Aufsatz

Klebrige Falschheit in der Mediengesellschaft

Desinformation als nihilistischer Kitsch der Digitalität

Erschienen ist der Beitrag in: Petra Grimm & Oliver Zöllner (Hrsg.): Digitalisierung und Demokratie. Ethische Perspektiven. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2020.
Erschienen ist der Beitrag in: Petra Grimm & Oliver Zöllner (Hrsg.): Digitalisierung und Demokratie. Ethische Perspektiven. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2020.

In einem Langessay analysiert HdM-Professor Oliver Zöllner, warum sich "Fake News" und Verschwörungs­erzählungen - die "klebrige Falschheit" - so prominent in unseren digitalen Alltag einnisten konnten. Er zeichnet hierfür die in der Moderne zunehmend ins Wanken geratenen Wahrheits­konzepte sowie die normativen Konse­quenzen dieser Entwicklung nach und ordnet sie aus medien­historischer, kommuni­kations­soziologischer und philo­sophischer Perspektive ein. Zöllners zentrale These lautet, dass Desinfor­mation, Lüge und "Fake News" Ausdruck einer nihilisti­schen Haltung in der Gesell­schaft seien. Nachzu­lesen ist der Beitrag in Band 18 der Schriften­reihe Medien­ethik, der 2020 unter dem Titel "Digitali­sierung und Demokratie: Ethische Per­spektiven" im Franz Steiner Verlag erschienen ist.

Der Autor legt in sieben Analyse­schritten unterschiedliche Aspekte einer "Krise der Wahrheit" dar, wobei er vor allem auf Verschwörungs­theorien, rechtspopulistische Medien­angebote, die sog. Postmoderne und Konstrukte des Nicht-Wahren eingeht. Er führt detailliert aus, inwiefern Erschütterungen der Erkenntnis­voraussetzungen und ein Nihilismus des "Kitschs" - der "klebrigen", aber gerade deswegen so attraktiv wirkenden Falschheit - beobachtbar sind. Am Ende skizziert der Beitrag auch Lösungsansätze, wie mit Desinformation und Wahrheits­krisen umzugehen sein könnte. Einen Baustein hierfür sieht er in der Weitererzählung und Fortentwicklung eines an Freiheit orientierten Ethik- und Bildungsansatzes, der im Kern auf Karl R. Popper zurückgeht..

Zöllner geht davon aus, dass in der gegenwärtigen Mediengesellschaft das Nicht-Wahre systemisch aufgeplustert sei. Die erheblich akzelerierte technische Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat die Epistemologie des Menschen verändert: die Grundlagen, Wissen und Erkenntnis zu verarbeiten und rational zu sortieren. Die Medialisierung und speziell die Digitali­sierung brachten neue, nicht lineare Organisations­formen des Wissens wie auch eine Vielzahl neuer Kanäle und neue Möglichkeiten der Publizität mit sich.

Bullshitting als Prinzip

Der Moralphilosoph Harry G. Frankfurt (2005) zeichnet mit Blick auf den gegenwärtigen Umgang mit der Wahrheit in der Mediengesellschaft das eingängige Bild der Fäkalienproduktion in einer Auseinander­setzung zwischen zwei Bullen nach: Um seinen Gegner abzulenken und zu beeindrucken, emittiert eines der beiden Tiere Exkremente. Der umgangs­sprachliche bullshit ist bei Frankfurt das zentrale Bild des Verlustes der gesellschaftlichen Übereinkunft, sich auf die Wahrheit zu beziehen. In (post-, meta-)modernen westlichen Gesellschaften nähmen neue Formen der Nicht-Wahrheit eine herausragende Position ein, die allerdings nicht mit der Lüge gleichzusetzen seien. Bullshit sei das, was sich vom prinzipiellen Anliegen der Wahrheit entbunden habe. Hauptzweck und Ziel sei die Erschaffung eines Eindrucks, der zwar falsch und unwahr sein mag, aber eben den Vortragenden des Bullshit in den Mittelpunkt stelle und somit von der Sache an sich ablenke. Der bisherige US-Präsident Trump ist hierfür sicher ein treffendes aktuelles Beispiel, aber keineswegs das einzige. Die Wahrheit ist ihm und anderen einschlägigen Protagonisten des Politikbetriebs schlichtweg egal, man denke nur an Boris Johnson, Vladimir Putin oder Viktor Orbán.

Trump & Co. machen deutlich: Der Wille zur Wahrheit ist eine Kompetenz an sich; wird er von Falschheit hintergangen oder durchkreuzt, landet eine Gesellschaft in einer Situation der diskursiven Inkompetenz. Zu beobachten ist dies etwa auch bei den Zweiflern und Leugnern der Corona-Pandemie. Die Postmoderne - wenn wir bei dieser phänomenologischen Bezeichnung bleiben wollen - beklagt diese Krise der Legitimität von Wahrheit nicht einmal, sie begrüßt sie vielmehr. Denn was nach der Wahrheit kommt, ist die Praxis, Bedeutungen strategisch zu konstruieren. Fiktionen können sich in der Digitalität als irreführende Desinformation zunehmend in die öffentliche Kommunikation einschreiben und dort einen prominenten Platz einnehmen. Die Volatilität ebendieser diskursiven Praxen - alles scheint möglich - basiert nicht zuletzt auch auf der Ausweitung der verfügbaren Verbreitungsmittel. Dies ist die Rahmenbedingung, die nach der Postmoderne eine Metamoderne möglich macht und es ermöglicht, in der Gesellschaft mehrere (scheinbar gleichberechtigte) Diskurse gleichzeitig bzw. nebeneinander zu führen ohne Einigung, welche Argumentation wahr ist.

Jayson Harsin (2015) nennt eine solche systemische Dominanz des Unwahren in einem stark von Social Media und anderen Online-Plattformen beeinflussten gesellschaftlichen und politischen Diskursraum ein "regime of posttruth", also eine Herrschaftsform der Nach-Wahrheit. Sie sei ein Merkmal "postpolitischer" Gesellschaften, d. h. Ausdruck eines disruptiven Übergangs von traditionell geordneter Politik zu neuen Formen politischen Handelns, für die es offenbar noch keinen besseren Begriff als eben den mit dem Präfix post- gibt. Man könnte formulieren, dass diese posttruth kitschig ist. Sie bleibt an uns kleben.

Falschheit und Kitsch

Es ist das Wesen des Kitsches, auf Falschheit zu beruhen und das Reale lediglich zu simulieren. Verschwörungs­theorien und Fake News plustern sich zu absoluten, hermetischen Welterklärungsmodellen auf, die keine Falsifizierung ertragen oder dulden. Wir können solche Desinformation mit Hans-Dieter Gelfert (2000) unschwer als "ideologischen Kitsch" identifizieren. Der Kitsch weist dabei stets in die Vergangenheit zurück, recycelt sie in einer (durchaus metamodern zu interpretierenden) erwünschten Weise. Das funktioniert auch im Kontext demokratischer Gesellschaften. Das süßliche Lächeln eines britischen Thronfolger­paars auf einem geschickt lancierten PR-Foto anlässlich eines Picknicks, das nicht stattgefunden hat (hiervon hat Oliver Zöllner bereits an anderer Stelle im HdM-Science-Portal berichtet), kann mit seinem symbolischen überzeitlichen Herrschaftsanspruch für die Monarchie genauso falsch und unwahr sein wie die Breitbart-News-Story von einer brennenden Kirche in Dortmund, die nicht gebrannt hat. Beide Stories verfolgen unterschiedliche Ziele, haben aber gemeinsam, dass sie sich dem Prinzip der Aufklärung entgegen stellen. Sie kreieren an ihrer Leerstelle - der Wahrheit - etwas Neues: eine Aussage über den Zustand der Gesellschaft, in der sie produziert werden. Das inszenierte Foto vom sympathischen britischen Thronfolgerpaar, das der Weltpresse seinen erstgeborenen Sprössling präsentiert, verweist auf das archaische Narrativ der Fruchtbarkeit und per Übertragung auf das Überleben einer eigentlich überkommenen, prämodernen Staatsform, für die die jungen Eltern sich in Positur setzen. Verschwörungstheoretisch basierte Fake News wie die vom Webportal "Breitbart News" publizierte fremden­feindliche Geschichte von einer angeblich marodierenden Meute muslimischer Männer in Dortmund zu Silvester 2016/17 gehen auf ebenso archaische Urnarrative der Menschheit zurück: die Angst vor dem fremden Eindringling, der eine potenziell tödliche Bedrohung für die eigene Gruppe darstellt.

Im gesellschaftlichen Funktionssystem der Medien mag solcher Kitsch zwar eine Art "Abfall" sein, aus dem "die Informationen zum Teil ausgewischt wurden" und der so in den kulturellen Kreislauf zurückgespült wird, wie Vilém Flusser (1985) anmerkt. Damit ist er aber auch ein Genussmittel. Aufgeplusterte Nachwahrheit oder Postfaktizität, die sich in Form von Verschwörungserzählungen, Desinformation und Fake News in Form bringt, ist demnach Ausdruck einer Überfütterung und einer Faulheit des Denkens auf Seiten der Rezipientinnen und Rezipienten; sie ist damit auch eine Aussage über den Zustand der Gesellschaft insgesamt, die mit Phänomenen der Auflösung sozialer, diskursiver und epistemischer Strukturen zu kämpfen hat. Solch ideologischer Kitsch, inhaltlich meist Bullshit, verweist auf eine Negation des Lebens. Wir unterliegen einer Ohnmacht, der Wahrheit ins Auge zu blicken - und das scheint sogar angenehm. Wir dürfen den Kitsch und seine Klebrigkeit daher abschließend aus dem philosophischen Blickwinkel des Nihilismus näher betrachten, der diese Art der Negation in den Mittelpunkt seiner Argumentationen stellt.

Nihilismus und Disruption

Man kann festhalten: Bullshit floriert in der Verviel­fältigung. Die Evolution der Mediensysteme liefert hierfür die Grundlagen. Die fortschreitende Medialisierung multipliziert den Bullshit. Jeder kann nun öffentlich sprechen und senden. Die Wahrheit wird variabel. Die zu Falschheit aufgeplusterte Nachwahrheit fordert Aufmerksamkeit und erscheint vielen gar als glaubwürdige Information. Kommunikate dieser Art dienen oft politisch-propagandistischen Zwecken, vor allem aber sind sie im World Wide Web und in sozialen Online-Netzwerken Elemente einer umfassenden ökonomischen Ausbeutung von Datensätzen. Die Wahrheit erscheint allmählich einerlei. Die Gesellschaft gibt sich nur allzu oft mit einem simulierten Ersatz, dem Kitsch, zufrieden. Dies ist vorerst unser Szenario, wenn wir uns mit Verschwörungs­theorien und den vielfach auf sie aufbauenden Nachrichten-Attrappen beschäftigen. Die Bedeutungen der Desinformation enden keineswegs im Nichts - schließlich unterliegen Fake News und verwandte Phänomene im teleologisch-utilitaristischen Sinne klaren ökonomischen über darüber hinaus auch politischen Verwertungszusammenhängen, was Shoshana Zuboff (2019) in großem Detailreichtum analysiert hat. Dennoch führen sie uns auf den ersten Blick an das Ende des linearen Sinns, der klassisch falsifizierbaren Bedeutungen und der Legitimität von Wahrheit heran. Hinter der Produktion, Distribution und Rezeption von Desinformation könnte ein nihilistisches Prinzip stecken.

Es mag die Furcht vor den Zumutungen der zweiten Moderne und allen ihren Veränderungen und eben ihrer Freiheit sein, die die Enttäuschten antreibt, aktiv das Falsche in die Welt zu setzen, mit Konstrukten der Falschheit also an der Veränderung der Welt zu arbeiten und damit einen passiven Nihilismus der Trägheit hinter sich zu lassen. Dieses Veränderungsstreben ist ein gleichermaßen aggressives wie regressives: Indem die Verfälscher der Welt mit der Freiheit konfrontiert werden - der eigenen wie auch mit der Freiheit anderer Menschen -, stehen sie einer Verantwortung gegenüber, und diese Verant­wortung birgt immer auch Furcht in sich. Diese Facetten menschlicher Existenz negieren die Protagonisten der Falschheit durch ihre Umwertung der Werte und bringen sich damit in einen quasi kindhaften Zustand zurück: einen Zustand vor der Verantwortung, aktualisiert als einen der Verantwortungslosigkeit und Unfreiheit, worauf der Philosoph Nolen Gertz (2019) hinweist. Es scheint vielen angenehmer, in einem kindlichen Zustand ohne Verantwortung für die eigene Gestaltung des Lebens zu leben, als sich den Entscheidungen zu stellen, die ein autonom zu führendes Leben immer einfordert, und sich der Wahrheit zu stellen.

Wozu 'posttruth'?

Die Persistenz der Narrative der posttruth, die sich so festsetzen, ist bemerkenswert. In ihnen gedeiht der klebrige Kitsch der Desinformation und Nachwahrheit. Für die Produzenten dieser Informations-Attrappen ist die Frage nach dem 'Wozu' leicht zu beantworten und mit dem propagan­distischen Telos ihres Bullshits zu erklären. Sie wollen die ohnehin Überzeugten in der diskursiven Blase ihrer selbstreferentiellen Überzeugungen halten und Zweifler auf ihre Seite ziehen. Für die Intermediäre, also die Tech-Konzerne und ihre vielfältigen Distributionsplattformen für Desinformationen, ist der ökonomische Zweck im Sinne ihrer Geschäftsmodelle an erster Stelle ihrer Zielorientierung zu nennen, gefolgt von ihrer eher hintergründig aufscheinenden ideologischen Orientierung an Macht und Disruption. Insgesamt erlaubt dieser Zustand vielen Menschen, ihre eigene gefühlte Ohnmacht und Orientierungslosigkeit zu genießen und zu zelebrieren. Neuerdings kann man sich damit sogar als "Querdenker" gerieren und eine vorgebliche Helden- oder Rebellenrolle einnehmen. Von daher scheinen der Kitsch und der Nihilismus der posttruth ein Lösungsangebot (in) der Digitali­sierung zu sein: wie man mit den Anforderungen der digitalen Gegenwart umgehen kann. Überforderung und Ohnmachtsgefühle brauchen ein Ventil. Aber der Druck, der sich in diesem Kessel bildet, ist schädlich für die Gesellschaft und für das Miteinander.

Wie man diesen Heraus­forderungen der Gegenwart begegnet, ist ausführlich im Essay von Oliver Zöllner nachzulesen; die obigen Ausführungen umreißen nur einige der Hauptthesen. Wenn alles Leben aber Problemlösen ist, wie Karl R. Popper ja immer betont hat, so haben wir viel zu lösen - und noch viel Leben und Nachdenken vor uns.

Der Beitrag:

Zöllner, Oliver (2020): Klebrige Falschheit. Desinformation als nihilistischer Kitsch der Digitalität. In: Petra Grimm/Oliver Zöllner (Hrsg.): Digitalisierung und Demokratie. Ethische Perspektiven (= Reihe Medien­ethik, Band 18). Stuttgart: Franz Steiner Verlag, S. 65-104. ISBN 978-3-515-12826-1 (Print), ISBN 978-3-515-12827-8 (E-Book).

 

Angeführte Literatur:

Flusser, Vilém (1985): Gespräch, Gerede, Kitsch. Zum Problem des unvollkommenen Informationskonsums. In: Harry Pross (Hrsg.): Kitsch. Soziale und politische Aspekte einer Geschmacksfrage. München: List, S. 47-69.

Frankfurt, Harry G. (2005): On bullshit. Princeton, Oxford: Princeton University Press.

Gelfert, Hans-Dieter (2000): Was ist Kitsch? Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Gertz, Nolen (2019): Nihilism. Cambridge MA, London: MIT Press.

Harsin, Jayson (2015): Regimes of posttruth, postpolitics, and attention economies. In: Communication, Culture & Critique, Vol. 8, No. 2, S. 327-333.

Nietzsche, Friedrich (1988): Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. Stuttgart: Reclam [zuerst 1887].

Popper, Karl R. (1996): Alles Leben ist Problemlösen. In: ders.: Alles Leben ist Problemlösen. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik. München, Zürich: Piper, S. 255-263 [Vortrag von 1991].

Popper, Karl R. (2003): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band II: Falsche Propheten. Hegel, Marx und die Folgen. 8. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck [im Original zuerst 1945].

Zöllner, Oliver (2019): Das Picknick von Bucklebury: ein Genrebild erfolgreicher Herrschaftsdiskurse im Medienzeitalter. Eine dokumentarische Analyse. In: Matthias Junge (Hrsg.): Das Bild in der Metapher. Bilder des Erfolgs - Bilder des Scheiterns. Wiesbaden: Springer VS, S. 89-115.

Zuboff, Shoshana (2019): The age of surveillance capitalism: The fight for the future at the new frontier of power. London: Profile Books.

 

 


Erschienen in:

Digitalisierung und Demokratie. Ethische Perspektiven (= Reihe Medien­ethik, Band 18)
Auf den Seiten: 65-104
Autoren: Zöllner, Oliver
Hrsg.: Petra Grimm & Oliver Zöllner
Erscheinungsjahr: 2020
Verlag: Franz Steiner Verlag
Ort: Stuttgart

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Verlagsbeschreibung


Autoren

Name:
Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte
Forschungsgebiet:
Empirische Medienforschung, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Diplomacy
Funktion:
Professor
Lehrgebiet:
Medien-, Publikums- und Marktforschung, sozialwissenschaftliche Methodenlehre, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Relations, Public Diplomacy, Nation Branding, Hörfunkjournalismus
Studiengang:
Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
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