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Digitaler Ausstieg

Das Spiel mit dem Tod

Für viele wird das ständige Online-Sein zur Belastung. Sie wollen Aussteigen. Aus dem digitalen Selbstmord haben die Betreiber von "Seppukoo.com" ein Ranking-Spiel gemacht. Dagegen können sie sich bei dem Abmeldedienst "Web 2.0 Suicide Machine" mit wenigen Klicks automatisch löschen lassen.

Das Logo von "Web 2.0 Suicide Machine", Foto: suicidemachine.org

Das Logo von "Web 2.0 Suicide Machine", Foto: suicidemachine.org

Zur Detailansicht "Seppukoo.com" wirbt mit Samurai, Foto: seppukoo.com

"Seppukoo.com" wirbt mit Samurai, Foto: seppukoo.com

Vor drei Jahren gingen die Webseiten von "Seppukoo.com" und "Web 2.0 Suicide Machine" online. Beide Seiten riefen damals noch zum "virtuellen Selbstmord" auf. Facebook hat dies bei sich verboten: Seitdem lässt sich der Selbstmord bei "Web 2.0 Suicide Machine" nur noch bei MySpace, LinkedIn und Twitter durchführen. Ein Facebook-Sprecher sagte damals: "Facebook ermöglicht es Anwendern, die die Seite nicht mehr nutzen wollen, ihr Konto zu deaktivieren oder komplett zu löschen." Auch "Seppukoo.com" hat die Entscheidung danach den Nutzern selbst überlassen.

Nach der Tradition alter Samurai

"Seppukoo.com" stellte es clever an und entwickelte ein Konzept, das bis heute noch viele Anhänger hat – in Zeiten von digitalen Diäten und medienfreien Wochen wenig verwunderlich. Die Webseite machte ein Spiel aus dem Tod. Das Prinzip ist einfach: Je mehr Freunde ein Nutzer für den "virtuellen Selbstmord" begeistern kann, desto höher steigt er im Ranking.

"Seppukoo" ist allerdings kein zufällig gewählter Name. Er steht für eine spezielle Form des rituellen Selbstmordes der alten japanischen Samurai, bei der sich die Kämpfer lieber selbst ein Schwert in den Bauch rammten, als durch die Hand des Feindes umgebracht zu werden. Die Webseite "Seppukoo.com" will den ehrenvollen Tod der Kämpfer auf die virtuelle Welt übertragen: Mit der Befreiung vom digitalen Körper sollen die Menschen wieder die Bedeutung ihres Seins entdecken können, denn heute vermischen sich Online- und Offline-Identitäten zunehmend.

Vergessen: "Web 2.0 Suicide Machine"

Anders beim Abmeldeservice "Web 2.0. Suicide Machine": In einer knappen Stunde löscht die Seite auf Wunsch automatisch die Inhalte von MySpace-, LinkedIn- und Twitter-Profilen – und auch nur die Inhalte, denn die Accounts bleiben bestehen. Manuell würde die Löschung über neun Stunden dauern. Neben den privaten Inhalten entfernt der Dienst Tweets, Follower, Freunde und Geschäftskontakte. Ein abschließendes Profilbild in Form des Logos mit einem zur Schlaufe gebundenen Strick ziert neben letzten Worten den einstigen Account. Auch gibt der Dienst Tipps, um die ersten 24 bis 72 Stunden nach der Löschung zu überstehen, weil sich viele Nutzer danach "leer" fühlen würden: Die Betreiber raten, Freunde anzurufen, in den Park zu gehen, sich eine Flasche Wein zu kaufen und ihr reales Leben zu genießen.

Doch die Einträge in der Liste mit den "virtuellen Selbstmördern", den Testimonials, sind alt. Die Vermutung liegt nahe, dass die Webseite längst in Vergessenheit geraten ist oder der Dienst kaum noch genutzt wird. Gänzlich werden sich Nutzer aber wohl kaum aus dem Internet löschen können, denn Daten sind meist noch viele Monate oder Jahre auf einem Backup-Server oder im Internetarchiv gespeichert.

Franziska Böhl

VERÖFFENTLICHT AM

05. Dezember 2012

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