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Hochschule der Medien

Bibliothek 2.0

Lustvolle Wissenstempel

Die neue Stuttgarter Stadtbibliothek am Mailänder Platz wurde diese Woche eröffnet. Sie repräsentiert den Aufbruch ins digitale Zeitalter: Bibliotheken wandeln sich zu multimedialen Treffpunkten den sogenannten „expanded libraries".

Rundgang durch die neue Stadtbibliothek
(Fotos: Nadine Steinhübel)

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Foto: Nadine Steinhübel

Foto: Nadine Steinhübel

Vorbei sind die Zeiten, in denen Bibliotheken als ‚verstaubte Irrgärten‘ für wissbegierige Streber galten. Frühere Generationen zogen sich zum Studieren zurück, verkrochen sich hinter Bergen von Fachliteratur und es herrschte eisiges Schweigen. Heute sehen Bibliotheken völlig anders aus: Modern, statt antik, Interaktion statt völliger Stille, PCs statt Bücher. Trotz fortschreitender Digitalisierung werden überall auf der Erde neue Wissenstempel gebaut (siehe Infokasten), und auch die Stuttgarter Stadtbibliothek geht mit gutem Beispiel voran. Sie vollzieht mit ihrem Auszug aus dem Wilhelmspalais den Wandel zur Digitalisierung, ohne dabei ihre traditionelle Rolle als Wissens-und Informationsspeicher zu vernachlässigen. Die Direktorin der Stuttgarter Stadtbibliothek Ingrid Bussman siedelt die neue Bibliothek zwischen „Tradition und Innovation" an.

Von wegen Stammheim II

Während der Bauzeit zeigte sich die Bevölkerung von Stuttgart vom „Look" des Gebäudes wenig angetan. Es fielen Wörter wie „Hochbunker", „ Bücherknast" oder „Stammheim II", in Anlehnung an das Gefängnis im gleichnamigen Stuttgarter Stadtteil. Dennoch blieb der berühmte südkoreanische Architekt Eun Young Yi standhaft und die positive Resonanz der Presse und die Besucherscharen geben ihm Recht. Nachts wird das Gebäude hell erleuchtet, dies verleiht dem kubistischen Gebäude eine besondere Aura. Auf jeder Seite des Quaders ist der Schriftzug „Bibliothek" in einer anderen Sprache angebracht, so wird das internationale Flair des neugeplanten Europaviertels unterstrichen. Aber nicht nur die Glasstein-Fassade besticht durch Innovation, auch das Interieur könnte mit seiner Trichterform kaum futuristischer sein. Als besonderes Markenzeichen des Monuments gilt der „Raum der Stille", ein großer Raum, der völlig leer steht und dadurch Platz für individuelle Gedanken jedes Besuchers geben soll.

Expanded Library

Im Erdgeschoss der neuen Stadtbibliothek sucht der aufmerksame Besucher vergeblich nach Bücherregalen. Stattdessen lassen sich 16 in der Wand verankerte Flatscreens bestaunen. Auf den trendigen Bildschirmen werden digitale Kunst von Netz- und Medienkünstlern sowie neue Formen der Literaturvermittlung gezeigt. Die „klassischen" Büchersammlungen findet man ab dem ersten Stock. Zusätzlich gibt es auf jeder Etage ein sogenanntes „Studiolo", einen „kleinen feinen Arbeitsplatz", dieser hebt sich optisch vom Rest des Mobiliars ab und ist mit verschiedenen Medien zu einem speziellen Schwerpunkt bestückt. Auch die Gaumenfreude kommen nicht zu kurz, im achten Stock lädt das „Literaturcafé" zu einem gemütlichen ‚Chill out‘ ein. Insgesamt lässt sich der Trend beobachten, dass sich Bibliotheken immer mehr zu multifunktionalen Treffpunkten den sogenannten „expanded libraries" wandeln. Orte an denen Wissen auf Leben trifft: Neben dem Zugang zu Fachbüchern müssen auch andere Bedürfnisse wie Essen und Ausruhen, manchmal sogar Einkaufen wie in der Bibliothek der eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (Rolex Learning Center) , befriedigt werden. Bibliotheken werden dadurch immer mehr zu „lustvollen Bibliotheken", wie es sich einst der italienische Schriftsteller und Medienwissenschaftler Umberto Eco gewünscht hatte.

Technik vom Feinsten

Die heutigen Bibliotheken stellen nicht die Bücher, sondern die Nutzer ins Zentrum und diese wollen modernste Technik: Datensuche via High-Speed-Internet und am liebsten kabellos. Allein die Stuttgarter Stadtbibliothek bietet 140 mobile Laptop-Stationen, zusätzlich gibt es auf jeder Ebene drei fest installierte PCs und zwölf Kurzzeit Rechenplätze im Foyer. Als besonderes Highlight der neuen Datenbank gilt die Möglichkeit, sich durch achthundert Tageszeitungen in 25 verschiedenen Sprachen zu klicken. Einen Schritt weiter geht die oben erwähnte Schweizer Bibliothek. Dort gibt es einen Roboter, der Grafiken und Texte auf Tischplatten projizieren kann. Getreu dem Bibliotheks-Slogan „learn, innovate, live", soll dies die Diskussion zwischen den Studierenden anregen. Ein im Tisch eingebautes Mikrophon registriert, wer am meisten spricht. Driftet ein Gespräch in einen Monolog ab, dann färbt sich der Tisch rot.

Quellen:

Spiegel vom 10.10.2011

www.stuttgarterzeitung.de

www.wikipedia.de

www.rolexlearningcenter.ch

Nadine Steinhübel

Innovative Bibliotheken und ihre Baumeister

• Rolex learning Center in Lausanne (Kazuyo Sejima/Ryue Nishizawa)

• Neue Universitätsbibliothek in Cottbus (Herzog & de Meuron) 

• Hauptbibliothek Universität Zürich (Santiago Calatrava)

• Bücherei und Bildungscenter an der Wiener Universität für Ökonomie und Wirtschaft (Zaha Hadid)

• Seattle Public Library (Rem Koolhaas)

• Bibliothek der Tama Art Universität Tokio (Toyo Ito)

• Bibliotheca Alexandriana (Snøhetta und Hamsa Associates)

• Neue Nationalbibliothek in Astana Kasachstan (Bjarke Ingles Group)

VERÖFFENTLICHT AM

02. November 2011

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