Vortrag

Das entwertete Buch

Moralisierte Angst vor unbotmäßiger Bereicherung am Beispiel eines öffentlichen Bücherschranks

Oliver Zöllners Vortrag in Salzburg analysierte das Markieren von Büchern und von Menschen.
Oliver Zöllners Vortrag in Salzburg analysierte das Markieren von Büchern und von Menschen.

Am 30. September 2021 hielt HdM-Professor Oliver Zöllner einen Vortrag an der Universität Salzburg. Anlass war die VIII. Tagung für Praktische Philosophie. Im Vortrag ging es um die philosophisch-ethische Ergründung eines öffentlichen Bücherschranks, in dem die gespendeten Bücher von den Betreibern plötzlich als "Leihbücher" gestempelt und markiert wurden. Der dahinterstehende Vorwurf lautete, manche Mitbürger:innen nähmen zu viele Bücher mit nach Hause, "plünderten" den Bücherschrank gar, um Bücher weiterzuverkaufen. Die Stempel sollten dem Einhalt gebieten. Zöllner hat diesen stadtteilinternen Diskurs anhand von Social-Media-Postings rekonstruiert, analysiert, in die philosophischen Ansätze zum Thema "Schenken" und "Groß-" vs. "Kleinmütigkeit" eingeordnet und in Form eines aristotelischen Dramas systematisiert. Am Ende stehen (wie es sich für die Philosophie gehört) viele Fragen, aber vor allem die Erkenntnis, dass der Diskurs im fraglichen Stadtteil auf kognitiven Irrtümern beruht, soziale Spaltungen innerhalb des Viertels widerspiegelt und letztlich nicht nur Bücher, sondern auch Menschen abstempelt.

Zöllners Vortrag geht von einem Beobachtungsfall in einem Stadtviertel im Ruhrgebiet aus. Dort wurde im Sommer 2020 von einem Bürgerschaftsverein ein öffentlicher Bücherschrank eingerichtet, wie es ihn in vielen Städten gibt und bei dem Menschen anonym und kostenlos Bücher einstellen und entnehmen können. Dieses Konzept ist von solidarischem und nicht zuletzt auch ressourcenschonenden Handeln in einer Überflussgesellschaft geprägt. Nach einem guten halben Jahr beschloss der Betreiber, die eingestellten Bücher an ihren Schnittkanten mit deutlich sichtbaren Stempeln zu versehen: "kostenloses Leihbuch vom Bücherschrank E-Margarethenhöhe". Grund für diese Markierungen war eine in Social-Media-Kanälen dargelegte Behauptung, dass der Bücherschrank von manchen Besucher:innen "regelrecht geplündert" würde, wie es hieß: Hier läge "der Verdacht nahe, dass Bücher massenhaft entnommen und dann irgendwo verkauft werden", so einer der ehrenamtlichen Aufsichtspersonen. Durch das Stempeln würden die Bücher jedoch "nahezu unverkäuflich", wie im sozialen Netzwerk nebenan.de gepostet wurde. Im Netz fand diese plötzliche Umstellung des öffentlichen Bücherschranks von einem ursprünglichen Ringtauschsystem mit Eigentumsübertragung an die Entnehmer:innen hin zu einem Leihsystem mit Eigentumsvorbehalt des Bürgerschaftsvereins größtenteils Zustimmung. Angesichts des nunmehr etablierten Narrativs der vorgeblichen "Plünderei" des Bücherschranks gelobten Social-Media-Nutzer:innen, dass ihre "Augen wachsam" seien: "Einen [Daumen rauf] für den Stempel!". Einige Postings kamen Vigilanzfantasien sehr nahe. Der Bücherschrank war plötzlich ein ganz anderer.

Nicht nur Bücher entwertet, sondern auch Menschen

Diese Aktion wirft neben juristischen auch ethische, soziale und psychologische Fragen auf. Stellt die Entnahme und längerfristige Inbesitzhaltung eines Buches aus dem Bücherschrank nunmehr eine strafbewehrte Unterschlagung eines Leihguts dar? Warum erschien den Verantwortlichen auf Seiten des Bürgerschaftsvereins eine nicht an Bedingungen geknüpfte Eigentumsaufgabe bzw. abstrakte Schenkung, wie sie für Bücherschränke typisch ist, plötzlich so untragbar? Wieso wurden nunmehr Narrative des Raubes und der "Plünderei" in den öffentlichen Diskurs eingebracht und eine vigilante Kontrolle des Bücherschranks eingeredet? Ist es gerechtfertigt, diesen Systemwechsel vorzunehmen? Diese Fragen lassen sich fortsetzen: Welchen ethischen Regeln folgt ein öffentlicher Bücherschrank in einer Überflussgesellschaft? Welche Normen verletzt zum einen das Stempeln der Bücher als Kulturobjekte bzw. überhaupt der Wechsel hin zu einem Leihsystem? Welche Normen verletzt zum anderen aber eine übermäßige Entnahme von Büchern bzw. sogar der (unterstellte, nicht bewiesene) Weiterverkauf entnommener Bücher etwa über Internet-Plattformen? Was bedeutet es, wenn eine vereinsrechtlich organisierte "Bürgerschaft" bestimmten Mitbürger:innen pauschal unethisches Verhalten (Übermaß, unbotmäßige Bereicherung) unterstellt?

Hieraus ergibt sich weiterer Klärungsbedarf: Gesetzt den Fall, die Bücher würden von manchen Nutzer:innen tatsächlich weiterverkauft, etwa aus einer finanziellen Notlage heraus: Inwieweit wäre dies sogar gerechtfertigt, das Einstellen von Büchern also somit ein Akt der Mildtätigkeit und ergo Großmütigkeit? Was bewirkt die soziale Exklusion evtl. bedürftiger Mitmenschen (von denen es im Stadtviertel und überhaupt im Ruhrgebiet nicht wenige gibt)? Und letztlich: Welche Art von Kränkung steckt möglicherweise hinter dem so vehementen Systemwechsel hin zum bloßen "Leihbuch"? Am Ende wurde im Stadtviertel die Situation befriedet und eine neue/alte Ordnung wiederhergestellt: Weiterhin kann man Bücher mitnehmen und auch behalten, nur dass sie jetzt gestempelt sind. Aber die Regelungen zur Benutzung des Bücherschrankes sind weiterhin intransparent und nirgendwo zu finden. Mit dem Wissen um die Auseinandersetzung und im Anblick der Entwertungsstempel ist dieser öffentliche Bücherschrank nun ein anderer, paradoxerweise privatisierter Bücherschrank.

Übermaßkritik und kognitive Irrtümer

Der Vortrag spürte den vielen aufgeworfenen Fragen nach und suchte im Sinne der praktischen Philosophie Antworten. Dabei bezog er sich u.a. auf klassische aristotelische Konzepte des Maßhaltens bzw. der Übermaßkritik. Statt Mäßigung sind beim verhandelten Fallbeispiel jedoch Zügellosigkeit auf beiden Seiten der Austauschbeziehung rund um den nachbarschaftlichen Bücherschrank zu finden: ein vehementes Anprangern von ärmeren Mitmenschen, die nach kleineren Einkommensquellen nebenher suchen (deren so beschriebenes Verhalten allerdings unbewiesen bleibt); aber auch deren Empfindungslosigkeit einem fragilen Anstands- bzw. Etikettekonzept gegenüber. Letzteres wäre allerdings nur zu konstatieren, wenn denn wirklich in größerem Maß entnommene Bücher weiterverkauft würden; aber allein diese Annahme führt zu einer Zügellosigkeit der öffentlichen Anschuldigungen (und einer höchst akribischen Stempelei), die dem gedeihlichen Zusammenleben im Stadtviertel eher abträglich ist.

Man konnte im stadtteilinternen Diskurs sehr deutliche Tendenzen zur Moralisierung erkennen bis hin zur moral panic. Inwieweit wäre bei diesem Fallbeispiel eine gerechte Mitte (mesotes) zu finden, die im Sinne einer Großmütigkeit (megalopsychia) die Annehmbarkeit selbst der schlechtestmöglichen Haltung sicherstellt? Nicht übersehen werden sollte, dass der Bürgerschaftsverein selbst regelmäßig einen Teil der eingestellten Bücher entfernen und wegwerfen lässt, das scheinbar so wertvolle Luxusgut Buch also tatsächlich ein wertloses Überflussgut ist, für das man auf Flohmärkten und in antiquarischen Internetportalen bestenfalls Centbeträge erhält, würde man die eingestellten Schmöker denn verkaufen wollen. Insofern war das Thema des Vortrags ein schönes Fallbeispiel für gesellschaftliche Organisation im lokalen Nahbereich, soziale Hierarchisierungen und Stigmatisierungen und deren letztlich unzulängliche ethische Reflexion. Wie eigentlich will man hier einen Beitrag zum guten Leben leisten? More thinking is needed.

 

Vortrag auf Veranstaltung: VIII. Tagung für Praktische Philosophie
Veranstaltungsort: Universität Salzburg
Datum: 30.09.2021 bis 01.10.2021

Weiterführende Links:
Website der Tagung für Praktische Philosophie


Autoren

Name:
Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte
Forschungsgebiet:
Digitale Ethik, Empirische Medienforschung, Soziologie der Medienkommunikation, Public Diplomacy
Funktion:
Professor
Lehrgebiet:
Medienforschung, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Diplomacy, Nation Branding, Hörfunkjournalismus
Studiengang:
Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
Raum:
216, Nobelstraße 10 (Hörsaalbau)
Telefon:
0711 8923-2281
Telefax:
0711 8923-2206
E-Mail:
zoellner@hdm-stuttgart.de
Homepage:
https://www.oliverzoellner.de
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