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Hochschule der Medien

1000. "Tatort"

Der Mörder wird im Rudel gesucht

Sonntags, 20.15 Uhr in Deutschland: Für durchschnittlich zehn Millionen Deutsche ist dann "Tatort"-Zeit. Heute Abend, den 13. November 2016, strahlt die ARD den 1000. "Tatort" aus. Die Krimireihe ist die älteste und meistgesehene im deutschen Fernsehen. Doch was macht sie seit jeher so beliebt?

In entspannter Atmosphäre den "Tatort" schauen, wie hier im Stuttgarter Club Schocken. (Bild: Isabell Meurers)
Ob gemütlich auf dem heimischen Sofa, gemeinsam mit Freunden oder in einer von bundesweit rund 350 Tatort-Lokalitäten - den Krimi zu schauen, ist für viele inzwischen zu einem festen Sonntagsritual geworden. Eine dieser "Tatort"-Kneipen, die sich sonntags in ein großes Wohnzimmer verwandeln, ist der Stuttgarter Club Schocken. Wo am Abend zuvor noch die Tanzfläche war, sind eine Stunde vor Sendebeginn bereits Stuhlreihen aufgebaut, eine Leinwand hängt am Ende des Raumes. Die ersten Gäste haben sich bereits einen Platz reserviert und sitzen mit einem Getränk an der Bar. Wer früh genug kommt, hat noch eine Chance auf einen der gemütlichen Ledersitze in den vorderen Reihen, wer später kommt muss mit einfachen Holz-Klappstühlen Vorlieb nehmen. Ob Cola, Bier oder Tee - so unterschiedlich wie die Getränke ist auch das Publikum, das man hier antrifft. Die Altersspanne liegt geschätzt zwischen 25 und 50 Jahren. Dass das jüngere Publikum an diesem diesem Abend jedoch dominiert, dürfte daran liegen, dass es sich den Krimi außerhalb der eigenen vier Wände anschaut. Denn zwei Drittel der "Tatort"-Zuschauer sind über 50 Jahre alt.

Aktuelle Themen sprechen breite Masse an

Seit mittlerweile 46 Jahren läuft die Krimireihe bereits im deutschen Fernsehen. In Zeiten, in denen wir uns aufwendige und teure Produktionen aus dem In- und Ausland jederzeit über diverse Video-Streaming-Dienste anschauen können, könnte man meinen, dass der "Tatort" allmählich ausgedient hat. Doch die Krimireihe hat Kultstatus erreicht und ist aus dem deutschen Fernsehprogramm nicht wegzudenken. Der Meinung ist auch Jörn Precht, Professor für Dramaturgie und Storytelling im Studiengang Audiovisuelle Medien an der Hochschule der Medien (HdM). Er ist überzeugt: "Aufgrund der Vielseitigkeit der unterschiedlichen Formate und der aktuellen Themen wird es den 'Tatort' noch lange geben." Mit den Krimis erreiche man eine breite Zielgruppe, auch ein jüngeres Publikum werde durch aktuelle Themen bewusst angesprochen. Um das Grundgerüst des Genres "Krimi" werden aktuelle, gesamtgesellschaftliche Probleme debattiert und kritisch beleuchtet. Der Mordfall dient häufig nur als Vorwand, um ein kritisches Thema in den Vordergrund zu stellen. "Der Tatort geht mit der Zeit", sagt Precht über den andauernden Erfolg. Durch anschließende Talkshows zum Thema der jeweiligen Folge werde die Aktualität und die politische Wirkung des "Tatorts" deutlich. So diskutierte Anne Will im Anschluss an "Borowski und das verlorene Mädchen", der vom Tod einer zum Islam konvertierten Schülerin handelte, mit ihren Gästen über die Beweggründe, warum vermehrt junge Leute zu Islamisten werden.

Ein Stück Heimatfilm

Das Auge im Fadenkreuz: Den "Tatort"-Vorspann gibt es seit über 40 Jahren. (Bild: Screenshot via YouTube)
Der hohe Wiedererkennungswert, wie etwa gleichbleibende Ermittlerteams oder der seit den 1970er Jahren unveränderte Vorspann mit dem Auge im Fadenkreuz, trägt maßgeblich zum Erfolg bei. Zum Erfokgskonzept gehört auch das Lokalkolorit: Vom Kölner Dom über den Bodensee bis hin zum Berliner Fernsehturm - die Zuschauer freuen sich, bestimmte Gegenden ihrer Heimat wiederzuerkennen, sodass der "Tatort" immer auch ein Stück weit Heimatfilm ist.

 

Ermittlerteams unterschiedlich beliebt

Der "Tatort" Münster mit Jan Josef Liefers (links) und Axel Prahl ist der beliebteste. (Bild: WDR/Stephan Rabold)
Da verschiedene Rundfunkanstalten der ARD für ein Sendegebiet zuständig sind, ermitteln derzeit 48 Kommissare in 22 Städten. So ist in jeder Folge ein anderes Team zu sehen, pro Jahr werden insgesamt 34 bis 39 Tatorte produziert.  Bislang gab es 131 Ermittler. Jedes Team klärt im Schnitt zwei bis drei Fälle im Jahr auf, wobei die größeren Sendeanstalten mehr Produktionen liefern. Auf die meisten Folgen kommen die beiden Hauptkommissare Batic (Miro Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) vom Bayerischen Rundfunk aus München. Seit 1991 waren sie in bislang 73 Folgen gemeinsam auf Tätersuche und gehören damit mittlerweile zu den "Tatort"-Urgesteinen. Das beliebteste Ermittlerteam ist jedoch ein anderes: Der Münsteraner Tatort des WDR mit dem dauergereizten, empathiefreien Krimimalhauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und dem narzisstischen Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers), die sich aufgrund ihrer gegensätzlichen Charaktereigenschaften stets einen Schlagabtausch liefern. Die beiden erreichen mit durchschnittlich 12,8 Millionen Zuschauern pro Folge die höchsten Einschaltquoten. Die Bestmarke des Duos liegt bei 13,69 Millionen Zuschauern. Für HdM-Professor Precht keine Überraschung: Gerade der Münsteraner Tatort würze Krimi mit Comedy - und das komme beim Publikum an.


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"Tatort" ist Kult


VERÖFFENTLICHT AM

13. November 2016

KONTAKT

Prof. Jörn Precht

Audiovisuelle Medien

Telefon: 0711 8923-2247

E-Mail: precht@hdm-stuttgart.de

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