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Hochschule der Medien

Technikgläubigkeit

Wenn man dem Bildschirm mehr traut als den eigenen Augen

Es kann bisweilen verwirrend sein, wenn der Monitor ein anderes Bild der Realität liefert, als der Benutzer es vor sich sieht. Doch der Trend geht weiterhin weg von der eigenen Wahrnehmung: Die sogenannte Augmented Reality ist mehr als Zukunftsmusik.

Beinahe jeder Besitzer eines Navigationsgeräts hat die ein oder andere amüsante Anekdote in der Hinterhand, wie ihn der Apparat beispielsweise in eine imaginäre Straße führte, wo nur Waldrand zu sehen war, oder nach dem empfohlenen Abbiegen direkt zum Wenden aufforderte. Als Unterhaltungsmaterial auf Partys sind diese Geschichten sehr praktisch; wenn sie Auslöser für den zwischenzeitlichen Realitätsverlust einer Person sind, wird es weniger lustig.

So berichteten die Zeitungen vor Kurzem von einem Mann, der im scheinbar blinden Vertrauen auf sein Navigationsgerät mitten auf der Autobahn wendete und so zum Geisterfahrer wurde. Obwohl der Fahrer hätte wissen müssen, wo er sich befindet, und dass ein Wenden nach Straßenverkehrsordnung - und nicht zuletzt nach der reinen Logik - völlig unmöglich war, handelte er entsprechend der Anweisung eines elektronischen Geräts, das für den Moment oberste Priorität eingenommen hatte.

Computeranwendungen sind, so lautet ein geflügeltes Wort, immer nur so klug wie derjenige, der davor sitzt. Ein Großteil der "Navi-Nutzer" käme bei einer den Umständen entsprechend sinnlosen Anweisung vom Gerät nicht auf die Idee, dieser Folge zu leisten. Dass Menschen sich an Bildschirmen orientieren, dürfte sich im Laufe der Zeit jedoch noch mehr häufen. Unter dem Namen "Augmented Reality" kann mittels Software die Wahrnehmung einer Umgebung durch virtuelle Elemente ergänzt werden. So wäre es beispielsweise möglich, mitten in einer fremden Stadt die nächste Pizzeria ausfindig zu machen, ohne nach dem Weg fragen zu müssen. Aber die Fülle der eingeblendeten Informationen kann schnell verwirrend werden, wobei es sehr stark auf das Technikverständnis des jeweiligen Benutzers ankommt.

Diese Entwicklung birgt, neben den Risiken, natürlich auch viele Vorteile. Die HdM-Studenten Hannes Fritz und Jan-Christoph Borchardt aus dem Studiengang Informationsdesign haben gemeinsam eine Demonstration namens "the Viewture" erstellt, die zeigt, wie eine Fußgängernavigation mit Augmented Reality aussehen könnte. In ein Video haben sie dabei nachträglich die virtuellen Elemente eingebaut, die den Besucher einer fremden Stadt über deren Sehenswürdigkeiten, Gastronomiebetriebe oder Zugverbindungen informiert und bei Bedarf einen Stadtplan einblendet. Sogar Menschen, die mit einem ähnlichen Gerät unterwegs sind, werden in der Demonstration entsprechend gekennzeichnet.

Wie als Antwort auf den oben erwähnten neuesten Fall von übertriebener Technikgläubigkeit zeigen die Studierenden am Ende des Films eine Situation, in welcher der Benutzer schnell auf ein Ziel zuläuft: Die virtuellen Elemente werden ausgeblendet. "Reale Welt ist Priorität", informiert das Demonstrationsvideo.

 

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Melanie Teich

VERÖFFENTLICHT AM

03. Mai 2010

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