Aufsatz

Digitalisierung und Selbstbestimmung

Das Themenheft
Das Themenheft "Im globalen Dorf: Wie Medien unser Leben neu organisieren" der Fachzeitschrift "tv diskurs" (Heft 75, Nr. 1/2016). UVK Konstanz, Scan: Oliver Zöllner

In einem Beitrag für die Zeitschrift tv diskurs beleuchtet HdM-Professor Oliver Zöllner die Frage nach der Selbstbestimmung des Menschen im digitalen Zeitalter. Er geht davon aus, dass es nicht zuletzt Algorithmen seien, "die als Betriebsmittel der digitalisierten Gesellschaft die Selbstbestimmung des Menschen beeinflussen und einschränken." Am Ende dieser Entwicklung, so Zöllner, könnte "eine Einschränkung der Individualität des Menschen" stehen, verbunden mit einem Übergang zu einem neuen sozialen Modell des Menschen: dem "relationalen Selbst", wie es der Medienethiker Charles Ess nennt.

Grundgedanke des Beitrags ist, dass in der Webgesellschaft teilweise eine allmähliche Ablösung der Vorstellung der freiheitsgeleiteten, emanzipatorischen Autonomie des Individuums zu beobachten ist. Das Leben im Kontext von Big Data steht für einen Übergang vom "individuellen Selbst", das relativ autonom eigene Entscheidungen trifft, zum Prinzip eines "relationalen Selbst", das zunehmend von Entscheidungen anderer Instanzen (gleich ob Menschen, Algorithmen oder Organisationen) abhängig und somit auf Andere und Anderes bezogen ist, ohne dies noch weitgehend selbstbestimmt steuern zu können (Ess 2014). Es ist die Netzwerkgesellschaft mit ihren zahlreichen mobilen Kommunikationsgeräten, die so "relational" lebt - wenn auch typischerweise freiwillig und in freudiger Kooperation: Wir scheinen geradezu verliebt zu sein in die sehr bequemen und durchaus nützlichen Anwendungen in unserer Jackentasche und merken oft nicht, welche Abhängigkeiten und Unfreiwilligkeiten sich aus ihrem Gebrauch ergeben.

Im Kontext einer umfassenderen Protokollierung fast aller Lebensdetails, dem "Lifelogging" (Selke 2014), suggeriert die Digitalität Freiheit, bringt aber Kontrolle und Überwachung mit sich. Die Ethik dieser neuen paradoxen Art der Selbstbestimmung - unserer freiwilligen Beschneidung von Autonomie - ist noch auszuhandeln. Wir stehen am "digitalen Scheideweg", wie jüngst ein "Digital-Manifest" (Helbing et al. 2016) eindringlich und facettenreich dargelegt hat. Noch können wir uns entscheiden, wie "der Code" programmiert wird (Ford 2015) und in welche Richtung die Big-Data-Netzwerkgesellschaft sich entwickeln soll.

Prof. Dr. Oliver Zöllner lehrt Medienforschung, Mediensoziologie und Digitale Ethik und ist einer der drei Leiter des Instituts für Digitale Ethik (IDE) an der Hochschule der Medien Stuttgart.

 

Quellen:

Ess, Charles (2014): Selfhood, Moral Agency, and the Good Life in Mediatized Worlds? Perspectives from Medium Theory and Philosophy. In: Knut Lundby (ed.): Mediatization of Communication (= Handbooks of Communication Science, Vol. 21). Berlin, Boston: de Gruyter Mouton, S. 617-640.

Ford, Paul (2015): Code: An Essay. In: Bloomberg Businessweek, Special double issue, June 15-June 28, S. 13-112. [Online abrufbar unter: http://www.bloomberg.com/graphics/2015-paul-ford-what-is-code/]

Helbing, Dirk et al. (2016): Digitale Demokratie statt Datendiktatur. Das Digital-Manifest. In: Spektrum der Wissenschaft, Heft 1, S. 51-60. [Online abrufbar unter: http://www.spektrum.de/news/wie-algorithmen-und-big-data-unsere-zukunft-bestimmen/1375933]

Selke, Stefan (2014): Lifelogging. Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert. Berlin: Econ.

 


Erschienen in:

tv diskurs, Heft 75 (20. Jahrgang, Nr. 1/2016)
Auf den Seiten: 22-25
Autoren: Zöllner, Oliver
Hrsg.: Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF)
Erscheinungsjahr: 2016
Verlag: UVK
Ort: Konstanz

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Autoren

Name:
Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte
Forschungsgebiet:
Empirische Medienforschung, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Diplomacy, Nation Branding
Funktion:
Professor
Lehrgebiet:
Medien-, Publikums- und Marktforschung, sozialwissenschaftliche Methodenlehre, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Relations, internationale Kommunikation, Hörfunkjournalismus
Studiengang:
Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
Raum:
216, Nobelstraße 10 (Hörsaalbau)
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0711 8923-2281
Telefax:
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Homepage:
http://www.digitale-ethik.de
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