DE

| EN

Studieren. Wissen. Machen.

Hochschule der Medien

Kommentar

Genickbruch für Klicks

Cat Content, Verfehlungen der Fußballstars und Gerüchte um die Königshäuser – diese Themen sind kein Alleinstellungsmerkmal des Boulevards mehr. Auch Qualitätsmedien wie "Der Spiegel" und die "Süddeutsche Zeitung" nehmen sich in ihren Onlineausgaben zunehmend vermischten Themen an. Warum? Um die Klickzahlen zu erhöhen – ein Fehler meint unsere Autorin.



kommentiert

Es ist ein leidiges Thema: die ewige Diskussion um den Anzeigen getriebenen Journalismus und dessen Auswirkungen auf die Qualität. Die Anzeigen-Auflagen-Spirale ist in der Online-Welt analog zu finden: Klicks bedeuten Werbekunden und Werbekunden bedeuten Geld. Am besten lockt man Leser über Google oder Facebook auf das eigene Medium - klar soweit. Aber warum müssen darunter die Inhalte leiden? Die aktuelle Boulevardisierungsstrategie der Qualitätspresse ist eine Gefahr für deren Fortbestand.

Alles wird zum Einheitsbrei

Videos von tanzenden Bräuten und Studentin Julia Engelmann beim Poetry Slam finden sich zeitweise in den Facebook Posts von fast allen großen deutschen Medien - "Stern", "Der Spiegel" und "Die Zeit". Mit der Boulevardisierung der Onlineausgaben stellen sich Leitmedien auf eine Stufe mit Klickzahlenoptimierer "heftig.co". Qualitätsgrenzen verschwimmen und alles wird zum Einheitsbrei: ähnlicher Content über alle Medien hinweg. Journalismus wird so zum reinen Marketinginstrument. Dabei sind doch eben die Qualitätsstandards das Differenzierungs- und Erfolgsmerkmal der Leitmedien. "Der Spiegel" und "Die Zeit" werden doch genau deshalb gekauft: gut recherchierte Artikel, Themen, die sonst nicht populär sind, und bei denen der Leser vielleicht noch gar nicht wusste, dass sie ihn interessieren. Genau deswegen liest man Qualitätspresse - online und offline. Wenn dieser Bestandteil fehlt, können dieselben Inhalte ebenso in der "Bild" gelesen werden.

Milchmädchen-Rechnung

Begründet wird die Boulevardisierung mit dem Willen der Leser: Das Blatt bringe doch nur das, was der Nutzer lesen will. Falsch: Skurrile und witzige Artikel generieren vielleicht schnell Traffic auf die Homepage, schaffen aber kein Involvement und damit langes Verweilen. Ein Trash-Text wird nicht einmal bis zum Schluss gelesen. Wenn das den Redakteuren gleich ist, dann haben sie ihr Ziel erreicht: Sie können sich mit höheren Zugriffszahlen profilieren, schaffen es aber nicht, den Leser zufrieden zu stellen und an das Blatt zu binden. Das Medium wird austauschbar, die Inhalte beliebig.

Was viele Medien vergessen: Der Leser stellt einen Zusammenhang her zwischen Online- und Offlineausgabe. Wenn also ein Meinungsmedium wie "Der Spiegel" sich plötzlich dem Trash hingibt, wirkt nicht nur die redaktionelle Linie inkonsistent, sondern es färbt auch negativ auf den Ruf des Printprodukts ab. So bekommt auch die Printausgabe einen Beigeschmack. Natürlich müssen Inhalte für das Internet redaktionell anders aufbereitet werden als für die gedruckte Ausgabe, jedoch nicht auf Kosten der Qualität und zum Selbstzweck für Klicks. Diese Strategie bricht mittelfristig dem vormaligen qualitativ-hochwertigen Online-Journalismus das Genick.

 

Anna Ebner

Kommentare geben nicht die offizielle Haltung der Hochschule wieder, sondern nur die Meinung oder Einschätzung des kennzeichnenden Autors. Im Falle der HdM-Website sollen sie außerdem zur Diskussion über ein aktuelles Medienthema im Zeitgeschehen anregen

VERÖFFENTLICHT AM

08. Juli 2014

ARCHIV

Medienwelt
WAS DENKEN SIE DARÜBER?


Verstanden

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren