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Hochschule der Medien

Wechsel bei „Wetten dass…?“

Das schwere Erbe

Die Fußstapfen sind groß, die Erwartungen hoch: Dass Gottschalk geht, ist sicher. Was danach kommt, bleibt spannend. Hape Kerkeling, Jörg Pilawa - oder gar keiner? Verträgt das TV-Format überhaupt einen Moderatorenwechsel?

Foto: Benjamin Behr/pixelio.de

Foto: Benjamin Behr/pixelio.de

Gottschalk und „Wetten, dass...?" sind wie Cindy und Bert. Denkt man an das eine, fällt einem das andere gleich mit ein. Eigentlich kein Wunder, immerhin war Gottschalk 24 Jahre lang das Gesicht der Familien-Samstagabend-Show im ZDF. Nur von 1992 bis 1993 hatte es ein kurzes Gastspiel von Wolfgang Lippert gegeben. Nach neun Folgen und mäßigem Erfolg wurde dieser allerdings abgesetzt. Gottschalk übernahm wieder. Die Quoten mögen in den vergangenen Jahren nicht mehr so stark gewesen sein, wie in seinen Anfangsjahren nach der Übernahme der Show von Frank Elstner, eines hat er jedoch über alle Jahre hinweg geschafft: Jung und Alt gleichermaßen vor den Bildschirm zu locken. Zum Sommer-Finale in Mallorca hat „Wetten, dass...?" noch einmal richtig aufgeholt. Mit einem Marktanteil von 42,8 Prozent erreichte die Sendung einen Spitzenwert, wie seit der Sendung im November 2007 nicht mehr.

Format an Moderator anpassen

In den vergangenen Monaten gab es viele Wechsel in erfolgreichen Sendeformaten: Raab-Entdeckung und „Ex-Show-Praktikant" Elton beerbte Moderator Daniel Fischer in der Kindersendung „1, 2 oder 3". Die beliebte Ratesendung geht bereits in das 33. Sendejahr. Um die Begabungen des neuen Moderators voll auszuspielen entschied sich das ZDF, das Format leicht anzupassen. Unter anderem gibt es mehr Späße, die in die Sendung eingebaut werden. Eine Strategie, die auch für Hape Kerkeling denkbar wäre, meint seine Biografin Alexandra Reinwarth. Sollte sich seine Favoritenrolle bestätigen und er tatsächlich Gottschalks Nachfolge antreten, könnte er seine Kunstfiguren wie Host Schlämmer gut in die Show einbetten, so Reinwarth in einem Interview mit Welt Online.

Die Gefahr des Wechsels

Dass ein Wechsel des Moderators ein großes Risiko ist, musste in den vergangenen Wochen Stefan Raab feststellen. Seine abendfüllende Spielshow „Schlag den Raab" ging 2006 mit Matthias Opdenhövel an den Start und mauserte sich in kurzer Zeit zum Quotengarant. Opdenhövel moderierte die Sendung von Anfang an und erhielt für seine lockere und witzige Moderation 2007 den Deutschen Fernsehpreis und 2008 die Goldene Kamera. Nach dem Angebot, die Sportschau im Ersten zu übernehmen, zögerte er nicht lange. Raabs Show versuchte die Lücke anschließend mit Moderator Steven Gätjen zu füllen, der bislang hauptsächlich für Interviews auf dem Roten Teppich der Oscar-Verleihung eingesetzt wurde. Viele Stammzuschauer reagierten enttäuscht. Via Twitter herrschte eine eindeutige Meinung: In seiner ersten abendfüllenden Show konnte er dem souveränen und schlagfertigen Vorgänger nicht gerecht werden. Auch Steffen Hallaschka, neuer Moderator von Stern TV strauchelt nach der Übernahme der RTL-Sendung von Günther Jauch im Quotendschungel. Ein Nachfolger, der sich noch beweisen muss, ist Thomas D. von den Fantastischen 4. Er übernimmt das Format „Unser Star für Baku". Bisheriger Jury-Vorsitzender und Erfinder der Show ist Stefan Raab, der nach dem Sieg des Eurovision Song Contest 2010 und dem Heimspiel 2011 genug vom Jury-Dasein hatte.

Wir sprachen mit Prof. Stephan Ferdinand, Professor für Journalistik und einer der drei Leiter des Instituts für Moderation (imo).

Um die Nachfolge von Gottschalk wird derzeit heftig diskutiert. Was macht den bisherigen Erfolg seiner Moderationen aus?

Ferdinand: Thomas Gottschalk hat es verstanden, die Sendung an sich zu binden. „Wetten, dass...?" und Gottschalk: das ist eins. Es ist schon überraschend: Das Format hat ja Frank Elstner entwickelt. Er hat es auch mit Erfolg moderiert. Und obwohl das jeder weiß, assoziiert man trotzdem anders und bringt die Sendung mit Gottschalk in Verbindung. Das liegt natürlich an der gefühlt unendlich langen Zeitspanne, in der Gottschalk diese Sendung moderiert hat. Ganze Generationskohorten sind mit ihm und der Sendung aufgewachsen. Viele Eltern erlauben ihren Kindern erstmals längeren Fernsehkonsum mit dieser Sendung. So etwas prägt sich ein. Gottschalk steht daher nicht nur für die Sendung, sondern bei vielen Menschen für ein Lebensgefühl, für persönliche Zeitgeschichte. Kinder sprechen über die Sendung genauso wie die Erwachsenen. Hier kann man sich treffen, jeder kann mitreden. Das ist ein Verdienst des Formats, für das Thomas Gottschalk steht. Er weiß das und das hat ihn souverän gemacht über die Jahre. Seine Natürlichkeit war am Anfang vielleicht noch Konzept, am Ende bestechender Teil seiner Wirkung, für die er nicht mehr tun musste, weil alles authentisch war. Man merkt es an den Prominenteninterviews: eigentlich ist es egal, was Gottschalk fragt: Hauptsache Gottschalk fragt. Was die Leute antworten spielt eigentlich auch keinen Rolle. Hauptsache das Stichwort fällt, mit dem Gottschalk weiter plaudern kann. Es sind die journalistisch schlechtesten Interviews, die wir im Öffentlich-Rechtlichen haben. Das macht aber gar nichts, denn sie funktionieren, weil Gottschalk sie führt. Er kann es sich leisten.

Was sollte ein Nachfolger für "Wetten, dass...?" an Qualitäten mitbringen?

Ferdinand: "Sich selbst". Das ist wohl die Kunst. Am derzeitigen „Wetten, dass...?" ist ja beeindruckend, dass das "Drumherum" inzwischen von einer anderen gemacht wird. Die Wetten moderiert die Co-Moderatorin. Eigentlich ist das doch das Zentrum der Sendung, oder? Die Wetten? Sie scheinen fast ein qualifiziertes Beiwerk für den Moderator Gottschalk. Das ist überzeichnet, ich weiß. Das soll nur verdeutlichen: Diese Sendung lebt mittlerweile durch den Moderator. Er ist nicht Dienstleister - wie etwa der Moderator bei "Schlag den Raab" -, sondern er ist die Sendung selbst. Diese Qualität kann man nicht mitbringen, die hat sich Gottschalk über die Jahre erarbeitet. Jeder neue Moderator muss von vorne anfangen. Die Frage ist, ob die Zuschauer das über eine solche lange Zeit wieder mitmachen und einem Nachfolger, einer Nachfolgerin diese Chance überhaupt geben. Die Sendung ist ja noch entstanden in einer Zeit ohne Privatfernsehen. Die Quasi-Monopolsituation hat dem Sender die Möglichkeit gegeben, an der Nachhaltigkeit des Formats zu feilen. Deswegen besteht sie auch im Wettbewerb mehr oder weniger gut. Eine etablierte Marke mit und durch den Moderator. Da die Pferde zu wechseln ist sehr, sehr schwer.

Welche Probleme können in einem erfolgreichen Format bei einem Wechsel des Moderators auftauchen?

Ferdinand: Dass die Marke nicht mehr die Marke ist. „Wetten, dass...?" ist eine Marke, und die heißt zugleich Gottschalk. Geht Gottschalk, droht der Markenkern unterzugehen. Alle starken Formate sind im Fernsehen an Personen gebunden. Raab, Backes, Will, Illner, ganz gleich, ob öffentlich-rechtlich oder privat, ob unterhaltend oder informierend. Das macht Fernsehen ja auch aus. Es überrascht daher nicht, dass in der Diskussion diejenigen Moderatoren sind, die das Potential haben, eine Marke zu prägen. Alles andere wäre auch sinnlos.

Verträgt eine Sendung ohne weiteres einen Wechsel des Moderators oder sollte mit dem Wechsel auch das Format angepasst werden?

Ferdinand: Eine starke Persönlichkeit wie Hape Kerkeling wird dieses Format neu prägen können. Ob das Format dabei angepasst wird oder nicht, wäre in dem Fall zweitrangig. Er würde die Sendung automatisch zu "seiner" Sendung machen und das Publikum würde das auch mittragen. Das geht sicher mit Formatänderungen an dieser und jener Stelle einher. Aber zentral ist das nicht. Siehe den "Hunziker" Effekt. Selbst ohne Wettenmoderationen hat Gottschalk die Sendung getragen. Niemand wird lange darüber sprechen, ob es jetzt z.B. ein oder zwei Kinderwettten gibt. Jeder wird darüber sprechen, wie Kerkeling einen Prominenten auf den Arm genommen hat. Voraussetzung für all das ist, dass die Wetten weiterhin gut funktionieren, der Rahmen also professionell bleibt. Mit anderen Worten: Wenn das ZDF keinen persönlichkeitsstarken Moderator à la Kerkeling findet, überlebt auch das Format nicht.

Christina Walzner

Das schwere Erbe

Wie soll es weiteregehen mit "Wetten, dass...?"








Weitere Online-Umfragen der HdM finden Sie unter: www.hdm-stuttgart.de/umfragen

Institut für Moderation (imo)

Seit dem Wintersemester 2009 / 2010 bietet die Hochschule der Medien unter dem Namen "Qualifikationsprogramm Moderation" eine berufs- und studienbegleitende Weiterbildung zum Moderator an. Das einjährige, praxisorientierte Programm wird gemeinsam mit den Partnern Südwestrundfunk (SWR) und Akademie für gesprochenes Wort in Stuttgart umgesetzt.

Weitere Infos gibt es unter http://www.moderationzukunft.de/

Quellen: Das schwere Erbe

www.meedia.de
www.dwdl.de
www.quotenmeter.de
www.welt.de

VERÖFFENTLICHT AM

21. Juni 2011

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