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Cyberchondrie 10. Mai 2010

Dr. Google macht krank

Haben Sie schon mal nach Krankheitssymptomen gegoogelt? Falls ja, sind Sie in bester Gesellschaft - immer häufiger suchen Menschen nach medizinischen Informationen im Internet. Doch die Vielzahl an Diagnosen überfordert schnell...

Quelle: www.google.de / www.sxc.hu
Quelle: www.google.de / www.sxc.hu

Laut der Studie „E-Health Trends in Europe 2005-2007" ist das Internet zu einer wichtigen Informationsquelle in Gesundheitsfragen geworden: Rund die Hälfte der Befragten nutzen das World Wide Web, um sich medizinischen Rat einzuholen. Durch die zunehmende Nutzung stieg in den vergangenen Jahren auch das Vertrauen in die Online-Informationen. Aus dem "Krankheitsbarometer 2009", einer Studie der Barmenia Krankenversicherung, geht hervor, dass immer weniger Menschen bei Beschwerden ihren Arzt aufsuchen, sondern sich stattdessen im Internet über Symptome und Behandlungsmöglichkeiten informieren. Wadenwickel bei Fieber, ein heißes Bad bei Schlafproblemen - aufgrund der Kosten für Medikamente sind vor allem Hausmittel im Netz gefragt.

Suche mit Nebenwirkungen

Eigentlich kann das steigende Interesse an medizinischen Fragen doch positiv beurteilt werden: Patienten informieren sich über ihren Körper, lernen verschiedene Behandlungsmethoden kennen und holen sich unterschiedliche Meinungen ein. Doch die neue Informationsfreiheit hat auch ihre Nachteile.

Egal, mit welchen Symptomen man die Suchmaschinen füttert - die Zahl der möglichen Treffer und scheinbaren Antworten ist überwältigend. Für den Suchbegriff „Husten" liefert Google über eine Million Treffer. Bei der Suche nach „Kopfschmerzen" erhält man beinahe zwei Millionen Einträge. Die Diagnosen schwanken jedoch erheblich: Als mögliche Ursachen für Kopfschmerzen werden harmlose Auslöser wie Flüssigkeitsmangel ebenso genannt wie tödliche Gehirntumore. In der Realität ist zwar der Flüssigkeitsmangel um einiges wahrscheinlicher, doch in Suchmaschinen landen seltene Krankheiten oft weiter oben im Suchergebnis als harmlose Wehwehchen.

Hypochonder wird Cyberchonder

Das Internet verleitet viele Patienten so zu krankhaften Selbstdiagnosen. Ein Kribbeln in den Fingern wird zum ersten Anzeichen von Multipler Sklerose, Bauchweh zu Darmkrebs und leichter Husten schnell zur Lungenentzündung. Der US-Forscher Brian Fallon von der Columbia-Universität in New York spricht hier von einer modernen Form der Hypochondrie: der "Cyberchondrie". Betroffene suchen auf Medizinportalen, in Foren und auf Webseiten stundenlang nach möglichen Krankheiten für ihre Symptome und diagnostizieren sich selbst. Laut Fallon werden über 90 Prozent aller Hypochonder, die Zugang zum Internet haben, auch zu Cyberchondern.

In den meisten Fällen schätzen die Betroffenen ihren Gesundheitszustand weitaus schlimmer ein, als er in Wirklichkeit ist. Die Langzeitstudie von Ryen W. White und Eric Horvitz, Mitarbeiter des Softwareherstellers Microsoft, bestätigt dies. Im Rahmen der Studie analysierten sie Suchanfragen im Web und blickten 515 Testpersonen dabei über die Schulter. Es zeigte sich, dass Internet-Suchmaschinen dazu beitragen, gesundheitliche Bedenken in negativer Hinsicht zu verstärken. Denn je mehr die Probanden nach Krankheitsbildern googelten, desto drastischer wurden ihre Selbstdiagnosen.

Das Web als Angstmaschine

„Vor allem Menschen mit geringen medizinischen Vorkenntnissen machen sich schnell unangemessene Sorgen um ihre Gesundheit", fassen White und Horvitz ihre Resultate zusammen. Je geringer das medizinische Basiswissen ist, desto größer ist auch das Risiko für das Auftreten einer Cyberchondrie. Schlecht vorinformierte Menschen verlieren sich in der Informationsflut des Internets. Sie können die Ergebnisse nicht fachgerecht einordnen und kommen so zu Fehldiagnosen. Insbesondere Menschen, die ohnehin zu Krankheitsängsten neigen, finden im Netz leicht ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Für Hypochonder kann das Web somit zur richtigen Angst- und Horrorquelle werden.

Von Arthritis bis Zytomegalie

Beinahe jede Krankheit ist im Internet gelistet und enthält ausführliche Beschreibungen zu Symptomen, Krankheitsverläufen und Therapieansätzen. Entscheidend ist aber sicherlich, wo man sucht. In vielen Foren diagnostizieren und verängstigen sich Laien gegenseitig. Doch da Krankheitsverläufe stets individuell sind, sollten derartige Einzelschicksale nicht überinterpretiert werden. Seriöse Online-Anbieter wie NetDoktor.de oder Vitanet.de weisen in ihren Artikeln stets darauf hin, dass Betroffene die Informationen aus ihrem Angebot niemals als alleinige Quelle verwenden und bei Beschwerden immer ärztlichen Rat suchen sollten.

Nach Ansicht der Microsoft-Forscher müssen insbesondere Suchmaschinenarchitekten dafür sorgen, dass die Menschen durch das Ranking ihrer Suchergebnisse nicht unnötig beunruhigt werden. Die Forscher schlagen dazu unter anderem vor, medizinische Abfragen gezielt zu filtern und getrennt zu behandeln. Suchende sollten dadurch umfassende Ergebnislisten erhalten, die mögliche Krankheitsbestimmungen nach ihrer Wahrscheinlichkeit anzeigen und bei der Interpretation der dargebotenen Informationen helfen.

Grundsätzlich ist das Netz also eine gute Hilfe, um schnell und unkompliziert an Erstinformationen und Ansprechpartner heranzukommen, doch googeln ersetzt eben nicht den Gang zum Arzt. Und es gilt: Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker.

 

Tanja Rupp

Kommentare zum Beitrag

Christoph (am 06.03.2014 um 15:41 Uhr ): Es kommt meiner Meinung darauf an. Man sollte darauf achten, nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Angenommen, man sucht Informationen zu einem diagnostizierten Krankheitsbild, dann kommt man mit Google tatsächlich oft sehr gut weiter und erhält in Ruhe viele Informationen. Während eines Arztgesprächs merkt man sich schließlich nicht alles. Problematisch kann es aus meiner Sicht jedoch werden, wenn man plötzlich voll unter Strom steht, weil man diffuse Symptome in Google eingibt. Hier kann dann alles mögliche kommen, was einen stark verunsichert.


Michael Jung (am 20.02.2014 um 15:03 Uhr ): wenn Mediziner immer mehr bei wichtigen Diagnosen zu spät kommen, dann ist es legitim dr Google zu fragen. freilich wird ein mündiger Patient dann vom Arzt als Hypochonder bezeichnet. kleinlaut musste der Artzt später zugeben; dass er selbst der Diagnose-Versager ist.
Das Diagnoseversagen gehört heute zum Alltag, daher sind wir dankbar das ist Dr google gibt.


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