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Hochschule der Medien

Charlie Hebdo

In der Lehre sind wir alle Charlie

Kaum ein Ereignis seit dem letzten Weltkrieg hat sich so gegen die westlichen und europäischen Werte gerichtet wie der Anschlag gegen das Pariser Satireblatt. Was kann die Lehre an den Hochschulen leisten, damit Presse- und Meinungsfreiheit nicht relativiert, sondern als Errungenschaften einer geistigen Aufklärung verstanden werden, die es zu verteidigen gilt? Die HKom der HdM hat mit der Ethikbeauftragten der HdM, Prof. Dr. Petra Grimm, über das Thema gesprochen.

Teilnehmer am Trauermarsch in Paris am 11. Januar 2015 (Quelle: Wikimedia Commons, User:Poulpy)
Rota: Welche medienethischen Aspekte resultieren aus den Anschlägen auf Charlie Hebdo?

Grimm: Auf der einen Seite ist da natürlich das Thema der Pressefreiheit. Auf der anderen Seite geht es um die rechtlichen Aspekte insbesondere die Verletzung der Gefühle aus religiöser Sicht. Schon beim ersten Karikaturenstreit haben sich die Medien unterschiedlich zu dem Thema verhalten. Manche haben die Karikaturen abgedruckt, aber viele große deutsche Zeitungen wie die FAZ oder SZ haben es nicht getan, um die Hitze der Debatte nicht weiter anzuheizen. Jeder sollte sich über Religion lustig machen können, solange es im Rahmen von Satire und Karikatur ist.

Rota: Kann man das nicht so sehen, dass sich die Medien, die diese Karikaturen nicht abgebildet haben, selbst einen Maulkorb angelegt haben? Vielleicht fürchteten diese ja schon mögliche Sanktionen?

Grimm: Das kann man natürlich so interpretieren und es ist eine Frage der Abwägung, ob das Recht der Pressefreiheit oder der Schutz einer religiösen Empfindung höher bewertet wird. Für uns in der Lehre gilt es gerade an dieser Stelle, eine große Sensibilisierung zu schaffen für die Pressefreiheit als höchstes Gut in einer Gesellschaft. Es gilt klar zu machen, dass es Länder gibt, in denen die Pressefreiheit ein unverbrüchliches Recht darstellt. Es gibt aber auch Länder, wie sogar innerhalb der EU beispielsweise Ungarn, in denen dieses Gut eben unterdrückt wird. Man muss den Studenten hier das Verständnis dafür mitgeben, was es hieße, wenn die Presse nicht mehr frei wäre. Die Pressefreiheit ist ein Pfeiler für das demokratische Grundverständnis. Keine Pressefreiheit zu haben bedeutet, keine Meinungsfreiheit zu haben und somit auch keine Freiheit in der politischen Meinungsäußerung beziehungsweise Wahl bei der Meinungsbildung im politischen Leben und Empfinden. Hier gilt es, Beispiele für die Studenten zu finden, die nah an ihnen dran sind, also zum Beispiel was es bedeuten würde, wenn ihre Meinungsäußerung in den sozialen Medien beschnitten würde. Die Meinungs-, Informations- und Pressefreiheit sind Beispiele für ein gelingendes und gelungenes demokratisches Leben.

Rota: Braucht es eine europäische Dimension zum ethischen Umgang mit Meinungen, sozusagen eine gesamteuropäische, offen definierte Haltung zum Thema Pressfreiheit?

Grimm: Nicht nur in Deutschland, auch in Europa muss das Thema stärker in die öffentliche Diskussion, denn Gefahren gibt es genügend. Zum einen kann die Pressefreiheit natürlich strukturell unterwandert werden, indem beispielsweise in den Medien nur noch Unterhaltung gezeigt wird und keine politische Kritik mehr geäußert werden darf und kann. Zum anderen gibt es dann die inhaltliche Unterwanderung der Pressefreiheit, wie zum Beispiel in der Türkei, wo jeder, der sich gegen das Regime äußert, stummgeschaltet wird. Die Reporter ohne Grenzen führen seit Jahrzehnten einen Kampf gegen diese Unterwanderung und für das Wertemodell der Presse- und Meinungsfreiheit. Es geht auch auf dieser Ebene darum, die Studenten dafür zu sensibilisieren, was guter Journalismus ist: die Multiperspektivität der Information, das Betreiben von Aufklärung, das Ansprechen von Werten und so weiter. Diese Sensibilisierung ist unsere Aufgabe als Medienhochschule.

Rota: Soll man dem Thema Pressefreiheit insgesamt größeren Raum einräumen in der Lehre?

Grimm: Ja, das Thema muss aktualisiert werden und es gehört zu den Basiskompetenzen der Studenten, sich mit journalistischen Themen in ihrer gesamten Bandbreite auseinanderzusetzen.

 

Diana Madeheim

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Franco Rota

VERÖFFENTLICHT AM

12. Januar 2015

ARCHIV

Medienwelt
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Matthias Bürgel

am 13.01.2015 um 09:34 Uhr

An dieser Stelle möchte ich mich ausdrücklich für dieses Interview zum Thema Meinungs- und Pressefreiheit bedanken! Mich hat die Ermordung von Journalisten tief getroffen, zumal in dem Land, das ich seit gut 30 Jahren regelmäßig besuche und bereise. Frankreich war für mich beim Thema Meinungsfreiheit immer ein Vorbild. Wer mich als Kollege und Personalrat kennt, weiß, daß ich immer für offenen und angstfreien Meinungsaustausch überall und zu jedem Zeitpunkt stehe. In unserer Hochschule sollte das hohe Gut Meinungsfreiheit offen "gelebt" werden. Auch unliebsame und kritische Töne in jede Richtung müssen zugelassen werden. Es darf keine Tabuisierung oder Einschränkung einzelner Meinungen geben. Das bedeutet für mich Meinungsfreiheit! Wenn man also aus diesen barbarischen Mordtaten überhaupt eine Lehre ziehen kann, dann die, die eigene Meinung offen zu sagen!

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