Lage sind. Bei einem anderen Projekt mit einem ähnlichen Hintergrund hat eine wohltätige Organisation aus Schweden die App "Abused Emojis" entwickelt, mithilfe derer sich Missbrauchsopfer eine Vielzahl an Emojis herunterladen können, die körperliche Beschwerden, Gewaltanwendungen und (Selbst-) Verletzungen zeigen und mit denen sie ihr Schweigen brechen können.

Emojis als Spiegel unserer Gesellschaft

So wie unser Leben entwickeln sich auch Emojis weiter, werden immer besser und diverser. Nicht von ungefähr passt sich die Emoji-Tastatur nach und nach der Gesellschaft an. Ob die Auswahl unterschiedlicher Hautfarben, die stillende Mutter oder der barttragende Hipster, die Frau mit Kopftuch und noch viele weitere: All diese Emojis werden von einem Gremium gesteuert, das aus verschiedenen Vertretern der Welt der Technologie besteht, dem Konsortium Unicode. Theoretisch könnte jeder ein neues Emoji vorschlagen, aber nur den Unicode-Mitgliedern ist es gestattet, darüber zu entscheiden, welche Emojis weltweit benutzt werden dürfen.

Fakt ist: Eine Nachricht mit Emojis kommt um einiges besser beim jeweiligen Gesprächspartner an, als Texte ohne irgendeine Form der Visualisierung der eigenen Gefühlswelt, insbesondere was Privatgespräche angeht. Trotzdem sind Emojis ein eher ärmlicher Ersatz für den direkten Kontakt und stellen eine halbherzige Alternative dar, Freude oder Sympathie zu übertragen. Erinnern wir uns an unseren Sitznachbarn in der Bahn. Die drei Lachtränen-Emojis könnten eine Antwort auf alles sein. Aber diese drei Lachtränen-Emojis produzieren eine Illusion von Gefühlen und eine emotionale Verbundenheit, die niemals wirklich "persönlich" sind - im Gegensatz zu einem ehrlichen Lächeln.

Quellen:

Giuseppa Maria Spatola

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