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Selfies und Medienethik

Werte- und Handlungskompetenz im digitalisierten Medienalltag

Heft 4/2016 der Zeitschrift 'entwurf' widmet sich der Medienethik als Vermittlungsinstanz von Werte- und Handlungskompetenz im digitalisierten Medienalltag
Heft 4/2016 der Zeitschrift 'entwurf' widmet sich der Medienethik als Vermittlungsinstanz von Werte- und Handlungskompetenz im digitalisierten Medienalltag
Selfies sind längst ubiquitär. Sie können künstlerischer Ausdruck von Identitäten sein. Sie können stören. Sie können auch belästigen oder gar gefährden. In jedem Fall sind sie ein Thema für die #DigitaleEthik. (Foto: Oliver Zöllner)
Selfies sind längst ubiquitär. Sie können künstlerischer Ausdruck von Identitäten sein. Sie können stören. Sie können auch belästigen oder gar gefährden. In jedem Fall sind sie ein Thema für die #DigitaleEthik. (Foto: Oliver Zöllner)

Die Medienethik will Menschen ermächtigen, angemessene Handlungsentscheidungen in privaten oder beruflichen Kontexten zu treffen, die zu einem 'gelingenden Leben' für den Einzelnen wie auch der Gesellschaft beitragen können. Ziel dieses Ansatzes ist es, Mediennutzern wie auch Medienproduzenten Reflexionskompetenz im Umgang mit problematischen Fällen der medialen Alltagspraxis zu vermitteln, seien es neue Freundschaftskonzepte, Verletzungen der Privatsphäre, ungehemmte Verbreitung von Bildern, Cybermobbing oder andere Formen transgressiver, verletzender Kommunikation. Oliver Zöllners Beitrag in "entwurf: Konzepte, Ideen und Materialien für den Religionsunterricht" (Heft 4/2016) stellt medienethische Analyseansätze vor und führt an einem alltagsnahen Praxisbeispiel - dem Selfie - eine medienethische "Roadmap" vor, die am Institut für Digitale Ethik der HdM entwickelt wurde und auch im Schulunterricht praktisch einsetzbar ist.

Diese Szene hat bereits fast jeder einmal im öffentlichen Raum beobachten können: Menschen halten eine Smartphone-Kamera auf sich selbst und drücken ab. Mal sind es Einzelfotos, mal Paar- oder Gruppenaufnahmen. Die Szenerie ist meist ein besonders schöner Moment, etwa im Urlaub, ein geselliges Beisammensein unter Freunden oder schlicht der Schulhof. "Selfies" sind die moderne Form der Postkarte. Das Anfertigen und Verbreiten von digitalen fotografischen Selbstporträts via Social Media, vor allem auf Plattformen wie Facebook, Flickr, Snapchat und Instagram, ist Mitte der Zehnerjahre eine populäre Alltagstechnik. An quasi jeder Straßenecke fotografieren Menschen aber nicht nur Gesichter, sondern manchmal auch nur bestimmte Körperteile ("boob selfies", "belfies" u. a.) und teilen diese Bildnisse anschließend im Internet. Besonders beliebt sind Selfies bei Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen. Längst schon scheuen Menschen nicht mehr davor zurück, auch in KZ-Gedenkstätten Selfies vor der Torinschrift "Arbeit macht frei" oder im Krematorium zu knipsen, wie Sergei Loznitsas Dokumentarfilm "Austerlitz" (D 2016) eindrücklich zeigt.

Selfies können Grenzen verletzen, so viel wird schnell deutlich. Das Internet "vergisst" zudem nichts. Unter den Bedingungen von Big Data bleiben Selfies als bloße Momentaufnahmen dekontextualisiert dauerhaft online recherchierbar und bestimmen oft noch Jahre später die Wahrnehmung der abgebildeten Person, die sich seither schon längst weiterentwickelt haben mag. Man denke hier etwa an trunkene Partybilder oder Nacktfotos, die im weiteren Leben bei Bewerbungen um einen Arbeitsplatz oder für spätere romantische Beziehungen hinderlich sein und auch Mobbing und Cybermobbing Tür und Angel öffnen können.

Oliver Zöllners Beitrag für die Fachzeitschrift "entwurf" widmet sich dieser Alltagspraxis digitaler Bildproduktion und -distribution. Er behandelt Selfies als scheinbar private, faktisch aber öffentliche Fotos, die die Grenzlinie verwischen zwischen dem, was zeigbar und für die Allgemeinheit gedacht ist, und den eher intimen, nur für die allernächsten Freunde und Angehörigen gedachten Darstellungen. Diese Überlappung ist ein Grundproblem der mediatisierten Moderne. Menschen müssen erst lernen, mit diesem relativ neuen Graubereich ihrer Existenz angemessen umzugehen.

Hierfür stellt Zöllner die am Institut für Digitale Ethik der HdM entwickelte "medienethische Roadmap" vor und wendet sie Schritt für Schritt auf das Fallbeispiel Selfie an. Ziel ist, dass Schülerinnen und Schüler ein Ethos der Privatheit ausbilden können. Mit einem solch differenzierten, medienethisch basierten Zugang zum äußerst komplexen Thema "Digitalisierung im Alltag" können die Möglichkeiten ethischen Lernens und ethischen Lebens angemessen werteorientiert verhandelt werden.

 

Weiterführende Materialien:

• Grimm, Petra; Neef, Karla; Waltinger, Michael; Kimmel, Birgit & Rack, Stefanie (2015): Ethik macht klick. Werte-Navi fürs digitale Leben. Arbeitsmaterialien für Schule und Jugendarbeit. Ludwigshafen: klicksafe [Online abrufbar unter http://www.klicksafe.de/fileadmin/media/documents/pdf/klicksafe_Materialien/Lehrer_LH_Zusatz_Ethik/LH_Zusatzmodul_medienethik_klicksafe_gesamt.pdf].



Autoren

Name:
Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte
Forschungsgebiet:
Empirische Medienforschung, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Diplomacy, Nation Branding
Funktion:
Professor
Lehrgebiet:
Medien-, Publikums- und Marktforschung, sozialwissenschaftliche Methodenlehre, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Relations, internationale Kommunikation, Hörfunkjournalismus
Studiengang:
Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
Raum:
216, Nobelstraße 10 (Hörsaalbau)
Telefon:
0711 8923-2281
Telefax:
0711 8923-2206
E-Mail:
zoellner@hdm-stuttgart.de
Homepage:
http://www.digitale-ethik.de
Oliver Zöllner

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