Vortrag

Das komplizierte Ding

Die Vinylschallplatte und die Dialektik der Digitalisierung

Die Rille einer Vinylschallplatte (Foto: Oliver Zöllner)
Die Rille einer Vinylschallplatte (Foto: Oliver Zöllner)

Am 1. Oktober 2020 hielt HdM-Professor Oliver Zöllner einen Vortrag über die analoge Schallplatte in der Digitalisierung. Anlass war eine Tagung des Instituts für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig, zu der Zöllner zugeschaltet war. Er legte dar, dass die Vinylschallplatte als eigentlich längst passé und obsolet geglaubtes Medienformat im Zuge der Digitalisierung neue Bedeutungen gewonnen und neue Praxen hervorgerufen hat.

In dem Vortrag wurde die Vinylschallplatte in ihren gegenwärtigen Bedeutungen und Handhabungen eingehend analysiert. Entdeckungszusammenhang ist die seit mehr als zehn Jahren zu beobachtende erneute Popularität des analogen Tonträgers, der sich auf einem robusten Nischenmarkt behauptet, während Marktanteile von CDs zurückgehen und Streamingdienste zunehmend dominant werden. Es wird argumentiert, dass in der Gegenwart der Digitalität, die ja nicht zuletzt Beschleunigung, erhöhte Bedienungsbequemlichkeit und teilweise "Entrümpelung" dank Entmaterialisierung verspricht, die marktrelevante Renaissance der Schallplatte paradox erscheint. In diesem Objekt drücken sich eine Kritik und zugleich eine Bestätigung der fortschreitenden Digitalisierungsprozesse in der Gesellschaft aus.

Auseinandersetzung mit dem Narrativ der permanenten technischen Innovation

Durch ihre raumzeitliche Verortbarkeit mit Datierungen und ihren vielfältigen Urheberangaben kann jede einzelne Vinylschallplatte als Dokument (record) gelesen werden - eine Lesart, die im Englischen offensichtlicher angelegt ist (Bartmanski & Woodward 2015, S. 1-15). In einem umfassenderen Sinne, der das Speicherformat Vinylschallplatte an sich als Dokument begreift, ist in sie eine Entwicklungsgeschichte der Medialität eingeschrieben, mit der sich Gesellschafts- und Kulturwandel verstehen lassen. Der widerständige Dokumentsinn des analogen Vinylformats und seiner Renaissance im Zeitalter der Digitalität ist als Kritik an der sich rapide digitalisierenden Gegenwart lesbar: als Sehnsucht nach einer stärker auf materieller Haptik basierten und vielleicht auch langsamer verstreichenden Zeit. Es handelt sich beim Dokument Vinylschallplatte um eine Auseinandersetzung mit dem Narrativ der permanenten technischen Innovation bzw. des scheinbar stets nur nach vorne und nach oben weisenden Fortschritts.

Dabei setzt die Vinylschallplatte traditionelle kapitalistische Produktions-, Zirkulations- und Konsumtionsprozesse fort, die zudem auf einer weltweit verortbaren Ausbeutung von Ressourcen (Rohstoffen und Arbeit) fußen (Devine 2019). Die Kritik an einer unhinterfragten Modernisierungsideologie, die bei manchen Vinylnutzern in ihrem bewussten Rückgriff auf ein älteres, zwischenzeitlich obsolet geglaubtes Medienformat impliziert wird, hat also den Preis einer partiellen Ausblendung relevanter ökologischer Faktoren und (post-)kolonialistischer Kritiken. Im Sinne eines "technologischen Nihilismus" (Gertz 2019) ist die Vinylschallplatte somit teilweise auch ein Narrativ des Rückschritts oder der Leugnung - und genau darin vielleicht ein realistisches Dokument der Gegenwart.

Das Vinyl-Revival findet statt im Sinne eines Kreislaufs der Konsumprodukte. Die Langspielplatte wird dabei als Träger neuer Bedeutungen und Mediator veränderter Praktiken im Umgang mit Musik und Objekten rekonfiguriert (Halkier et al. 2011, S. 16, 29). Die Widerständigkeit des Mediums drückt sich in seiner Umständlichkeit aus. Vinylschallplatten zu besorgen, zu sammeln und aufzulegen ist ökonomisch wie zeiträumlich aufwändig und unbequem, läuft also den zentralen Versprechungen der Digitalisierung entgegen. Doch gerade auf dieser selbst gewählten Umständlichkeit fußen kulturelle Rituale in der Lebenswelt von Schallplattennutzerinnen und -nutzern, die sich oft als Sammelleidenschaft ausdrückt (Shuker 2010).

Die Erhabenheit der Schallplatte

Mit einem gegenüber entmaterialisierten Digitalprodukten erhöhten Beschaffungsaufwand für Schallplatten ist nicht nur eine Wertschätzung des Warenobjekts Schallplatte verbunden, sondern auch eine implizite Wertschätzung der auf ihr gespeicherten Musik. Dies spiegelt sich wiederum in Praktiken des Musikhörens. Der im Vergleich zu digitalen Medien und Plattformen kompliziertere Rezeptionsvorgang beim Schallplattenhören (Verpackung öffnen, Tonträger auflegen, Abtastnadel entstauben usw.) ist oft ritualistisch ausgeformt. Für diese ästhetische Alltagspraxis nehmen sich viele Menschen besonders markierte Zeit (auch als bewusste Auszeit vom Alltag). Sie ist - zumindest ideologematisch - von einem konzentrierteren oder tieferen Hörverhalten gekennzeichnet (Krukowski 2017, S. 119).

Der Vortrag legte dar, dass diese Unterwerfung der Nutzerinnen und Nutzer unter die in das "komplizierte Ding" Schallplatte eingeschriebenen Produktions-, Distributions- und Konsumtionsprozesse zugleich den Versuch einer autonomen Beherrschung dieser Prozesse darstellt, indem man sich im Rückgriff auf einen analogen, prädigitalen Tonträger den Bedingungen der Digitalität zu entziehen glaubt. Die Verkomplizierung des Aktes des Musikhörens und ihre zugleich stattfindende Rehaptisierung und Verdinglichung soll die Digitalisierung vergessen machen oder ist jedenfalls als Kritik an ihr lesbar ("Retrotrend"). Dass hier allerdings letztlich nur ein Warenfetisch gegen einen anderen ausgetauscht wird, wird übersehen. Insofern bestätigt die analoge Vinylschallplatte durchaus im Sinne Martin Heideggers ("Das Ding", zuerst 1949) das "Ge-Stell" der Digitalisierung und ihren Machtgestus: die Dominanz der Technik über das Sein wie auch die "Vernutzung" von Welt. Im Rückgriff auf den Kulturtheoretiker und Philosophen Georges Bataille ("L'érotisme", 1957) zeigte Zöllner aber auch auf, dass der Umgang mit der analogen Schallplatte im Zeitalter der Digitalität gut mit den Begriffen "Erhabenheit" bzw. "Sakralisierung" im Spannungsverhältnis mit der profanen Konsumorientierung der "Erotik" beschrieben werden kann. Möglicherweise ist die Vinylschallplatte in der Gegenwart also eine jener vordergründig nutzlosen "Ausschweifungen", dem verfemten Rauchen oder der Sexualität nicht unähnlich, die das Leben erst lebenswert machen (Pfaller 2011).

Vortrag auf Veranstaltung: Der Stand der Dinge. Theorien der Aneignung und des Gebrauchs
Veranstaltungsort: Universität Leipzig
Datum: 30.09.2020 bis 02.10.2020

Weiterführende Links:
Die Tagung "Der Stand der Dinge"


Autoren

Name:
Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte
Forschungsgebiet:
Empirische Medienforschung, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Diplomacy
Funktion:
Professor
Lehrgebiet:
Medien-, Publikums- und Marktforschung, sozialwissenschaftliche Methodenlehre, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Relations, Public Diplomacy, Nation Branding, Hörfunkjournalismus
Studiengang:
Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
Raum:
216, Nobelstraße 10 (Hörsaalbau)
Telefon:
0711 8923-2281
Telefax:
0711 8923-2206
E-Mail:
zoellner@hdm-stuttgart.de
Homepage:
https://www.oliverzoellner.de
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