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Daily-Talkshows

"Ich bin 30 und impotent"

Es wurde gelogen, gestritten und sich versöhnt: Die Daily-Talkshows boten ein breites Spektrum an seichter Unterhaltung über triviale Alltagsthemen. In den 1990er und 2000er Jahren boomte der Markt. Jetzt ist Schluss damit: "Britt" (Sat. 1) wurde abgesetzt.

Zur Detailansicht Nach zwölf Jahren wird "Britt" abgesetzt, Quelle: www.sat1.de/tv/britt

Nach zwölf Jahren wird "Britt" abgesetzt, Quelle: www.sat1.de/tv/britt

Zur Detailansicht Das Ur-Gestein der deutschen Daily-Talkshows war Hans Meiser, Quelle: www.ffemedia.d

Das Ur-Gestein der deutschen Daily-Talkshows war Hans Meiser, Quelle: www.ffemedia.d

"Britt – Der Talk um eins" hieß die letzte deutsche Talkshow, die montags bis freitags auf Sat. 1. ausgestrahlt wurde. Ende März 2013 kündigte der Sender an, die Show auf Grund zu geringer Einschaltquoten abzusetzen. Von den ehemals rund 20 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen erreichte "Britt" zuletzt nur noch sechs Prozent. Statt bis zum angekündigten Aus im Juli 2013 zu warten, flog "Britt" am Gründonnerstag vor Ostern aus dem Programm. Seitdem ist Schluss mit den Daily-Talkshows.

Der ehemalige Kult-Talkmoderator Hans Meiser vermutet: "Vielleicht wollen die Zuschauer keine Talks mehr über Schwangerschaftstests, treulose Partner und uneheliche Kinder sehen." Immerhin: In den rund 3000 Sendungen von "Britt", die von 2001 bis 2013 liefen, wurden rund 2000 Lügendetektortests und etwa 300 Schwangerschaftstest durchgeführt sowie über 200 Heiratsanträge gemacht. Die reißerische Themenaufbereitung ähnelte dem Niveau von US-Talkshows, auch wenn es bei den Gästen von "Britt" nicht zu körperlichen Übergriffen kommen durfte. "Das Ende war für mich dennoch nicht absehbar, da in den USA beispielsweise Talkshows noch heiß laufen", sagt Meiser.

Oprah: Täglich 14 Millionen Zuschauer

Talkshows haben in den USA eine lange Tradition: In den 1950er Jahren kam die neue Form der Fernsehgespräche dort auf. Den großen Durchbruch erlebten sie ab den 1960er Jahren: Zur ersten landesweit ausgestrahlten US-Talkshow wurde "The Phil Donahue Show" (1967-1996) mit Moderator Phil Donahue. Ebenfalls bekannt aus dieser Zeit war Dick Cavett, der in seiner "The Dick Cavett Show" (1968-1986) auch Prominente wie John Lennon und Yoko Ono interview hat. Besonders beliebt war Oprah Winfrey mit ihrer gleichnamigen Show (1986-2011), die täglich über 14 Millionen Zuschauer hatte. Andere Urgesteine im Talkshowbusiness sind Jerry Springer (seit 1991), Maury Povich (seit 1991) oder Cristina Saralegui (seit 1989).

Hans Meiser: Über 40 Prozent Marktanteil

Anders war die Entwicklung in Deutschland: Hier begann die Ära der Talkshows 1992 mit der gleichnamigen Sendung von Moderator Hans Meiser. Rund 1700 Folgen wurden von 1992 bis Anfang 2001 immer nachmittags um 16 Uhr auf RTL ausgestrahlt, von denen manche über 40 Prozent Marktanteil hatten. Weil das Format so gut ankam, startete RTL ein Jahr später mit der Talksendung von Ilona Christen. Auch bei ihr sprachen die Gäste über Themen wie "Warum lieben Frauen einen Mörder?", "Abenteuer Kaffeefahrt" oder "Ich bin 30 und impotent". Hinter Letzterem verbarg sich aber kein Sex-, sondern ein Medizinthema. Ab 1994 eroberten Jürgen Fliege und Arabella Kiesbauer die Mattscheibe. Es folgten unter anderem Bärbel Schäfer, Johannes B. Kerner, Vera Int-Veen, Sonja Zietlow und Oliver Geissen. Das Publikum blieb ihnen über viele Jahre treu.

Menschen für Politik begeistern

Heute ist eher der Politik-Talk an der Tagesordnung. In den zumeist einmal wöchentlich stattfindenden Gesprächsrunden geht es um politisch relevante und öffentlich interessante Themen. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender haben den Trend lange erkannt und setzen seit einigen Jahren auf Politik-Talk. Lange dabei sind beispielsweise Wieland Backes (SWR-Nachtcafé, seit 1987) Maybrit Illner (ZDF, seit 1999), Frank Plasberg ("Hart aber fair" auf ARD und WDR, seit 2001) oder Sandra Maischberger ("Menschen bei Maischberg" auf ARD, seit 2003). Von den privaten Sendern zog zuerst Sat. 1 nach: Seit 2011 läuft dort "Eins gegen Eins" mit Carl Strunz. Und seit Ende 2012 will Stefan Raab mit seiner Show "Absolute Mehrheit" vor allem wieder junge Menschen für Politik begeistern. Der beliebteste Politik-Talker ist im Moment aber Günther Jauch. Seit September 2011 verfolgen durchschnittlich 16 Prozent der Zuschauer jede Sonntagssendung. Mit den anspruchsvollen Themen der Polit-Shows konnte "Britt" nicht mehr mithalten. Das Publikum hat es satt, sich fremdzuschämen.

Quellen:
www.dwdl.de
www.bild.de
www.spiegel.de
www.wikipedia.de
www.quotenmesser.de

Franziska Böhl

Die Daily-Talkshows in Deutschland

Das Erste

-          Jürgen Fliege mit "Fliege – die Talkshow" (1994-2005)

ZDF

-          Thomas Ohrner mit "Mensch, Ohrner!" (1998-1999)

RTL

-          Hans Meiser mit "Hans Meiser" (1992-2001)

-          Ilona Christen mit "Ilona Christen" (1993-1999), Nachfolger wurde Oliver Geissen mit "Die Oliver Geissen Show" (1999-2009)

-          Bärbel Schäfer mit "Bärbel Schäfer" (1995-2002)

-          Birte Karalus mit "Birte Karalus" (1998-2000)

-          Sarina Staubitz mit "Sarina" (1999-2000)

-          Natascha Zuraw mit "Natascha Zuraw" (2008)

ProSieben

-          Arabella Kiesbauer mit "Arabella" (1994-2004), hinzu kam die Spätabendvariante "Arabella Night" (1996-1997)

-          Michael Lindenau mit "Lindenau" (1994)

-          Andreas Türck mit "Andreas Türck" (1998-2002), Nachfolger wurde Tobias Schlegl mit "Absolut Schlegl" (2002)

-          Nicole Noevers mit "Nicole – Entscheidung am Nachmittag" (1999-2001)

Sat. 1

-          Wolf-Dieter Herrmann mit "Herrmann" (1993)

-          Vera Int-Veen mit "Vera am Mittag" (1996-2006)

-          Johannes B. Kerner mit "Kerner" (1996-1998), Nachfolger wurde Jörg Pilawa mit "Jörg Pilawa" (1998-2000), Nachfolger wurde  Franklin (Frank Schmidt) mit "Franklin – Deine Chance um 11" (2000-2004)

-          Sonja Zietlow mit "Sonja" (1997-2001), Nachfolgerin wurde Britt Hagedorn mit "Britt – Der Talk um eins" (2001-2013)

-          Ricky Harris mit "Ricky!" (1999-2000), Nachfolger wurde Peter Imhof mit "Peter Imhof" (2000-2001)

VERÖFFENTLICHT AM

15. April 2013

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