Vortrag

Desinformation als Kitsch der digitalen Gesellschaft

Keynote auf dem Future Media Day 2020

Die HdM (im Bildhintergrund) war Kooperationspartner des Future Media Day. Auf dem Bild von links nach rechts: LFK-Präsident Dr. Wolfgang Kreißig, Keynote-Speaker Oliver Zöllner, Moderatorin Hendrike Brenninkmeyer (Foto: Oliver Zöllner).
Die HdM (im Bildhintergrund) war Kooperationspartner des Future Media Day. Auf dem Bild von links nach rechts: LFK-Präsident Dr. Wolfgang Kreißig, Keynote-Speaker Oliver Zöllner, Moderatorin Hendrike Brenninkmeyer (Foto: Oliver Zöllner).

Am 25. Juni 2020 hielt HdM-Professor Oliver Zöllner eine Keynote auf dem "Future Media Day", den die Landes­anstalt für Kommuni­kation (LFK) Baden-Württem­berg mit zahlreichen Kooperations­partnern veranstaltet hat. Der Corona-Pandemie geschuldet, fand die Veran­staltung virtuell statt: in den Weiten des Internets, aber sicher nicht weniger lebendig und vielseitig als im gewohnten Präsenz­format. Zöllners Keynote stand unter dem Titel "Fake News oder: Des­infor­mation ist der Kitsch der digitalen Gesell­schaft". Aus medienethischer Perspektive legt er darin die zukunfts­orientierte Wichtig­keit eines um­fassen­den gesell­schaftlichen Bildungs­programms für das Erkennen von Wahrheit und die Bekämpfung von Des­infor­mation dar. Im Folgenden findet sich sein Plädoyer für eine reflexive Medien­kompetenz dokumentiert.

 

FAKE NEWS

oder:

DESINFORMATION IST DER KITSCH DER DIGITALEN GESELLSCHAFT

 

Nicht erst während der Corona-Pandemie haben wir es deutlich gespürt: Bewusst falsche Nachrichten und Fantasie-Erzählungen finden sich in vielen Ecken des Mediensystems. Sie raunen uns etwas zu, behaupten etwas, was jeder Tatsache und jeder vernünftigen Grundlage entbehrt. Corona etwa sei „eine Erfindung" dieser oder jener Regierung, oder von einem Geheimdienst in die Welt gesetzt worden, um die Menschheit „zu vernichten" oder aber mindestens, um die „Demokratie außer Kraft" zu setzen. In der Logik dieser Verschwörungs-Erzählungen will permanent jemand die Macht übernehmen - mal ist es der Software-Unternehmer Bill Gates; oder vielleicht die CIA; oder Angela Merkel, die die deutsche Bevölkerung vorgeblich gegen eine andere Bevölkerung „austauschen" möchte - usw. usf. Ich will diesen groben Unfug hier nicht auch noch weiter wiederholen. Diese Gerüchte, die speziell in den sozialen Online-Netzwerken große Verbreitung finden, dienen letztlich nur dazu, uns verrückt zu machen und uns zu verunsichern.

Mich haben diese und andere absurde Behauptungen auch schon „vor Corona" beschäftigt. Als Medienethiker habe ich mich gefragt, warum Verschwörungs-Fantasien und Erzählungen dieser Art so prominent wurden, warum unwahre Pseudo-Nachrichten weltweit so breiten Glauben finden. Und natürlich habe ich mich gefragt, was man der Unwahrheit, der Falschheit, entgegenhalten kann. Ich möchte dies in zwei Thesen darlegen.

  • Meine These Nummer 1: Fake News und Verschwörungs-Erzählungen sind der Kitsch der digitalen Gesellschaft, sozusagen unsere Nippes-Figürchen im Internet. Aber anders als der Nippes-Kitsch in den Regalen, der ja eine bloße, manchmal sogar witzige Geschmacksverirrung sein kann, richten die Fakes mit ihren Verleumdungen echten Schaden an. Sie zerstören mit ihren permanenten Wiederholungen von Falschheiten allmählich die Grundlage für die Wahrheit. Kitsch hat hauptsächlich die Aufgabe, Stimmungen zu erzeugen. Kitsch gründet auf grober Schwarz-Weiß-Malerei und der Grellheit der Behauptungen. Er schreit uns an. Er verweist auf die Vergangenheit. Viele Menschen geben sich nur allzu oft mit diesem simulierten Ersatz, eben dem Kitsch zufrieden. Und das ist schädlich für ein demokratisches Miteinander, das auf Vernunft aufbaut. Wir dürfen den Kitsch also nicht verharmlosen.

Es lässt sich nicht leugnen, dass unsere so zivilisiert und aufgeklärt geglaubte Welt zunehmend erhebliche Probleme hat, sich in angemessener Weise über sich selbst, ihre Ziele und ihre Fakten zu verständigen. Die Aufplusterung des Nicht-Wahren - Desinformation, Lüge, Fake News und Verschwörungs-Fantasie - erscheint als Ausdruck einer seltsamen Liebe zum „Bullshit", der ja immer vorgibt, etwas anderes zu sein, als er eigentlich ist. Wir kennen das aus der Werbung, aus der PR, manchmal auch aus dem Politikbetrieb, der leider viel von Werbung und PR gelernt hat, und wir sehen das in allen Winkeln des Internets, dieser riesigen Verteil-Maschine von Botschaften, wo alles irgendwie glaubhaft sein könnte, was gut aussieht.

Ich glaube, all diese Dinge machen uns Spaß. Und nicht zuletzt diese Freude am Falschen ist eine Form des Kitsches: der süßlichen, klebrigen Überhöhung der Form, die am Ende ihren Inhalt zerstört - in unserem Fall: die Wahrheit an sich in Frage stellt. Das Falsche kennt keine Werte, es leugnet sie - Philosophen würden es als „Nihilismus" bezeichnen. Am Ende steht nur die Auflösung des Bestehenden, aber nicht die rationale, vernünftige Suche nach etwas Besserem.

  • Meine These Nummer 2 lautet: Unser Miteinander, unsere Gesellschaft, bedarf einer neuen Verständigung über ihre Werte, über das, was uns Wahrheit und Vernunft tatsächlich wert sind. Im Mittelpunkt eines neuen Nachdenkens über diese Werte benötigt unsere Gesellschaft einen neuen Grundkonsens ihrer Bürgerinnen und Bürger, der deutlich herausstellt, was wünschenswert und sinnvoll ist - und was nicht. Der britische Historiker Timothy Garton Ash hat dafür den wunderbaren Begriff der „robusten Zivilität" geprägt. Robuste Zivilität ist offen für Argumente von allen Seiten und handelt demokratisch Regeln aus, wie diese Argumente weiter behandelt werden - aber sie hegt auch Positionen ein (und markiert sie als „unerwünscht"), die den Fortbestand der Gesellschaft gefährden.

Demokratische Spielregeln wie etwa das sehr wichtige Grundrecht auf Meinungsfreiheit wird im Sinne einer robusten Zivilität also nicht so extrem ausgelegt, dass „irgendwie alles geht" (und damit dann bald nichts mehr), sondern unter der Maßgabe der Abwehr der Feinde einer offenen Gesellschaft vielmehr so herzhaft verteidigt, dass Wahrheit, Vernunft und Demokratie als unaufgebbare Werte an sich erscheinen. Diese Verständigung, dieser Grundkonsens, muss gelehrt und gelernt werden. Bloßes Schulterzucken reicht längst nicht mehr als Antwort. Ein Werterelativismus hilft der Gesellschaft nicht weiter.

Vielmehr brauchen wir weitere Bildungsanstrengungen, die bei Werten ansetzen: Wie will ich leben, in was für einer Gesellschaft will ich erblühen? Was für ein Mensch will ich sein? Und was heißt das: Mensch-Sein?

Wenn wir anfangen, diese Fragen zu beantworten, landen wir beinahe unausweichlich bei der Suche nach der offenen Gesellschaft, die sich über Wahrheit verständigen kann. Das Internet und seine wunderbaren Spaßprogramme haben uns beigebracht, dass Katzenvideos süß sind und dass Klicken, Liken und Swipen reicht. Wir sind in den letzten 25 Jahren der Digitalisierung irgendwie ganz OK damit durchgekommen. Aber ich glaube, jetzt ist es an der Zeit, in dieser neuen digitalen Gesellschaft erwachsen zu werden. Es geht um mehr als Spaß, es geht um mehr als Katzenvideos oder Chat-Botschaften. Es geht darum, als Gesellschaft mit der beschriebenen klebrigen Kitschigkeit der Desinformation umzugehen zu lernen - und sie zu erkennen und letztlich zu bekämpfen. Wir müssen wissen, wie „die Medien" funktionieren. Funktionieren bedeutet hier, nicht nur zu wissen, wie man Geräte und Programme im Alltag bedient, sondern vor allem, wie die Geschäftsmodelle und Verbreitungsmechanismen von Botschaften funktionieren. Nötig ist also eine reflexive Medienkompetenz.

Wir haben uns an die Freiheit gewöhnt und nehmen diesen Zivilisationsstand quasi als gegeben hin. Er ist sehr angenehm. Wir können diese Freiheit gestalten, müssen dafür aber auch Ziele formulieren. Die Welt ist nicht problemfrei, und wir sind als Menschen dazu aufgefordert, Lösungsvorschläge zu entwickeln. Unsere Welt darf genauso wenig reflexionsfrei sein. Wir müssen lernen nachzudenken, was uns Wahrheit und Vernunft bedeuten. Am besten schon in der Grundschule. Wir stehen also am Anfang einer Debatte und eines gesellschaftlichen Lernprozesses, der weit in die Zukunft weist.

 

 

Vortrag auf Veranstaltung: Future Media Day
Veranstaltungsort: Internet
Datum: 25.06.2020


Autoren

Name:
Prof. Dr. Oliver Zöllner  Elektronische Visitenkarte
Forschungsgebiet:
Empirische Medienforschung, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Diplomacy
Funktion:
Professor
Lehrgebiet:
Medien-, Publikums- und Marktforschung, sozialwissenschaftliche Methodenlehre, Soziologie der Medienkommunikation, Digitale Ethik, Public Relations, Public Diplomacy, Nation Branding, Hörfunkjournalismus
Studiengang:
Medienwirtschaft (Bachelor, 7 Semester)
Fakultät:
Fakultät Electronic Media
Raum:
216, Nobelstraße 10 (Hörsaalbau)
Telefon:
0711 8923-2281
Telefax:
0711 8923-2206
E-Mail:
zoellner@hdm-stuttgart.de
Homepage:
https://www.oliverzoellner.de
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